Ole Bækhøj (Quelle: Peter Adamik)
Bild: Peter Adamik

Hybrid-Formate im Boulez-Saal - "Das Digitale muss Synergien bringen"

Schon im Sommer 2020 hatte der Berliner Pierre-Boulez-Saal als einer der ersten Konzertveranstalter mit Geisterkonzerten ohne Publikum auf die Corona-Bedingungen reagiert. Diesen "digitalen" Weg will Intendant Ole Bækhøj weiter ausbauen. Von Hans Ackermann

"Super spannend" findet Ole Bækhøj, dass sich wegen der Pandemie-Situation viele Menschen wie selbstverständlich an "neue Möglichkeiten" gewöhnt hätten. Ganz normal sei es geworden, in eine Videokonferenz einzusteigen - "für Menschen, die das vor einem Jahr noch nicht gemacht haben."

Der aus Dänemark stammende Musikmanager will die digitalen Möglichkeiten auch im Konzertbetrieb nutzen. Gerade ist im Pierre-Boulez-Saal eine Woche mit Liedern von Franz Schubert zu Ende gegangen. Eine "Online-Schubertiade" mit vorproduzierten Podcasts, Interviews und Liedertexten zum Mitlesen. Expertengespräche und sämtliche Konzerte dagegen wurden durchweg live veranstaltet. Für Bækhøj, der in Aarhus Kontrabass studiert hat und früher mit dem Amsterdamer Concertgebouw-Orchester aufgetreten ist, bleibt das Livekonzert auch in der "digitalen Konzerthalle" das wichtigste Element: "Wir haben vom Publikum gehört, dass das einen besonderen Wert hat. Dass man weiß, gerade jetzt, wo alles abgesagt wird, findet es tatsächlich gerade statt. Da wird Musik gemacht!"

Bilder in höchster Qualität

Bei der Übertragung der Konzerte im Livestream hat die digitale Schubert-Woche aus dem Pierre-Boulez-Saal auch mit einer außerordentlich hohen Qualität der Bilder überrascht. Etwa mit der "Multi-Camera-View", einer Option, die den Bildschirm mehrfach teilt und das Konzert aus verschiedenen Blickwinkeln zeigt. Darunter Nahaufnahmen, die in einem herkömmlichen Konzert in dieser Intensität nicht möglich wären, meint der technikbegeisterte Intendant: "Wir hatten Kameras, die sehr nah an den Sängerinnen und Sängern platziert waren, nur zwei oder drei Meter entfernt. Dadurch kriegt man natürlich tolle Bilder. Damit haben wir die Möglichkeiten genutzt, die wir hatten - weil wir kein Publikum hatten."

Multimediale Kooperationen

Nach dem Vorbild der Schubert-Woche wird der Pierre-Boulez-Saal Ende August ein "digitales" Renaissance-Festival veranstalten - vier Tage zum 500. Todestag des franko-flämischen Komponisten Josquin Desprez. Das britische Vokalensemble "The Tallis Scholars" wird die polyphonen Messen des 1521 gestorbenen Komponisten aufführen. Für Peter Philips, den Leiter dieses renommierten Ensembles, sind Josquins Messen "eine gleichbedeutende künstlerische Errungenschaft wie Beethovens neun Symphonien".

Ole Bækhøj hat sich für das Festival eine multimediale Kooperation mit verschiedenen europäischen Kunstmuseen ausgedacht. "Wir planen zum Beispiel Audioguides. Damit bekommt man Informationen über den Zusammenhang zwischen der Musik und der Kunst dieser Zeit. Das können wir online als digitalen Museumsbesuch machen, aber auch als Audioguide. Mit dem geht man dann durch die Berliner Gemäldegalerie, in das Rijksmuseum in Amsterdam oder in die National Gallery in London."

Pierre Boulez Saal, Februar 2017 (Quelle: Volker Kreidler)Pierre Boulez Saal

Inhaltliche Ambitionen

Er selbst, erzählt Ole Bækhøj, würde gern endlich wieder in ein "richtiges" Konzert gehen. Bis dahin aber bleibe es relevant, digitale Kanäle zu nutzen, dort Musik oder Podcasts zu hören und "Sachen zu lesen". Um nicht in Beliebigkeit zu enden, müsse man sich als Anbieter solcher digitalen Kanäle allerdings von "inhaltlichen Ambitionen" leiten lassen, meint der Intendant. "Man kann so unendlich viel online machen, dass man sich da auch schnell verlieren kann."

