Ausstellung: Marget Eicher, Lob der Malkunst 2 (Detail), 2018 Digitale Montage/Jacquard. (Quelle: N. Steglich/hal-berlin.de)
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Audio: Radioeins | 10.02.2021 | Corona Knoblauch | Bild: N. Steglich/hal-berlin.de Download (mp3, 6 MB)

Neue Ausstellung im "Haus am Lützowplatz" - Mit Gerhard Richter und Scarlett Johansson in der Paris Bar

Der Berliner Kunstverein "Haus am Lützowplatz" veranstaltet während des Lockdowns spezielle Online-Führungen. Bei der neuen Ausstellung "Lob der Malkunst" von Margret Eicher entsteht dadurch auf unterhaltsame Weise eine neue Welt. Von Cora Knoblauch

Der Guide scheint eine dieser kleinen Sport-Kameras an die Stirn geschnallt zu haben, jedenfalls wackelt das Kamerabild nicht, als die Person mit weiblicher Stimme für uns durch die hellen Räume des "Haus am Lützowplatz" wandert. Zu Gesicht bekommen wir sie nicht, aber darum geht es bei dieser Führung ja auch nicht.

Der Guide leiht uns Körper und Augen, um die neue Ausstellung zu bewundern. An diesem Dienstagnachmittag ist auch die Konzeptkünstlerin Margret Eicher live dazu geschaltet. Sie sagt selbst etwas zu den Arbeiten, von Anfang an dürfen wir virtuelle Besucher Fragen stellen.

Uralte Webkunst, die heute oft stiefmütterlich betrachtet wird - hier nicht

Margret Eicher entwirft Wandteppiche, sogenannte Tapisserien. Diese meterlangen und meterhohen gewebten Bilder waren jahrhundertelang Aristokraten vorbehalten, manch Teppich musste über Monate und Jahre gewebt werden, sie waren schier unbezahlbar. So uralt diese Webkunst ist, so stiefmütterlich wird sie heute oft betrachtet. Eher Kunsthandwerk als Kunst, meint manch ein Kunsthistoriker. Margret Eicher entwirft ihre Teppichszenen am Computer, gewebt werden sie in einer traditionsreichen Manufaktur in Belgien, an digitalen Webstühlen. "Meine Teppiche sind letztendlich echte Industrieprodukte". sagt Eicher. Los geht die Onlineführung bei dem der Schau namensgebenden Wandteppich "Lob der Malkunst".

Mitten in der aufgeräumten Paris Bar, jener einst berühmt-berüchtigten Szene-Bar in Berlin-Charlottenburg, steht das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge von Vermeer. Naja, eigentlich steht da Scarlett Johansson, entsprungen einem Kinofilm über Vermeer aus dem Jahr 2003. Scarlett mit dem Perlohrring steht da also in der Paris Bar, deren Gäste wohl erst später am Abend kommen, jedenfalls sind die Tische noch weitgehend leer und sauber gedeckt. Nur zwei Künstler sind bereits eingetroffen. Einmal steht da lässig der junge Martin Kippenberger, einst Stammgast der legendären Kneipe, in weißem Jackett und Sektglas in der Hand. Auf der anderen Seite sitzt Gerhard Richter, er scheint auf jemanden zu warten. Vermeers Mädchen in der Bildmitte schwenkt einen Lorbeerkranz. Wem soll sie ihm geben? Kippenberger oder Richter, wer ist hier der Sieger?

Julian Assange umrahmt von Ninja Turtles

Margret Eicher mag diese Vermischung fiktionaler und realer Figuren. Comic-Helden, Popstars, Figuren aus Sci-Fi, Fantasy und Computerspielen - sie treffen sich mit Menschen aus der Werbung, Politik und Gesellschaft. Zum Beispiel Julian Assange. Der Wiki-Leaks-Gründer sei recht bald von allen fallen gelassen worden, meint Margret Eicher. Auf humorvoll-skurrile Weise wollte sie ihm mit einer Tapisserie ein Denkmal setzen.

