Titel: Diaspora Europa - zum Tag der Menschenrechte. Eine Veranstaltung vom European Roma Institute for Arts and Culture mit und in der Volksbuehne Berlin. No model release. Die Auffuehrungen werden am 27. Januar 2021 online gezeigt. Hier Sinti_ze Jazz: Lauenberger Quartett feat TAYO Awosusi in Concert. Daniel Weltlinger / Geige, Janko Lauenberger / Solo Gitarre, Giovanni Steinbach Rhytmusgitarre, Richar Mueller / Bass. Eine Veranstaltung mit Abstandsregel und Hygienekonzept aufgrund der Corona Pandemie. (Quelle: Volksbühne/David Baltzer)
Volksbühne/David Baltzer
Audio: Inforadio | 27.01.2021 | Ute Büsing | Bild: Volksbühne/David Baltzer

Diaspora Europa - Digitales Festival Volksbühne Berlin - Verortungen und Visionen gegen das Vergessen

"Diaspora Europa" heißt ein digitales Festival der Berliner Volksbühne. Fünf Tage lang werden dort Performances und Tanz, Konzerte, Vorträge und Diskussionen von und mit Roma, Sinti und Juden gezeigt. Ute Büsing stellt einige der Beteiligten vor.

Sie wurden schon einmal an den Rand Europas gedrängt und sie werden es wieder: Juden und Sinti und Roma. In einem zunehmend rechtspopulistischen Klima will die Volksbühne jetzt mit ihrem Diaspora-Festival ein Gegengewicht setzen. Intendant Klaus Dörr wollte es eigentlich bereits zum 8. Mai 2020, dem 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus im letzten Jahr, platzieren. Im Mittelpunkt hätte dann Hans-Werner Kroesingers Inszenierung von Peter Weiss "Die Ermittlung" gestanden. Die findet Corona-bedingt nicht statt. "Hauptausgangspunkt ist die Verantwortung der Täter", sagt Dörr.

"Aber wir erzählen aus der Perspektive von Juden und Sinti und Roma." Digital gebündelt werden in Zusammenarbeit mit dem "European Roma Institute for Arts and Culture" fünf Tage lang Performances und Tanz, Konzerte, Vorträge und Diskussionen von und mit Romas, Sinti und Juden. Mit Erinnerungserzählungen, Verortungen und Visionen blicken sie ab dem 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, weltweit Holocaust-Gedenktag, auf das Zusammenleben in Europa.

Multiethnische Hintergründe im Zusammenspiel

Die Choreografin und Tänzerin Oxana Chi entreißt in ihrem Projekt "Durch Gärten" die jüdisch-russisch-chinesische Tänzerin Tatjana Barbakoff dem Vergessen, die in den 1930er Jahren für Furore sorgte, bevor sie in Auschwitz ermordet wurde. Barbakoff war auch Modell für berühmte Maler wie Otto Dix, Orientierungspunkt und Inspirationsquelle der Boheme. Oxana Chi bezeichnet sich selbst als "Geschichtenerzählerin ohne Worte". Sie arbeitet sehr viel mit Gesten und Gesichtsausdrücken, stellt "Stummfilmcharaktere" her. Die Bewegungen schöpft sie aus verschiedenen Tanzstilen "vom Ballett bis hin zu Kung Fu".

"Multiethnische Hintergründe" prägen die Beteiligten des Festivals, wie die Choreografin Chi, Tochter einer Ukrainerin und eines Nigerianers, im Ruhrgebiet aufgewachsen, gerade wahlbeheimatet in New York. "Ich fand es toll zu sehen, dass es bereits in den 20er, 30er Jahren multiethnische Stars gab", erzählt sie.

Die Sängerin, Autorin, Regisseurin und politische Aktivistin Tayo Awosusi-Onutor bezeichnet sich selbst als "Afro-Sintezza". Beim Diaspora-Festival bringt die Deutsch-Nigerianerin jetzt ihren Romnja-Jazz mit dem Rosenberg Trio zum Klingen. Weitere musikalische Hochkaräter sind das Ferenc Snétberger und das Janko Lauenberger Quartett.

Diaspora Europa - zum Tag der Menschenrechte. Eine Veranstaltung vom European Roma Institute for Arts and Culture in und mit der Volksbuehne Berlin. Aufzeichunung am Mittwoch, die am 27. Januar 2021 online gesendet wird: Durch Gaerten - eine Hommage an Tatjana Barbakoff mit Oxana Chi / Tanz und Layla Zami / Musik / Rede u.a.. No model release. (Quelle: David Baltzer)
"Durch Gärten" ist der jüdisch-russisch-chinesischen Tänzerin Tatjana Barbakoff (1899-1944, geboren Cilly Edelberg) gewidmet | Bild: David Baltzer

Holocaust-Relativierung und Antiziganismus

Mit populistischen Bewegungen und dem verstärkten Zulauf dazu und dem Weiterleben lange tot geglaubter "Zigeuner"-Klischees beschäftigt sich die Netzaktivistin Sonja Kosche in ihrem Vortrag über Rassismus gegen Sinti und Roma im Internet. "Der Hass gegen Sinti und Roma im Internet hat sich hochgeschaukelt, wir finden tausende Hass-Kommentare", sagt Kosche. "Holocaust-Relativierung geht mit Antiziganismus Hand in Hand."

Wie die meisten Beteiligten des Diaspora-Festivals der Volksbühne hat auch Sonja Kosche eine tiefe persönliche Verbindung zu dem, worüber sie heute hellsichtig aufklärt. 2015 hat sich ihr Vater umgebracht. Er wurde noch in Jugoslawien geboren, seine Mutter war aus Rumänien. "Er hat immer versucht, sich zu assimilieren ist aber niemals wirklich in Deutschland angekommen." Seitdem konzentriert sich Netzaktivistin Sonja Kosche auf die eigene Herkunft, "weil es kaum Gegenreden zum Antiziganismus gibt."

Sendung: Inforadio, 27.01.2021, 07:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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