Statt einfach nur Online-Ersatzkonzerte auszustrahlen, müsse man über echte neue digitale Inhalte nachdenken. "Wir haben uns entschieden, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten, wenn dieser Lockdown so weitergeht, nicht zu viel online machen, sondern unsere Energie für langfristige Ziele einsetzen. Deshalb produzieren wir tatsächlich schon jetzt viele Inhalte für diese neue Zukunft. Inhalte, die wir vielleicht erst in einigen Monaten zeigen werden."

Ein solches langfristig geplantes Online-Projekt ist die Werkschau mit Musik der russischen Komponistin Galina Ustwoldskaja. "Eine faszinierende Künstlerin ohne Kompromisse", sagt Bækhøj über die 2006 gestorbene Komponistin, die einen weiteren thematischen Schwerpunkt in diesem Jahr bilden wird. Gerade hat das Hamburger Ensemble Resonanz im Pierre-Boulez-Saal Ustwoldskajas "Oktett" aufgenommen. Ein komplexes Werk, das die 1919 geborene Schostakowitsch-Meisterschülerin 1950 komponiert hat.

Neue Musik im Gespräch

Diese "komplexen musikalischen Strukturen", sagt Bækhøj mit Blick auf Ustwoldskajas Musik, werde man mit einer ausführlichen Online-Unterstützung noch viel besser durchschauen: "Wir sprechen von Musik für das denkende Ohr. Und wir wollen gern Menschen dafür begeistern, neugierig zu sein und sich Sachen anzuhören, die man noch nicht kennt."

Die Aufnahmen des Oktetts werde man in den nächsten Monaten "ganz in Ruhe" für das spätere Online-Angebot aufbereiten. Eine Arbeitsweise, wie schon im Sommer 2020 beim Neue-Musik-Festival "Distance / Intimacy", mit dem der Boulez-Saal auch international für Aufsehen gesorgt hatte: Rund 140.000 Zuschauer hatten damals zehn vorproduzierte Uraufführungen online verfolgt.

Im Gespräch mit Komponisten wie Jörg Widmann wurden damals die Werke vorgestellt, Zuschauerinnen und Zuschauer konnten sich über den Chat aktiv in die Diskussion einbringen. Diese Form der Mitwirkung des Publikums will der Intendant weiter ausbauen - auch wenn ihn damals manche Reaktion auf das digitale Angebot auf eine vergleichsweise altmodische Weise erreicht hätten: "Wir haben tatsächlich Briefe bekommen, physische Briefe! Von Menschen, die gesagt haben, ich habe mich gefreut, das Festival im Internet zu verfolgen."

Hybrider Konzertsaal

So wie Bækhøj immer noch gern echte Briefe liest und am liebsten echtes Publikum im Pierre-Boulez-Saal begrüßen würde, so entschieden plädiert der aufgeschlossene Musikmanager für einen modernen "hybriden Konzertsaal". Gemeint ist eine Kombination von "digital" und "analog", von Voraufzeichnung und Livekonzert. "Es geht darum, was passt zusammen", sagt der 50 Jahre alte Bækhøj. "Wann ist es relevant, etwas digital zu machen, und wie spielt das mit dem zusammen, was wir analog machen. Das Digitale muss Synergien bringen mit dem, was wir analog machen und umgekehrt."

Noch nicht so richtig digitalisiert hat der Intendant eines seiner Lieblings-Konzertformate - "Elternzeitkonzerte, die nur zugänglich sind, wenn man ein Baby mitbringt". In diesem "Setting", dass der Pierre-Boulez-Saal früher von Montags bis Freitags an Vormittagen angeboten habe, könne man sich "mit seinem Baby wohlfühlen", erzählt der zweifache Familienvater. Das musikalische Programm allerdings richte sich an Erwachsene: "Es sind Babykonzerte, aber nicht für Babys."

Beitrag von Hans Ackermann

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