Streamkritik | "Salon de Jazz" - Experimentelle Jazz-Klänge auf der Hammond-Orgel

Clemens Orth spielt auf der Hammond Orgel. (Bild: Gerhard Richter)
Audio: Inforadio | 11.01.2021 | Hans Ackermann | Bild: Gerhard Richter

Die Orgel ist das Instrument des Jahres 2021. Als Pfeifenorgel findet man sie überwiegend in der Kirche, in der elektrischen Variante auch im Jazzclub. Was die Hammond-Orgel kann, zeigte am Sonntag das Trio um den Organisten Clemens Orth im Kölner "Salon de Jazz". Von Hans Ackermann

Mit atemberaubender Geschwindigkeit fliegen die Finger von Clemens Orth bei Joe Hendersons Jazzklassiker "Inner Urge" über die Tasten der Hammond-Orgel. Dazu spielt der Kölner Organist mit den Füßen auch noch den Bass. Für den treibenden Rhythmus ist der Schlagzeuger Dominik Raab zuständig, schließlich setzt sich noch der schwedische Saxophonist Johan Hörlén mit hinein in den rasenden Jazz-Zug.

Das Trio um den Organisten Clemens Orth ist am Sonntag im Kölner "Salon de Jazz" zu Gast - zu sehen bei dringeblieben.de im Livestream.

Einzelkönner im perfekten Trio

Schon nach wenigen Takten hört und sieht man an diesem Abend, dass hier drei äußerst versierte Einzelkönner am Werk sind: der gebürtige Heidelberger Clemens Orth, der an der Kölner Musikhochschule eigentlich Klavier studiert hat, seit vielen Jahren aber auch immer wieder mit der Hammond-Orgel auftritt, dazu Johan Hörlén, der mit seinem Altsaxophon im Hauptberuf Solist in der WDR-Bigband ist, und der aus Fulda stammende Dominik Raab. Er ist sicher einer der besten jungen Schlagzeuger im Jazz, ausgezeichnet mit Preisen beim Bundeswettbewerb "Jugend jazzt".

Wunderbar, wie die drei erstklassigen Musiker aufeinander hören, nicht einfach ihre Soli herunterspielen, sondern miteinander musizieren. Mal mit Hochgeschwindigkeit, dann aber bei Tom Jobims "Dindi" auch in der entspannt-zurückgelehnten Gelassenheit des Bossa Nova.

Erfindung für Kirche und Club

Orgel-Trios haben sich in den 1950er Jahren in den USA etabliert. Dort hatte schon zwei Jahrzehnte zuvor Laurens Hammond die nach ihm benannte Orgel erfunden - eigentlich als Ersatz für die Pfeifenorgel in der Kirche. Hier hat das Instrument berühmte Sängerinnen wie Mahalia Jackson bei ihren Gospels begleitet - von "Oh Happy Day" bis "Precious Lord" - sich darüberhinaus aber auch im Blues und Jazz, in Bars und Clubs einen festen Platz erobert.

Die "Hammond" ist dabei kein elektronisches, sondern eher ein elektro-magnetisches Instrument. Rotierende Metallscheiben erzeugen in Kombination mit elektromagnetischen Tonabnehmern und weich klingenden Röhrenverstärkern den typischen Sound, allerdings auch ein enormes Gewicht: Die größten Modelle wiegen gut drei Zentner, seine Hammond C3, erzählt Clemes Orth dem Publikum, habe man auch "zu zweit" in den Saal getragen.

Mit Titeln von Jobim, Chet Baker oder Joe Henderson spielen sich die drei Musiker durch das American Songbook des Jazz, präsentieren mit dem "Digital Blues" aber auch eigene Titel. Clemens Orth erzeugt dabei auf seinem Instrument experimentelle Klänge, die man so wohl nur mit einer Hammond-Orgel erzeugen kann.

Hochauflösende Bilder

Der Kölner "Salon de Jazz" hat an diesem Abend auch visuell einiges zu bieten - darunter immer wieder einen schönen Blick von oben auf die Hammond-Orgel mit ihren beiden Manualen und den vielen Zugriegeln, an denen Organisten die Klänge mechanisch einstellen. In einer anderen Kameraeinstellung sieht man, dass die Rückwand des Instruments abgenommen ist. Heraus schauen Kabelbäume und Transformatoren, doch nach Elektronik klingt dieser charmante Musikapparat wirklich nicht.

Mit Johnny Mandels 1965 komponierter Jazzballade "The Shadow of your Smile" will das Trio nach einer guten Stunde dann das "Great American Songbook" eigentlich zuklappen. Doch steigen die drei Musiker mit einer erneut aberwitzig schnellen Zugabe dann zum Glück doch noch einmal in den Jazz-Express und bringen erst damit den vorzüglichen Livestream zum Ende.

Ganz zum Schluß hört man ein letztes Fauchen aus der "Hammond", die im Orgeljahr 2021 hoffentlich noch oft so virtuos gespielt zu hören sein wird.

Sendung: Inforadio, 11.01.2021

Beitrag von Hans Ackermann

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