Blitze zucken am Berliner Nachthimmel über dem Berliner Dom am Lustgarten (Quelle: snapshot-photography/David Heerde)
Audio: Inforadio | 01.02.2021 | Ulrike Bieritz | Bild: snapshot-photography/David Heerde

Interview | Finanzielle Probleme beim Berliner Dom - "Gerade in der Adventszeit war es wirklich traurig"

Keine Veranstaltungen, keine Einnahmen: Da geht es der Berliner Dom-Gemeinde wie vielen anderen in der Pandemie. Mittlerweile ist ein millionenschwerer Fehlbetrag angelaufen. Den Staat sieht Dompredigerin Petra Zimmermann nicht in der Pflicht, sie hofft auf Spenden.

rbb: Frau Zimmermann, Sie sind Dompredigerin. Aber so richtig viel zu predigen gibt es im Moment nicht, oder?

Petra Zimmermann: Wissen Sie, das Predigen, das geht ja noch, denn die Wochenenden sind mit den Gottesdiensten die lebendigsten Stunden in der Woche des Domes. Aber alles andere kann halt im Moment nicht stattfinden. Und das Wichtigste für den Berliner Dom ist ja, dass eigentlich die ganze Woche Leben in ihm ist. Es kommen Besucher aus allen Ländern der Erde zu uns und es finden Konzerte und Veranstaltungen statt. Das ist eigentlich das normale Bild, das wir doch alle vom Berliner Dom haben.

Bleiben wir noch einmal kurz beim Predigen. Dieser seelsorgerische Aspekt, der kommt jetzt in der Corona-Pandemie gar nicht zu kurz, sagen Sie.

Der seelsorgerische Aspekt hat eher zugenommen, die vielen Gespräche, die ich seit Monaten mit Gemeindemitgliedern führe, meistens am Telefon. Aber manchmal fahre ich auch hin, wenn ich den Eindruck habe, das ist jetzt besser, dass ich wirklich anwesend bin und die Menschen sehen kann. Das hat wirklich eher zugenommen.

Das Schöne ist ja, so eine Krisensituation bringt auch ganz erstaunliche Dinge zum Vorschein. Wir haben zum Beispiel angefangen, unsere Gottesdienste alle live im Internet zu übertragen. Das ist eine solche Reichweite, die wir damit haben. Wir haben an einem normalen Gottesdienst mehrere Tausend Menschen, die das live verfolgen, die dann hinterher wieder uns schreiben, mit denen wir Kontakt aufnehmen. Also mein Eindruck ist, die Ebene des persönlichen Kontaktes, die ist nicht weggebrochen. Das hat sich eher verstärkt.

Petra Zimmermann, Berliner Dompredigerin, spricht während eines Festgottesdienstes im Berliner Dom (Quelle: dpa/Friedrich Bungert)
Seit 2006 ist die gebürtige Dortmunderin Petra Zimmermann Dompredigerin am Berliner Dom | Bild: dpa/Friedrich Bungert

Also Kirche kann auch digital? Das ist ja fast ein bisschen überraschend.

Das war für uns selber, ehrlich gesagt, auch überraschend. Vor allen die Geschwindigkeit, mit der wir diesen Digitalisierungsprozess gemacht haben, hat uns selber erstaunt. Aber es ist so, wir hatten keine andere Möglichkeit mehr. Irgendwann war es nicht mehr möglich, Gottesdienste mit Gemeinde vor Ort zu feiern, und dann mussten wir ganz schnell reagieren.

Sie haben zu Beginn gesagt, sonst ist der Berliner Dom ein sehr lebendiger, internationaler Ort. Blutet Ihnen ein bisschen das Herz, dass das jetzt nicht so ist?

Das ist richtig traurig. Wenn ich tagsüber im Dom bin, bin ich ganz oft völlig alleine in dieser Kirche. Gerade in der Adventszeit war es wirklich traurig. Das ist sonst die Zeit, wo der Dom immer voll ist, wo wir es sehr viele internationale Besucher und Konzerte haben. Und ich saß in der Adventszeit wirklich alleine in diesem Dom. Er kam mir so vor wie ein schlafender Riese. Außer dem Partner war oft niemand da.

