Die Band Milliarden hat einen Weg gefunden trotz Lockdown auf Tour zu gehen (Quelle: Laurina Schräder)
Bild: Laurina Schräder

Berliner Band tourt im "Bus" - Milliarden gibt Konzerte im "kleinsten Club des Universums"

Ein Jahr ohne Konzerte, Lieblingsmusik nur zu Hause? Das muss nicht sein, hat sich die Berliner Band Milliarden gedacht. Statt digitale Konzerte zu geben, gehen sie mit neuem Album auf "Club-Tour". Den Club dazu haben sie sich selbst gebaut. Von Laurina Schräder

Los, leise, langsam, laut - mit diesen Worten beginnt die erste Single-Auskopplung "Schuldig Sein" der neuen Platte. Ein Mantra, so beschreibt es die Berliner Band Milliarden, das sich immer wieder auf dem Album "Schuldig" finden lässt - und eines, das sich ebenso auf die jetzige Tour übertragen lässt.

Am Freitag ist "Schuldig" auf ihrem neuen eigenen Label "Zuckerplatte" erschienen. Nicht mit der Veröffentlichung abzuwarten, bis größere Konzerte und Tourneen wieder möglich sind, war eine bewusste Entscheidung, um ein Zeichen zu setzen, dass Musik noch und immer da ist, für alle. Unabhängig davon, ob man direkt mit ihr Geld verdienen kann. "Gerade jetzt in dieser Zeit, wo Menschen isoliert zu Hause rumhocken, muss Musik rauskommen," sagt Milliarden-Sänger Ben Hartmann mit Nachdruck und betont das Verbindende, Nebulöse, welches Musik generell umgibt.

Ein Besuch im Gefängnis brachte die Idee

Ihr Club - "Bus" getauft - ist streng genommen ein Umzugs-Van, ein Lieferwagen, klassisch weiß, große Ladefläche, zwei Eingänge mit der hinteren Doppel- und seitlichen Schiebetür. Mit ihm - oder auch dem von ihnen so genannten "kleinsten Club des Universums" - sind Milliarden in dieser Woche auf Deutschlandtour, um ihr "Schuldig" zu promoten. Aber eben auch, um in Zeiten, in denen große Konzerte unvorstellbar sind, einen Ort zu schaffen, an dem sich Fans und Band treffen können.

"Ich war mal jemanden im Gefängnis besuchen, und da gibt es auch diese Situation, mit den Telefonen," beginnt die Erklärung von Sänger Ben Hartmann, wie sie auf die Idee gekommen sind, Konzerte für nur jeweils eine Person in einem Lieferwagen zu spielen. Um sich in dieser Zeit überhaupt begegnen zu können, "Fremde zu treffen, mit denen man etwas teilt", fügt Hartman hinzu. Bei je vier Konzerten à zwanzig Minuten in unterschiedlichen Städten in Deutschland stellen sie ihre Musik jeweils einem Fan vor.

"Es ist wirklich wie ein kleiner Club"

Das Innere des Lieferwagens ist durch eine Plexiglasscheibe geteilt. Auf der einen Seite, betretbar über dem "Hintereingang" sitzen die Fans, bzw. sitzt ein Fan, denn es ist ja pro Konzert nur eine oder einer, die oder der den Konzertbesuch über die sozialen Netzwerkkanäle von Milliarden gewonnen hat. Über den Seiteneingang, die Schiebetür, geht’s für Milliarden auf die Bühne, mit abgespeckter Ausstattung. Ihre Instrumente: Gitarre, Keyboard, Klatschen.

Über ihnen hängen Plastikrosen von der Decke, das Licht ist schummrig, kann von den Zuschauern allerdings über eine Fernbedienung gesteuert und angepasst werden. Je nach Geschmack leuchtet die Bühne als grün, gelb, rot oder blau. Über Mikrophone und kleine Lautsprecher kommunizieren beide Seiten miteinander. "Man kann die Scheibe relativ schnell ausblenden und hat nicht den Eindruck, man sitzt im Bus. Es ist wirklich wie ein kleiner Club", sagt Daniel, der am Montag extra zu seinem Konzert nach Friedrichshain auf das RAW-Gelände gekommen ist. "Das letzte Konzert auf dem ich war, war letztes Jahr Anfang März. Wer weiß wann das nächste wieder ist."

"Die Situation ist viel intimer als bei einem regulären Konzert"

Es schneit am Montagnachmittag, das Thermometer zeigt minus sechs Grad, und im "Bus" sind zwei kleine provisorische Heizstrahler aufgestellt, um kurz einen Eindruck von Wärme zu geben. "Wir sitzen hier nicht nur und spielen Lieder, sondern ich will zuerst einmal wissen, wer die so sind und was die so machen," erzählt Ben Hartmann. Und das zweite Mitglied der Band, Johannes Aue ergänzt: "Wir reden mit den Leuten. Was ja auch mal wieder schön ist, nicht nur mit dem Partner zu Hause, oder der WG oder mit der Familie zu sprechen."

In der Konzertzeit von etwa 20 Minuten schaffen sie es daher - je nach Gesprächsanteil - gerade einmal drei bis vier Songs zu spielen. Welche das sind, passiert auf Zuruf. Eine Setlist gibt es nicht und die Gewinnerinnen oder Gewinner werden gefragt, welche Songs sie hören wollen. Ob neue oder alte Songs, ist erstmal egal. Die Situation ist viel intimer als bei einem regulären Konzert, weil beide Seiten genau sehen, was die andere Seite macht, weil sich beide so direkt, so unmittelbar gegenüberstehen. In dieser Situation zu spielen, sei viel schwieriger als auf einer größeren Bühne, sagen Hartmann und Aue. Auch weil sie sich alle 20 Minuten wieder auf eine neue Person einlassen.

Von außen ist kaum etwas aus dem Mini-Club zu sehen oder zu hören, manchmal ein Stampfen oder Klatschen; der weiße Lieferwagen verschwindet fast in der verschneiten Umgebung. Erst wenn wieder einmal die Hintertür aufgeht und jemand mit meist roten Wangen herauskommt, grinst und sich freut, im Hintergrund das Innere des Busses leuchtet und Bandplakate zu sehen sind, versteht man, dass dies kein normaler Lieferwagen ist - sondern "der kleinste Club des Universums", in dem sich auch aktuell Menschen real begegnen können.

Beitrag von Laurina Schräder

1 Kommentar

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  1. 1.

    Eine supertolle Aktion. Auf was für Ideen die Leute diese Zeiten so alles kommen, wäre ohne Corona nicht möglich gewesen.

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