Der gewählten US-Präsident Joe Biden spricht am 19.01.2021 am nach seinem Sohn benannten Major Joseph R. "Beau" Biden III National Guard/Reserve Zentrum. (Quelle: dpa/Evan Vucci)
Audio: Inforadio | 20.01.2021 | Ute Büsing | Bild: dpa/Evan Vucci

Kritik | Debatte "A new hope?" - Joe Biden - "Yesterday man" oder neuer Roosevelt?

Am Vorabend der Einführung von Joe Biden in das Amt des amerikanischen Präsidenten haben Schriftstellerinnen unter dem Titel "A New Hope?" über dessen Herausforderungen diskutiert - live gestreamt aus dem Berliner Acud-Theater. Von Ute Büsing

Vorweg "grundieren" die in Berlin lebende Amerikanerin Isabel Fargo Cole und die oft in den USA lehrende Berlinerin Tanja Dückers ihre Amerika-Bilder mit literarischen Auszügen: "Politics ist nur noch ein Schimpfwort", konstatiert Fargo Cole. "Niemand erinnert sich an eine Zeit, als das anders war." Und sie führt aus: "Politicians are all the same - das Wort steht nur noch für Parteilichkeit. Als ginge es nur noch um zwei Lager, trostlos verschanzt weit draußen im Wüstenstrich. Wo ist denn die Polis geblieben?" Mit dieser Frage liefert sie gleich eine Motiv-Sammlung für Politikverdrossenheit und den Sturm aufs Kapitol mit.

Die Schriftstellerinnen sprachen am Dienstag über Biden als "A New Hope?", im Rahmen der Veranstaltungsreihe "KOOKRead" und gestreamt aus dem Acud-Theater.

Rückblicke aufs Wahljahr 2016

Dückers ihrerseits gibt aus ihrem entstehenden Trump-Roman Einblicke ins Wahljahr 2016 auf dem platten Land gibt: "'Ich sag's ungern, aber die Trump-Pence-Schilder, also die mit dem roten Rand, die sehen schöner aus und sie sind größer und es sind viel viel mehr!', meint Elias jetzt. 'Mama, soll ich das auch zählen?' Rechts von uns befindet sich in einem Vorgarten ein Armeewagen, der über und über mit amerikanischen Flaggen und einem riesigen Trump-Porträt zwei Meter hoch verziert ist. 'Ja, natürlich', murmele ich erschrocken."

Die kanadische Musikerin und Autorin Ambika Thompson, in diversen Berliner Bands engagiert, mischt wiederum den - mit zweieinhalb Stunden inklusive unnötiger 20-minütiger Pause - überlangen Abend auf, mit E-Gitarrengeheul zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Sie befindet, so gebe es mehr zu tun und die Konzentration auf Amerika und Trump, Trump, Trump lenke nur ab von Problemen im Rest der Welt.

Während Thompson auch in der Diskussion nicht allzu viel Hoffnung verbreiten will, nähern sich Dückers und Cole doch noch an in ihrem Ringen um Positives. Letztlich trauten sie Joe Biden, dem moderaten Mann der Mitte, neue Schritte zu. Isabel Fargo Cole meint zu erkennen, dass versucht werde, wieder an die Tradition von Franklin D. Roosevelt anzuknüpfen: "Es gibt eine große Sehnsucht nach einem FDR!" Tanja Dückers fragt sich zunächst, ob Biden nicht doch eher "so ein 'yesterday man'" ist, kann sich dann aber doch mit Cole auf seinen "progressiven Pragmatismus" einigen und ihn in der gegebenen Situation als "vereinenden Präsidenten" sehen.

Überwindung der Spaltung

Mindestlohn 15 Dollar, Bildung, Reform des Gesundheitssystems, Green New Deal heißen die Stichworte. Bleibt also auch für die im Schnitt 20 bis 30 Zuschauer des Online-Streamings ein kleiner Hoffnungskick. Letztlich könnte der neue Mann im Weißen Haus - durch die (auch im Laufe der Veranstaltung breit diskutierte) aktive Medien-Mithilfe und eine Überwindung der Spaltung in Red- und Blue-States durch gesteuerte Trolls - Amerika wieder zu den "United States" machen, die nicht nur Partikularinteressen dienen, sondern allen.

Sendung:

Beitrag von Ute Büsing

10 Kommentare

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  1. 10.

    Da gibt es aber noch Russland und China. Wenn doch endlich begriffen wird, dass man friedlich miteinander umzugehen hat wenn man die Erde noch einige Zeit für die Menschheit erhalten will. Rüstung und Klimaschutz widersprechen sich doch deutlich für jedermann. Wir können es auch so gestalten, dass Europa ( die EU ) den 3 anderen zeigt wie man den Frieden bewahrt. China ist auf dem Weg zur Weltmacht. Daraus darf aber kein Konflikt entstehen. Russland will keinen Krieg; das wäre auch Europas Ende. Wir sind alle denkende Menschen und die Hohe Poliitik muss Wege finden über Widersprüche hinweg dies täglich bweisen. Ich habe gestern genau zugehört was der neue Präsident der ganzen Welt ! mitteilte.

  2. 9.