Durch den Ausfall der Veranstaltungen fallen auch jede Mengen Einnahmen weg.

Ja, wir brauchen dringend Geld. Im Grunde ist die gesamte Finanzierungsgrundlage des Berliner Doms im letzten Jahr weggebrochen. Den Großteil dessen, was wir brauchen, müssen wir selber erwirtschaften. Durch die aktuelle Situation sind etwa 85 Prozent unserer Einnahmen weggebrochen. Sie können sich vorstellen, das bringt den Dom an den Rand der finanziellen Katastrophe. Wir stehen wirklich mit dem Rücken zur Wand. Das hängt einfach damit zusammen, dass wir eine Gemeinde sind, die ganz normal Kirchensteuermittel bekommt wie alle anderen Gemeinden auch. Das macht aber nur drei Prozent unseres gesamten Haushaltes aus. Alles andere erwirtschaften wir selber.

So ein altes Gebäude, das kann sich jeder vorstellen, kostet Unsummen.

Das kostet viel, dieses Gebäude zu erhalten. Was aber auch viel kostet, ist, die Leute zu beschäftigen, die dieses Leben dort organisieren und reinholen. Wir haben ungefähr 250 Konzerte gehabt im Jahr. Wenn Sie sich vorstellen, was es bedeutet, solche Konzerte zu organisieren, Tickets zu verkaufen, die durchzuführen vonseiten der Musikerinnen und Musiker. Das sind natürlich sehr, sehr viele Personalkosten, die dadurch entstehen. Bei so einem großen Dom braucht man professionelles Handeln auf allen Ebenen. Man kann nicht sagen, wir machen das einfach jetzt mit Ersatzkräften oder Ehrenamtlichen. Personalkosten, Bauunterhaltung, das sind sehr große Summen, die uns das jedes Jahr kostet - und die können wir im Moment nicht erwirtschaften.

Sie haben 700 Plakate drucken lassen, um auf diese Situation aufmerksam zu machen. Was ist darauf zu sehen?

Wir sehen darauf einen jungen Mann, der an einem Fenster sitzt in etwas höherer Etagenebene und von oben auf den Dom schaut. Mir gefiel an diesem Plakat die Atmosphäre so gut, die es einfängt. Ich glaube, dieses Gefühl – zu Hause zu sitzen, nicht dorthin zu kommen, wo man eigentlich hin will, nämlich in die Stadt, da, wo das Leben ist, wo man Menschen trifft – das fängt dieses Plakat gut ein. Man sitzt derzeit wie hinter einer Glasscheibe.

Wie viel Geld brauchen Sie denn ganz konkret?

Also wenn ich alleine auf das vergangene Jahr gucke, dann fehlen uns etwa vier Millionen Euro. Das ist schon eine Hausnummer. Wir wissen ja nicht, wie lange wir diesen geschlossenen Dom noch haben werden. Wir hatten natürlich wie alle anderen auch gehofft, dass Anfang dieses Jahres das Schlimmste vorbei sein könnte. Das sieht nun gar nicht so aus. Das heißt, wir müssen uns auch auf eine längere Zeit einstellen, in in der wir das, womit wir Geld verdienen, am Dom gar nicht machen können.

Und selbst wenn die Situation sich bei uns in Deutschland etwas beruhigt haben sollte, wann werden die Gäste aus dem Ausland wiederkommen können? Die größten Gruppen, die aus dem Ausland zu uns kommen, sind aus den USA, aus China, Italien und Spanien. Das macht den Hauptanteil und Besucherschaft aus. Wann wird das wieder möglich sein?

