Die Proben für "Jenufa" an der Staatsoper Berlin (Bild: Staatsoper Berlin/Bernd Uhlig)
Audio: rbb Kultur | 12.02.2021 | Maria Ossowski | Bild: Staatsoper Berlin/Bernd Uhlig

Premiere von "Jenufa" in der Berliner Staatsoper - Liebe, Verrat, Treue, Mord - und alles mit Corona-Abstand

"Jenufa" ist eine beliebte, aber auch traurige Story, die dem Komponisten Weltruhm brachte. Am Samstag feiert sie in der Berliner Staatsoper Premiere. Die Besetzung ist edel, am Pult steht Simon Rattle. Der Saal bleibt leer, aber: Der rbb überträgt. Von Maria Ossowski

Ein Frauenschicksal zu Beginn des vorigen Jahrhunderts: Die Dorfschönheit Jenufa ist schwanger, der fesche Kindsvater heiratet sie nicht, weil ein eifersüchtiger Nebenbuhler ihr Gesicht zerschneidet. Sie trägt das Kind heimlich aus, die Stiefmutter tötet es, und am Ende steht dennoch versöhnliche Musik.

Die Finnin Camilla Nylund singt die Hauptrolle, die Jenufa. Das erste Mal. Sie musste während der Proben in jedem der drei Akte immer wieder weinen wegen des Schicksals der Hauptrolle. "Ich habe ja zwei Kinder geboren, ich weiß, wie es ist, schwanger zu sein, wie es ist, ein Kind in den Armen zu halten. Und immer hat man Sorge, dass ihnen etwas passiert. Das ist natürlich unglaublich, jetzt ein solches Rollenporträt machen zu dürfen."

Nylund: Jenufa fordert die Stimme ganz anders

Nylund ist bekannt für ihre grandiosen Wagner- und Strauß-Interpretationen, im "Rosenkavalier" hat sie an der Staatsoper die Marschallin gesungen. Jenufa fordere ihre Stimme jetzt ganz anders, sagt Nylund: "Es ist ja eigentlich eine sehr lyrische Partie mit dramatischen Ausbrüchen und es tut meiner Stimme unglaublich gut, sich ein bisschen zurückzunehmen und nicht immer nur auf Lautstärke und Größe der Stimme zu achten. Ich darf mich jetzt einfach nur auf diesen schönen Klang konzentrieren, das macht schon sehr viel Freude."

Außergewöhnliches Musiktheater

In Berlin, an der Staatsoper, erlebte Leos Janaceks Werk 1924 den Durchbruch. Damals hat Erich Kleiber dirigiert. Heute steht Simon Rattle am Pult. Sir Simon, verheiratet mit einer Tschechin, Magdalena Kozena, war schockverliebt in diese mährische Nationaloper:

"Das ist ganz nah an meinem Herzen und genau die Musik, um derentwillen ich Operndirigent werden wollte. Also seit meinem 17. Lebensjahr. Es ist eben auch ganz außergewöhnliches Musiktheater. Janacek hat Musik geschrieben im Tempo des Sprechens. Es ist kein Wunder, dass die Oper in der gleichen Zeit spielt wie die Dramen des späten Tschechow", sagt Rattle. "Wissen Sie, wenn Menschen sich zu nahe kommen, könnten sie einander ermorden. Wenn der Regisseur alle Figuren jetzt weit voneinander entfernt inszenieren muss, passt das doch. Sogar die Liebespaare."

Berliner Staatsoper: "Jenůfa" © Bernd UhligAlle auf Abstand: Die coronakonforme Inszenierung von "Jenufa" in der Berliner Staatsoper.

Der Chor als Publikum

Jenufa wird auf Tschechisch gesungen. Für Sir Simon Rattle ein zumindest gewohnter Klang: "Naja, das höre ich zu Hause jeden Tag. Ich hab jetzt in der Lockdownzeit versucht, von meiner sechs Jahre alten Tochter tschechisch zu lernen. Leider erklärt sie mir permanent: Tata, wenn Du das so aussprichst, wird es kein Mensch je verstehen", erzählt der Dirigent. "Aber ich höre es gern. Es ist auch eine sehr spezielle tschechische Sprache. Viele dieser Worte nutzt man heute kaum noch, hat sie auch wahrscheinlich selten benutzt. Zum Beispiel Klapčok für Baby. Das gibt's eigentlich heute gar nicht mehr."

Eine Oper um Liebe und Verrat und Treue und Mord mit Corona-Abstandsregeln - das ist allein schon für den italienischen Regisseur Damiano Michieletto eine Herausforderung gewesen, vor allem aber: Wohin mit dem Chor? Er füllt den Saal anstelle des Publikums, immer schön auf Abstand.

Intendant Matthias Schulz sagt: "Der Chor ist gewissermaßen unser Publikum. Wir brauchen ja einen starken Klang des Chors, und nutzen einfach den Zuschauerraum. Da stehen die Chorsängerinnen und -sänger mit großem Abstand zueinander. Ich glaube, das ist sehr toll gelöst worden."

Der rbb überträgt die Premiere von "Jenufa" aus der Staatsoper Berlin am Samstag, 13.02.2021, ab 20:04 Uhr, im Radio auf rbb Kultur und im Livestream auf rbbkultur.de.

Beitrag von Maria Ossowski

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren

Die Goldenen Zwanziger: Ein Abend im Moka Efti, mit Dagmar Manzel, Mitgliedern der Berliner Philharmoniker und Michael Hasel ; © Frederike van der Straeten
Frederike van der Straeten

Konzertkritik | Berliner Philharmoniker - Ein Abend im Moka Efti

In den 1920ern war das Moka Efti legendär in Berlin: Kaffeehaus, aber extravagant ausgestattet und mit eigenem Konzertsaal. Am Dienstag erweckten die Philharmoniker es wieder zum Leben - mit Musik und Texten aus der Zeit. Von Maria Ossowski