Reportage | Kunst statt Vandalismus - Sprayer fordern mehr öffentliche Flächen für Graffiti

Jan Schmidt, 0815 Industries, in Marzahn (Foto: Vanessa Klüber/rbb|24)
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Video: rbb|24 | 21.02.2021 | Vanessa Klüber | Bild: Vanessa Klüber/rbb|24

Nicht als Vandalen, sondern als Künstler, die die Stadt verschönern wollen – so möchten sich einige Sprayer verstanden wissen. Sie setzen sich für mehr öffentliche Flächen für Graffiti in der Stadt ein. Auch ein CDU-Stadtentwickler findet Gefallen an der legalen Malerei. Von Vanessa Klüber

Jurij Paderin ist ohne Graffiti aufgewachsen, im totalitären System der Sowjetunion. Er kommt kurz vor der Wende nach Berlin, wo er ab 1996 sprüht und darüber andere Sprayer kennenlernt, so Anschluss findet. Jetzt machen seine Knochen illegales Sprühen nicht mehr mit, erzählt der mittlerweile 40-Jährige lächelnd: "Einen Krückstock habe ich noch nicht, aber dafür muss man auch physisch aktiv sein", weswegen er angeblich nur noch legal unterwegs ist.

Heute ist es ihm ein Anliegen, so sagt er, sich innerhalb der "Graffiti Lobby Berlin" für mehr sogenannte legale Wände in der Stadt einzusetzen, weil Künstler sonst weiterhin in die Illegalität ausweichen. Und weil er und andere trotzdem frei malen wollen, "wie ein Jazzmusiker, der so Freestyle-Jazz macht", so beschreibt es der Graffiti-Newschooler. Auch mit angeschlagenen Knochen gehört er zu jener Sprayer-Klasse, denn Oldschooler seien die aus den 1980er Jahren.

Jurij Paderin, Graffiti Lobby Berlin (Foto: Vanessa Klüber/rbb|24)
Jurij Paderin, Graffiti Lobby Berlin | Bild: Vanessa Klüber/rbb|24

Forderung: drei freie Wände pro Bezirk

Hellgrauer Himmel und weißer Schnee gehen bei Temperaturen von minus sechs Grad an diesem Tag Mitte Februar fast kontrastlos ineinander über, als KUZB136 – das ist der Graffiti-Künstler-Alias eines 32-jährigen Berliners – eine dieser legalen Wände, am Rosenthaler Weg in Pankow, mit Gelb und Lila aus der Dose besprüht. Vorher muss er dafür ein anderes Graffito crossen, das heißt übermalen. Das geht nicht anders, weil die Wand schon voll ist, nachdem hier seit ungefähr einem Monat Graffiti erlaubt sind.

KUZB136 trägt schwarze Jacke mit seinem Künstlernamen hintendrauf und Jeanshose, beides mehr als hundert Mal bekleckst, wie bei einem Berufsmaler. Er stöhnt ein bisschen, weil sich durch die niedrigen Temperaturen die Farbe nicht so verhält, wie sie es soll. Trotzdem, Kopf frei kriegen, mal raus aus dem Corona-Lockdown, ein gutes Gefühl.

"Das ist die zweite größere Fläche, die nach der Wendezeit überhaupt freigeschaltet wurde", sagt Jurij Paderin, die andere in der Größenordnung steht im Mauerpark. Viel zu wenige Wände gebe es, würden doch ständig "Picassos" übermalt, wie er sagt: "Wir fordern mindestens drei Wände pro Bezirk."

Nicht alle sind Vandalen

Auch darüber, dass illegale Graffiti Teil der Szene sind und wahrscheinlich 99 Prozent aller Werke ausmachen, sprechen Paderin und KUZB136. Die Leute, die das illegal betreiben, wolle man nicht wegdenken. Graffiti-Sprayer seien aber bei Weitem nicht alle Vandalen, sondern Künstler, die die Stadt verschönern wollen. "Die Wahrheit ist, wenn jemand noch vor ein paar Jahren hier rangemalt hätte, dann wäre derjenige verhaftet worden", moniert KUZB136.