Sie fragen, was sich im Grunde alle Geschäftsleute oder Hoteliers der Stadt auch gerade fragen. Frau Zimmermann, der Staat nutzt den Dom auch durchaus, wenn es um repräsentative Feierlichkeiten oder Gottesdienste geht. Kann man den nochmal angraben?

Der Staat und der Berliner Senat unterstützen uns ja bei dem Umbau der Hohenzollerngruft. Wir wären sonst überhaupt nicht in der Lage gewesen, diese nötigen Reparaturen ausführen zu lassen. Das ist für uns ein ganz, ganz wichtiger Anteil. Allerdings ist das natürlich ein Sonderprojekt. Wir sind dankbar für jeden Euro, der uns überwiesen wird. Aber ich muss sagen, ich finde, an diesem Punkt ist eigentlich nicht der Staat in erster Linie gefragt, sondern es sind wirklich die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Ingo Hoppe für rbb 88,8. Bei diesem Text handelt es sich um eine redigierte und gekürzte Fassung.

18 Kommentare

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  1. 18.

    Als ehemalige Mitarbeiterin kann ich Dompredigerin Dr. Zimmermanns Aufruf zur Spendenbereitschaft nur unterstützen und trage selbst auch mein Scherflein bei.

  2. 17.

    Leider haben die beiden großen Kirchen es versäumt, mir ihre Vermögensverhältnisse darzulegen. Obwohl ich katholisch getauft bin, habe ich nach dem Bericht in der Abendschau keine Sekunde gezögert, mein Scherflein zum Erhalt dieses schönen und wichtigen Gotteshauses beizutragen, und zwar ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, wer das Gehalt von Bischöfen und sonstigen Priestern bezahlt.

  3. 16.

    Das kann nicht stimmen. 6 Kinder und 1 Erwachsener würden nicht mal als Vollzahler 50 € kosten

  4. 15.

    So ist es. Leider ist sehr viel Halb- und Unwissen im Umlauf und auch hier wird alles in einen Topf geworfen. Aus Bischöfen, die in der Tat vom Staat bezahlt werden, werden schnell alle Pfarrer. Und das katholische Erzbistum Köln mit unermesslichem Reichtum ist in dieser undifferenzierten Betrachtung genauso "die Kirche" wie unser verarmter Dom. Es fällt bei all dem Gold darinnen schwer zu glauben, aber das ganze kostet natürlich Geld und stellt keinen veräußerbaren Reichtum dar. Man kann ja schlecht das Blattgold von den Figuren schürfen und verkaufen.

  5. 14.

    Durch die Säkularisation haben sowohl die kath. als auch die ev. Kirche Geld und Zuwendungen seinerzeit vom Staat erhalten und daher rührt noch das Vermögen.
    Nur in den neuen Bundesländern sieht es nicht so rosig aus, weil inzwischen nur noch ein ganz geringer Prozentsatz der Bevölkerung kirchlich gebunden ist aufgrund der DDR-Vergangenheit.
    Mein Enkel besucht ein sehr gutes Internat in Sachsen-Anhalt und da gehen ca. 6 Schüler von 3 Schulklassen eines Jahrgangs in den kath. Religionsunterricht und genauso sieht es beim evangelischen Religionsunterricht aus, also die übergroße Mehrheit ist konfessionslos.

  6. 13.

    Ich gestehe mich mit der Evangelischen Kirche nie richtig befasst zu haben. Schon gar nicht über deren finanzielle Beschaffenheit. Hier scheint es einen gravierenden Unterschied zur RKK zu geben. Letztere ist Milliarden schwer und hockt wie eine Glucke auf ihr gemachtes Nest aus Immobilien und sonstigen oftmals sogar recht zwielichtigen Geschäftspraktiken. All dies ist belegt worden und längst bekannt.

  7. 12.

    Da gab es erst im Januar in Bayern mit dem Landesbischof und auch Bischof Bedford - Strohm und einem Pfarrer von der evang. Gemeinde Nürnberg - Ziegelstein, wo der Pfarrer sich gegen diese Art der ev. Kirche gegen die Seenotrettung ausgesprochen hat, eine handfeste Auseinandersetzung. Kam sogar in der Presse!