In einem antik anmutenden Setting zwischen Säulen hat der Whistleblower handfeste Unterstützung bekommen. Assange steht in der Bildmitte mit lässig verschränkten Armen, wie ein Cover-Boy vom Manager Magazin. Vier muskelbepackte Ninja Turtles stehen hinter Assange, privaten Bodyguards, immer kampfbereit. "Ich dachte mir, das wäre doch was, wenn Julian Assange von den Ninja Turtles beschützt würde", sagt Eicher und schmunzelt.

Prächtige Wolkengirlanden und Bordüren aus Graffitischrift umrahmen die Szenerie: Subkultur und Trash treffen auf Menschen aus Schlagzeilen, inszeniert auf aristokratischen, edlen Wandteppichen. Form und Inhalt fallen auseinander, heldenhafte Posen und schrille Details irritieren den Blick des Betrachters. Genau das möchte die Künstlerin. Die Sinnhaftigkeit unserer Bildwelt und unserer Sehgewohnheiten stellt Eicher permanent in Frage. Ihre Comic-Figuren findet Margret Eicher im Internet: "Ich stolpere eher über sie, als dass ich sie gezielt suche."

Ob bei der Documenta in Kassel oder im Martin Gropius Bau, in den vergangenen Jahren fielen immer wieder zeitgenössische Künstlerinnen auf, die aufwendig geknüpft und gewebte Tapisserien ausstellten. Eine jüngere Künstlerinnen-Generation hat sich der uralten Kunstform der Bildteppiche angenommen und verwandelt sie in eine ganz eigene Sprachwelt. Sehr schön zu sehen nun im Haus am Lützowplatz.

Die Schau ist bis Mitte März geplant. Besucher werden diese schräg-schönen Teppiche also leider nur online zu sehen bekommen.

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5 Kommentare

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  1. 5.

    Wer ist das? Bansky? Und kann es nicht eine Kunstbewegung geben, die wirkungsvoll das Klimawandel Karussell anhält und diese verdammte Arm-reich-Schere wieder zusammen gedrückt bekommt??

  2. 4.

    „ ... gewebten Bilder waren jahrhundertelang Aristokraten vorbehalten ...“
    So ist das nach wie vor oder werden die Teppiche zu Ikea-Preisen verscherbelt. Wohl eher nicht, gell Herr Jansen.

    Das mit der ‚ehrenwerten’ Paris Bar passt dann schon wieder wo alle Sternchen und Stars der etablierten Szene die Schinken produzieren, die dann, dank ihrer Teppichhändler (Galeristen) die aktuelle Aristokratie (Privat-Bank-Kunden, Russen, Chinesen und Amis, aber auch Burda- und Flick-Erben) beliefern. Das ist leider so was von Gähn. Hingegen schnitzt immer noch eine wesentlich volksnähere Persönlichkeit sein politischen Botschaften auf faszinierende Weise in gewaltigen Dimensionen sogar in Fußböden und führt ein OpenHouse ohne WhiteCube-Schnickschnack. Mehr Avantgarde, wobei ganz analoge in Eigenregie als Masche und Delegieren mittels, ach wie frech, digitaler Industriefertigung.

  3. 3.

    Lieber Stefan K., nein es gibt genauso weibliche Guides. Ich kenne im deutschen nur den Guide und nicht die Guide, daher habe ich die männliche Form gewählt. Ich hätte natürlich auch den Führer/die Führerin als Begriff wählen können, mag ich aber nicht so gerne (ist persönlicher Geschmack). Viele Grüße!

  4. 2.

    Diese Parisbar war absolut überbewertet. Als kleiner Student wollte man da auch mal einen Kaffee trinken und wurde vorne am Abstelltisch platziert, um die ehrenwerten Gäste nicht zu stören. Da wünscht man sich doch Wunschpunkte vom Sams, um den ehrenwerten Gästen je ein verkohltes Würstchen unter die Flambierglocke zu schmuggeln..

  5. 1.

    Liebe Frau Knoblauch,
    Sie sprechen immer von "DEM Guide", mich interessiert wirklich, ob es sich ausschließlich um männliche Guides handelte?
    Viele Grüße!

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