Vom Ausprobieren und sein künstlerisches Talent auf "dem Weg der Verunstaltung" zu entdecken, davon hält Stefan Evers wenig - er möchte das Ganze lieber in begleitete Bahnen bringen, also im Beteiligungsverfahren auf Bezirksebene aushandeln. Damit scheint der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU und Experte für Stadtentwicklung in Berlin erst einmal politisch gar nicht so weit entfernt von der Graffiti-Lobby.

Stefan Evers, CDU, im Kosmosviertel (Foto: Vanessa Klüber/rbb|24)
Stefan Evers (CDU) im Kosmosviertel | Bild: Vanessa Klüber/rbb|24

Evers: Weitere Flächen für Berlin

Evers hat seinen neuen Wahlkreis im äußeren Südosten, im Köpenicker Kosmosviertel - Plattenbauten, darauf entweder Tags oder aber gestaltete Wandbilder. "Das hier ist ein schöner, leuchtender Höhepunkt in diesem Viertel", sagt er und zeigt auf die harmonisch aussehenden Wände in allen Farben, Fabelwesen mit Augen. Hier sehe man Willen zur Gestaltung.

Ein paar Meter weiter dagegen, Evers verzieht das Gesicht, Schmierereien, gewaltverherrlichende Sprüche. "Das möchte ich nicht sehen in der Stadt." Ebensowenig Werke mit künstlerischem Anspruch auf Hauswänden, die da nicht hingehörten. "Da bin ich spießig und sage nein. Wenn ein Eigentümer sagt: 'Meine Wand soll weiß sein und weiß bleiben', hat man das zu respektieren."

Beteiligungsprojekte mit Künstlern, die wirklich Talent haben, das finde er gut, und da könne Berlin noch weitere Flächen zur Verfügung stellen. Man könne da eine Menge mehr tun als jetzt schon, solche Orte suchen und nicht abwarten, bis jemand kommt und fragt.

Besprühte Lärmschutzwand am Plattenbau

Die Stadt Philadelphia in den USA hat ein "Mural Art"-Programm [discoverphl.com], dort sollen im Jahr dutzende Kunstwerke an Wänden in nachbarschaftlicher Arbeit entstehen, um den öffentlichen Raum zu gestalten - ein öffentlich gefördertes Kunstprogramm. Auch in Berlin gab es im Jahr 2018 ein groß angelegtes "Mural Fest", bei dem insgesamt 100 Künstler aus aller Welt 30 Hausfassaden mit ihrer Streetart-Kunst verschönert haben.

In Berlin ist Marzahn-Hellersdorf einer der Bezirke, in denen des Öfteren triste Wände professionell bemalt sind. Ein Ausdruck eines Beteiligungsprojekts ist zum Beispiel auf eine Lärmschutzwand in Marzahn gesprüht, ohne der Gefahr des Crossings ausgesetzt zu sein. An der stinkenden und lauten Märkischen Allee steht eine Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete, die durch diese Wand abgeschirmt ist. Normalerweise wäre sie grau, jetzt ist sie vorwiegend rot, lila, türkis, mit fabelhaften Motiven drauf. Schallschutzwand plus Plattenbau gleich "Schallplatte", so heißt das Projekt.

Jan Schmidt, 0815 Industries, in Marzahn (Foto: Vanessa Klüber/rbb|24)
Jan Schmidt, Agentur 0815 Industries | Bild: Vanessa Klüber/rbb|24

Graffiti gleich Freiheit

Hier hat Jan Schmidt von der Werbeagentur 0815 Industries Künstler zusammengebracht und das Ganze im Auftrag des Berliner Senats gestalten lassen. Schmidt verdient sein Geld mit Graffiti: "Damit bin ich glücklich, ich habe meinen Traum zum Beruf gemacht." Graffiti sieht er auch als Möglichkeit, Gebäude aufzuwerten.

Graffiti ist eine Bewegung von der Straße, darf das kommerziell sein? Für Schmidt ergibt das Sinn, solange Künstler sich nicht für politische Zwecke instrumentalisieren lassen oder nur dazu ausgenutzt werden, den Wert von Immobilien für Privateigentümer zu steigern - gar sprayen, ohne Geld dafür zu bekommen.

Politiker hätten das Thema Graffiti für sich entdeckt, meint Jurij Paderin von der Graffiti-Lobby, eben weil damit auch Geld zu machen sei. Für ihn selbst bedeutet Graffiti aber vor allem etwas anderes: "Ich liebe die Freiheit, und Graffiti ist für mich gleich Freiheit." Zu malen, was man will, nicht wie in einer Werbeagentur, am besten auf öffentlichen, dafür vorgesehenen Flächen.

