Das Trio Yabe/Steuber/Theodorakis spielen am 06.01.2021 in der Reihe "Unerhörte Musik" des BKA Theaters im Stream. (Quelle: BKA Theater)
Audio: Inforadio | 06.01.2021 | Hendrik Schröder | Bild: BKA Theater

Livestream-Kritik | "Unerhörte Musik" - Ein Orkan an Tönen

Die Konzertreihe "Unerhörte Musik" macht auch im Lockdown weiter und streamt jeden Dienstag aus dem BKA Theater in Kreuzberg. Es gibt aktuell komponierte Kammermusik, die fordert und verblüfft. Von Hendrik Schröder

Seit 1989 gibt es die Konzertreihe "Unerhörte Musik". Wer so lange dabei ist, lässt sich auch vom Lockdown nicht entmutigen - und so wird die "Unerhörte Musik" jetzt eben gestreamt. Am Dienstag trat das Trio Yabe/Steuber/Theodorakis auf.

Zur Einordnung kurz vorweg: Neue Musik - das ist, wenn nichts mehr gilt, was mal galt in Sachen Harmonie, Takt und wie das eben zu sein hat. Alles darf, muss, soll anders. Außer der Reihe, nach ganz anderem System. Oder eben gar keinem.

Der Dienstagabend hat eine unglaubliche Dynamik. Emily Yabe an der Violine, Martin Steuber an der Gitarre, Ermis Theodorakis am Klavier. Ganz leise sirrend klingt es am Anfang und im nächsten Moment bricht ein Orkan an Tönen hervor. Was für ungeübte Ohren wie eine erratisch rausgehauene Kakophonie klingen mag, ist für das Trio Schwerstarbeit: Bis in die Haarspitzen konzentriert kauern sie über den Notenblättern, nickend, schwer atmend. Und schauen sich an - schauen sich oft an. Kleine, schnelle, vertraute Blicke, die sagen: "Jetzt? Jetzt!"

Zersägen mit stochastischen Mitteln

Yabe spielt mit aufgerissenen Augen und intensivem Blick. Gitarrist Martin Steuber kopfwackelnd kurz vorm Headbangen. Das Haar etwas wirr, runde Brille. Daneben Theodorakis von sanfter, natürlicher Autorität. Mit stochastischen Mitteln habe er das Stück zersägt und neu zusammengetackert, sagt er sinngemäß vor seinem Solo. Es gehe dabei um Tendenzen und Volatilität. In den kurzen, stillen Pausen zwischen den Stücken hört man einen Krankenwagen vorbeifahren - passt auch dazu.

Martin Steuber erklärt vor seinem Solostück, dass es von einem Hamburger Mörder handele, der einst die ganze Stadt in Atem gehalten habe. Das sei wichtig zu wissen, um das Stück besser zu verstehen. Dann beginnt er mit einem knarzigen Reiben auf den Gitarrenseiten, einem Kratzen auf dem Hals. Dann plötzlich ein Ziehen und Zerren an den Mechaniken, ein millimetergenaues Auseinanderquetschen der Nylonstrings. So geht das lange, minutenlang - und es klingt wirklich ziemlich unheimlich.

Aber dann geht es weiter im Trio: Dicht weben sich die drei Instrumente ineinander, jagen sich, verlieren sich wieder und fliegen übereinander hinweg. Das ist anstrengend - aber schön anstrengend.

Aberwitzig und verrückt

Ganz ehrlich: Ich kapiere nicht, was die da machen. Mein Verständnis klassischer Musik reicht nicht aus, um jetzt ernsthaft sagen zu können: "Oh, die Mikrotonalität der Toncluster ordnet sich bei den dreien unzweifelhaft in den Serialismus der 1950er Jahre ein." Ich kann nur sagen: Das klingt total geil, aberwitzig und verrückt. Die drei sehen harmlos aus in ihren gedeckten Klamotten und die Hemden fein in die Bundfaltenhose gesteckt - aber das sind totale Freaks, Musikfreaks. Die klingen wie Helge Schneider mit 2,8 Promille im Turm. Und das ist zu 100 Prozent ein Kompliment.

Beitrag von Hendrik Schröder

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