    Ich beneide Sie darum, dass die letzten vier Jahre an Ihnen spurlos vorübergegangen zu sein scheinen. Mal ganz abgesehen davon, dass uns die USA mit ihrer Militärmacht seit über siebzig Jahren schützen (fragen Sie mal die Polen, die Balten oder andere Völker, die andere Erfahrungen als die Westeuropäer gemacht haben und deshalb nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches gar nicht schnell genug der NATO beitreten konnten) - wenn Ihnen die Trump-Präsidentschaft nicht gezeigt hat, was passiert, wenn die US-Amerikaner (als auch immer noch größte Volkswirtschaft) sich desinteressiert aus dem Weltgeschehen zurückziehen und nur an sich selbst denken wollen, dann weiß ich auch nicht.

    Mit dem "Weltpolizisten" ist es eben wie mit der Polizei generell: Man braucht sie nicht zu mögen und man muss sie kontrollieren und kritisieren, aber man braucht sie. Sonst übernehmen die Schurken das Ruder. Und ich lebe lieber in einer Welt, die von den USA dominiert wird, als von Russland oder China.

  3. 8.

    Mensch Vera, wenn Sie noch so jung sind und Ihnen alles so Schnuppe ist, was vor Ihrer Zeit hier auf der Welt passiert ist, dann sparen Sie sich doch einfach Ihre Kommentare.

  4. 7.

    "Joe Biden - "Yesterday man" oder neuer Roosevelt?"
    Egal - hauptsache "Trumpless" und ohne "Dabbel-Juh-Ambitionen".

  5. 6.

    Ja, es ist mir schnuppe, was die Amis in ihrem Land machen. Ich habe nicht unter denen gelitten und ich brauche sie auch nicht. Also was soll das. Welcher Präsident soll denn so besonders gewesen sein.

  6. 5.

    Graduell wird eine Verbesserung eintreten dadurch, dass ein auf Ausgleich und Zusammenarbeit Bedachter ins Amt kommt anstelle eines Alleinunterhalters, der sich wie ein Elefant im Porzellanladen benimmt. Dennoch bleibt Grundlegendes bestehen und das fängt schon mit dem Namen an: Es wäre Demut anzuraten angesichts der Tatsache, dass die USA ein Teil Amerikas sind, nicht aber Amerika selbst, was zweifellos größer und einwohnerstärker ist als die USA. - Genau die Gleichsetzung der USA mit dem Kontinent ist die Ursache dafür, auf den "Rest des Kontinents" vergleichsweise mit Herablassung zu blicken.

    Die Briten haben sich nicht entscheiden wollen, ob sie sich vorrangig als Oberhaupt eines zum Papiertiger geratenen Commonwealth begreifen oder aber als gleichberechtigtes Mitglied der EU. Einer Demut in Deutschland steht die Glorifizierung des Wirtschaftsstaates entgegen.

  7. 4.

    Ja, die bösen Amerikaner, die der Welt ihren Willen aufzwingen wollen. Schlimm, wie sie erst Japan angegriffen, dann Deutschland den Krieg erklärt und anschließend halb Europa mit Wohlstand und Demokratie versklavt haben. Was haben wir seit 1945 unter diesem Joch gelitten, erst recht verglichen mit der anderen Hälfte Europas!

    Aber, hey, einen Präsidenten, der sich nur für Amerika interessierte, hatten wir doch bis heute. Hat der Ihnen besser gefallen oder ist es eigentlich schnuppe, was die Amis machen, weil festverwurzelter Antiamerikanismus es ihnen immer zum Negativen auslegen wird?

  8. 3.

    "A New Hope?"
    Ja, nur für wen denn ?
    Für die, die den Mehrwert erarbeiten oder für die, die ihn sich aneignen ?
    Das ist die eigentliche Spaltung der Gesellschaft , die gibt es in jedem kapitalistischen Land und die kann auch kein Biden beseitigen.

  9. 2.

    Für mich ist er nur ein weiterer amerikanischer Präsident, der der Welt sagt wo es lang geht.
    Abwarten und Tee trinken.

  10. 1.

    Anders als bei der verkündeten Großspurigkeit eines Donald Trump wäre eine Portion Demut angebracht, die weiß, wo das Land, USA, anfängt und wo es aufhört. Schon die Ausrufung des Namens wäre ein Teil davon: Amerika war schon immer flächenmäßig größer und weitaus bevölkerungsreicher als die USA, die (bloß) ein Teil davon sind.

    Sich selber namentlich mit dem gesamten Kontinent gleichzusetzen, das hat eben ausdrücklich - unter Joe Biden ggf. unausdrücklich - zur Folge, auf die anderen Länder Amerikas herabzuschauen, weil diese eben der definierte Rest sind.

    Wo die Briten sich selbst im Wege stehen, sich angesichts ihrer behaupteten vergangenen Größe im Rahmen eines Commonwealth EU-mäßig mit anderen auf Augenhöhe zu stehen, ist dies bei US-Amerikanern schon durch die besagte Namenseinkürzung begriffen - in Deutschland übrigens kraft glorifizierter Wirtschaftsleistung.

    Eine politische Gestaltung ist umso stärker, je schwächer eine Legendenbildung ausfällt.


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