Berlin könne er sich nicht ohne Graffiti vorstellen. "Wo gibt es denn keine Graffiti? Ich hab' zumindest noch nicht gehört, dass es in Nordkorea Graffiti gibt." Selbst in seiner ehemaligen Heimat gehören sie dagegen mittlerweile zum Bild der Städte.

45 Kommentare

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  1. 45.

    Meckern kann jeder und machen viele.
    Lösungen sind keine dabei.

    Die Lobby gestaltet und transformiert.

    An alle Kritiker:
    1.)„Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“ (Schiller)
    2.) „Ich glaube, Gefahren warten nur auf
    jene, die nicht auf das Leben reagieren.“
    „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ (Gorbatschow)

  2. 44.

    Ich stimme Ihnen zu und füge hinzu, dass man sich bei solchem Unverständnis und solcher Respektvorbildhaftigkeit seitens der Erwachsenen nicht wundern muss, wenn uns seitens der Jugend genau das Verhalten widergespiegelt wird, welches sie von den Erwachsenen gelernt haben.

  3. 43.

    Für mich bleibt es zu 95% Schmiererei und Sachbeschädigung und keine Verschönerung. Leider wird man dieser Typen nur schlecht habhaft.

  4. 42.

    Diese Menschen sollten es vielleicht mal mit ordentlicher Arbeit versuchen. Danach kommen sie nicht mehr auf diese Gedanken weil sie nach der Arbeitszeit ausgelaugt sind und nur noch ihre Ruhe haben wollen.
    Es gibt aber auch ganz tolle Bilder die aus meiner Sicht auch viel mit Kunst zu tun haben. Nur sollte der Eigentümer entscheiden ob er es möchte oder nicht......

  5. 41.

    Ich bin zutiefst darüber erschrocken, wenn ich lese, was für Gewaltphantasien hier von einigen Kommentatoren geäußert werden.

  6. 40.

    Ich bin zutiefst darüber erschrocken, wenn ich lese, was für Gewaltphantasien hier von einigen Kommentatoren geäußert werden.

  7. 39.

    Wenn die unbedingt irgendwo rumschmieren wollen, können die das auch sinnvoller tun. Einen Job als Lackierer suchen zum Beispiel. Ansonsten wüsste ich nicht, wofür das Geschmiere gut sein soll. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass heutzutage zu viel am Computer "geschrieben" wird. Etwas per Hand zu schreiben macht sich wohl im Unterbewusstsein bemerkbar.

  8. 38.

    Witzig, was Sie unter Graffiti verstehen. Aber wenn Sie daran Freude haben, könnten Sie sich gern anschließen. Sie glauben gar nicht, wie viel Dopamine es bei Ihnen freisetzen würde! :)

  9. 37.

    Die Szene war wohl vor dem Mauerfall auch nicht so risikofreudig, denn da gab es die Mauer, die ausserhalb des Zugriffs der Westberliner Behörden unzähliges Grundmaterial bot. Nicht alles war gespräyt. Im Osten waren da die Sicherheitskräfte, die immer gleich einen Umsturzversuch vermuteten. Die "Kunst"schaffenden hatten genügend andere Möglichkeiten sich am System abzuarbeiten.

  10. 36.

    Hallo, also grundsätzlich finde ich das vieles Kunst ist, aber wenn es wie in Charlottenburg am Uferweg aussieht dann finde ich es nicht mehr so schön. Tausende von leeren Sprühdosen und jede Menge Müll.

  11. 35.

    Graffiti gab es in West-Berlin zwar zur Zeit des Mauerbaus noch nicht, wohl ab den 70er Jahren. Andernorts gab es wahrscheinlich eher zu wenig Spraydosen.

  12. 34.

    Besser wäre doch das Sie garnicht mehr sprayen, der Umwelt zu Liebe.

  13. 33.

    Gs sind politische Ausssagen: Hier ist mein Revier. Egal ob als Konterfei eines Aktivisten oder die Kalligraphie Versuche einer Kriminellen Familien Bande je größer desto größer der Einfluss. Wer hier von Freiheit spricht ist verlogen oder kann nichts mit der Freiheit der Anderen anfangen.
    Das zeigt sich insbesondere an der Bewaffnung und den Angriffen die aus dieser Szene von vornherein in Betracht gezogen und vollzogen werden.

