CTM 2021 Keyvisual (Quelle: CTM 2021)
CTM 2021
Audio: Inforadio | 22.01.2021 | Nadine Kreuzahler | Bild: CTM 2021

Kritik | CTM-Festival Berlin - Transformation auf allen Ebenen

Das CTM-Festival in Berlin lädt alljährlich dazu ein, experimentelle Musik sowie audiovisuelle Kunst aus aller Welt zu entdecken. In Clubs wird getanzt und diskutiert. Jetzt findet das Festival digital statt - geht aber über den einfachen Livestream hinaus. Von Nadine Kreuzahler

Die Galaxie liegt in tiefer Dunkelheit, das Leben auf dem fernen Planeten Alpha Lebbeus ist seit langem ausgelöscht. Aber durch Musik und Rhythmus kann nun wieder neues entstehen. Eine Science-Fiction-Erzählung bildet den Rahmen für eine Clubnacht der anderen Art: Die Besucher des CTM-Festivals werden zu Gamern und ihr Club zum Minecraft-Computerspiel. Mit dem Avatar geht es durch verschachtelte Räume und Levels, die optisch an Legosteine und Fantasy-Welten erinnern. Es gibt Dancefloors und DJ-Pulte, Portale und Aufgaben zu lösen. Clubkultur trifft Spielekultur. Man habe überlegt, was man online anders machen könne, als weiterhin nur den flachen Bildschirm zu bedienen und schöne Musikvideos zu präsentieren, sagt Oliver Baurhenn, einer der langjährigen Organisatoren des CTM-Festivals, das zurzeit wieder in Berlin stattfindet.

Club Matryoshka x CTM – Project Hyphae (Quelle: Club Matryoshka)
Bild: Club Matryoshka

Festival ohne Körperkontakt

Die Minecraft-Umgebung kommt vom "Club Matryoshka", einem DJ- und Künstler*innen-Netzwerk von den Philippinen. Schon länger veranstaltet es virtuelle Clubnächte auf diese Art und Weise.
Wo sonst der Bass durch den Körper vibriert und das Techno-Brett den Schweiß fließen lässt herrscht in diesem Jahr beim CTM also eine seltsame Körperlosigkeit. Avatare ersetzen die eigene Gestalt. Bildschirme sind die Bühne. Man trifft sich im Chat statt an der Bar.

Technisch knifflig

Das CTM steht in diesem Jahr nicht von ungefähr unter dem Motto "Transformation". "Wir haben es nun wirklich ganz nah erfahren müssen, was das bedeutet", erzählt Oliver Baurhenn. "Denn wir mussten eine Veranstaltung, die normalerweise im realen Leben stattfindet, online veranstalten und das haben wir eigentlich vorher noch nie gemacht. Und das hält das Team ganz schön auf Trab."

Das Festival hat sich viel vorgenommen - und kann schon jetzt nicht alles einhalten. Neben der Computerspiel-Clubnacht, Videos, Konzertfilmen und Livestreams soll es auch eine eigens geschaffene virtuelle Festival- und Ausstellungshalle namens Cyberia geben, ein Wortspiel aus Cyberspace und Sibirien (englisch: siberia), das Weite und Unergründlichkeit suggeriert. Hier - und nur hier - können eigens in Auftrag gegebene Klanginstallationen von Mouse on Mars und Robert Lippok erlebt werden, oder eine Performance von Peaches und Pussykrew. Man kann sich in dieser Multiplayer-Umgebung mit anderen Avataren austauschen.

Nur: Wann Cyberia online geht, ist noch offen, weil es unvorhergesehene technische Probleme gibt. "So ist das eben mit diesen ganzen neuen Dingen", sagt Oliver Baurhenn leicht zerknirscht, aber lachend. "Es hat noch nicht BER-Qualitäten, aber das sind die kleinen Rückschläge die man eben hat."

CTM Cyberia screenshot (Quelle: CTM / Lucas Gutierrez)

Abwegiges hat hier seinen Platz

Auch außerhalb von Cyberia gibt es jetzt schon viel zu entdecken. Hardcore-Techno aus Bali mit Gabber Modus Operandi, Videos von Musikinitiativen aus Beirut und Uganda. Ein Highlight sind sicher die Konzerte aus der Betonhalle des Silent-Green-Kulturquartiers in Berlin-Wedding unter dem Motto trans/local. Jeweils ein Berliner Act performt mit mindestens einer oder einem aus anderen Teilen der Welt zugeschalteten Musiker*in oder Performance-Artist.

Das CTM-Festival ist jedes Jahr ein Showroom für neueste Entwicklungen in der elektronischen Musik. Experimentelles, Abwegiges hat hier seinen Platz, Clubkultur und audiovisuelle Kunst abseits des Mainstreams.

"Non-Face" von Robert Lippok und Lucas Gutierrez (Quelle: Lucas Gutierrez)
Bild: Lucas Gutierrez

Digitales Format als Chance

Und immer war das CTM auch ein Ort für aktuelle Diskurse. Von Klimawandel über "Black Lives Matter" bis zu Fragen nach der patriarchalen Gesellschaft, wie sich all das in Musik widerspiegelt und auch durch Musik überwunden werden könnte - darüber wird 2021 online diskutiert.

Transformation meint eben auch gesellschaftlichen Wandel und das Online-Format biete auch Chancen, sagt Oliver Baurhenn. Es gebe keine Diskriminierung an der Tür, viele Menschen könnten jetzt einfach teilhaben. "Auch Menschen, die kein Flugticket zahlen können, um nach Berlin zu fliegen, haben jetzt die Chance teilzunehmen", so Baurhenn. "Das darf man nicht unterschätzen bei der ganzen Trauer darüber, dass es gerade keine Live-Konzerte gibt. Das ist schon ein riesiger Wandel und ich glaube, das ist etwas, das wir wirklich im Kopf behalten müssen, dass wir unsere Angebote auch weiterhin online präsentieren sollten."

Alle Online-Events sind kostenlos. Die Künstlerinnen und Künstler bekommen, wie sonst auch, eine Gage und wer mag, kann über eine App - den "Solidarity Pass" - zusätzlich Geld spenden. Diese Einnahmen werden am Ende unter allen Künstler*innen aufgeteilt.

Ein schaler Ersatz will das CTM nicht sein. Wie gut die verschiedenen Formate funktionieren und ob in Online-Welten Festivalatmosphäre aufkommen kann, kann jeder bis in den Februar hinein ausprobieren.

Sendung: Inforadio, 22.01.2021, 6:55 Uhr

Beitrag von Nadine Kreuzahler

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