  14. 32.

    Es geht hier darum, Sprüher*innen legale Möglichkeiten zu bieten, ihre Kreativität zu entfalten. Dies würde zu einer Abnahme illegaler Graffitis führen, wie es das bspw. in den frühen und mittleren 1990er Jahren, im Märkischen Viertel, tat.
    Nebenbei gesagt, haben Farben auch eine psychologische Wirkung. Graugetrübter Stimmung, kann durch etwas Bunt entgegengewirkt werden. Das täte vielen von uns sicherlich gut.

  15. 31.

    Es gibt eine Riesen Fläche durch ein Brückenbauwerk in Leipzig plagwitz! Tolle Bilder wirklich da sind Sachen bei dir sehen gut aus! Aber dort stehen auch unsere Züge die werden mal gleich mit besprüht und als knaller komme ich mir da dann vor wenn ich meinen Zug kontrolliere das ich auf einer Mülldeponie von Spraydosen laufen darf weil die „Künstler“ die leeren Dosen Bierflaschen ins Gleis schmeißen! Oder auch das in Leipzig keine SBahn mehr rum fährt die nicht beschmiert ist! Ich warte auf einen Unfall wo Sicherheitsrelevante bedienteile durch die Feuerwehr von außen nicht mehr gefunden werden und das Eisenbahnbundesamt alle Fahrzeuge still legt in Leipzig. Ich bin gespannt wie dann die Bevölkerung reagiert und wie dann auch die Befürworter reagieren wenn sie morgens auf dem Bahnsteig stehen und kein Zug kommt! Den das Theater ist riesig wenn so etwas passiert und dadurch Menschen verletzt werden die an einen ordentlichen Fahrzeug den Weg nach draußen gefunden hätte! Aber ja es sind doch Künstler und wir müssen da etwas toleranter sein!

  16. 30.

    Wie wäre es denn mit den Radwegen? Außerdem geht es hier nicht um Kunst sondern schlicht um Sachbeschädigung. Für jeden der das anders sieht.. bescheid sagen, komme ich vorbei und besprühe seine Wohnung von innen. Samt Möbel, TV bis iPhone.
    Ansonsten gibt es sicher viele Haubesitzer, die ihre Giebelwände gerne schöner hätten. Jetzt beim Mietendeckel irgendetwas abstraktes, damit es nicht auffällt wenn mal etwas (lebensgefährliches?) von der unsanierten Fassade abbröckelt.

  17. 29.

    Echt wichtiges Thema aktuell, sehr traurig...
    Ich bin für mehr Jugendfreizeiteinrichtungen und Arche Häuser für Kinder, die es nötig haben.
    Graffiti ist eine Zumutung, besonders bei der BVG Flotte.
    Und ja es müssten eventuell dafür Flächen bereitstehen, aber ich denke auch, es geht vielen nicht um " ihre Kunst" sondern der Kick des Verbotenen.

  18. 28.

    @Fat Cap: Dann fangt mit ganz viel Rot auf Ihrem Fernseher an. Geht dann zum Laptop, Smartphone und eventuell zu Ihren Fenstern über. Haben Sie eine Brille? Wie wäre es mit ein paar roten Kringeln da drauf? Fände ich spitze. Haben Sie vielleicht auch einige Lieblingsklamotten? Vielleicht was auf die Jeans oder die Schuhe? Ich habe gerade wahnsinnige, kreative Ideen.

  19. 27.

    Ich kann fast jeden Tag die letztes Jahr auf dem neuen Spieplatz im Anton-Saefkow -Park gebaute legale Wand betrachten.
    Wenn das Wetter passt, ist fast jeden Tag ein neues Bild zu bewundern, echt erstaunlich.
    Teilweise echt tolle Bilder. Ist legal und wird scheinbar gerne angenommen.
    Gerne mehr davon....

  20. 26.

    Was dabei herauskommt wenn Mitmenschen die Belange der Anderen ignorieren muss nur Sie ,Graf Titti, anschauen. Die Belange derer die nicht diese unartigen Werke erfassen können, jedoch das durchsichtige Ubahn fenster zur Orientierung benötigen, sind ungleich höher einzuschätzen.

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