  8. 11.

    So ist es. Der Berliner Dom erhält überhaupt keine Zuwendungen von der Kirche, bis auf die Kirchensteuer. Und die macht nur einen Bruchteil des Haushalts aus. Die evangelische Landeskirche Berlin Brandenburg schlesische Oberlausitz, zu der der Dom gehört, ist arm wie eine Kirchenmaus. Die sind sehr glücklich, dass der Dom bislang nicht einen müden Heller von denen bekommen musste. Das Märchen, dass die Kirchen so reich sein, Ist totaler Unsinn. Gilt vielleicht im Westen für einige katholische Bistümer, aber der Osten ist vorwiegend evangelisch und die wurden zu DDR-Zeiten enteignet. Da gibt es nichts mehr.

  9. 10.

    Die Kirche ist reich... Sie finanziert sogar Schiffe fürs Mittelmeer.. Dann wird sie auch selbst einen Dom finanzieren können wenn ihr daran was liegt..

  10. 9.

    Die Kirchen sind finanziell gut ausgestattet, da gebe ich Ihnen völlig recht.
    Die Bischöfe beider Konfessionen erhalten ihre Gehälter vom Staat, aber nicht die Pfarrer/Priester. Da müssen schon die einzelnen Landeskirchen/Diözesen dafür aufkommen. Mit dieser Behauptung liegen sie falsch.

  11. 8.

    Es tut mir leid aber mein Mitleid beim Berliner Dom hält sich da echt in Grenzen.
    Ich wollte mal mit einer Kitagruppe dort hin im Rahmen eines Berlinprojektes. Einfach mal reingehen, damit die Kinder sich das ansehen können. Dafür wollte man satte 50€ Eintritt haben für 6 Vorschulkinder und Erwachsene als Begleitung. Nicht mal für den Zoo muss man als Kita Eintritt zahlen (Ab 10 Kindern) oder für das Museum für Verkehr und Technik usw.

  12. 7.

    Also ein neuer Versuch hier einen Kommentar abzugeben. Allein die RKK in Deutschland besitzt zig Grundstücke in bester Lage( Münster z.B.). Zudem besitzen beide christliche Kirchen ein fettes Finanzpolster. Zu allem Überdruss erhalten Priester vom Staat ihr monatl. Gehalt und das ist nicht ohne. Ich stimme den Kommentaren 2,3 u.4 in vollen Umfang zu.

  13. 6.

    ... wer lesen kann... Da steht doch drin, dass der Dom keine öffentlichen Gelder bekommt. Und dass die Kirchensteuer nur 4% der Einnahmen ausmacht, die der dumm normalerweise hat.

  14. 5.

    "Das hängt einfach damit zusammen, dass wir eine Gemeinde sind, die ganz normal Kirchensteuermittel bekommt wie alle anderen Gemeinden auch. Das macht aber nur drei Prozent unseres gesamten Haushaltes aus. Alles andere erwirtschaften wir selber." Dann sollte man vielleicht mal als erstes auf die Ausgaben schauen und da ein wenig kürzen?

  15. 4.

    Ich denke das die Kirchen genügend Rücklagen hat und die Krise bewältigen kann, die kirchensteuereinnahmen sprudeln auch noch weiterhin.

  16. 3.

    Da sollte der Hausherr einmal beim Bundespräsidenten vorsprechen, denn die Bundesregierung und ihre Vertreter waren ja permanent Stambesucher in diesem historischen Gemäuer. Vielleicht ist dadurch die Bereitschaft zur Spende höher als bei der Bevölkerung.

  17. 2.

    Die Kirche besitzt ein riesiges Vermögen. Ich finde es unverschämt in jetzigen Zeiten um Spenden zu bitten, wo alle anderen an ihre Spareinlagen gehen.

  18. 1.

    Immer bei den Bürgern die Hand aufhalten, das geht nicht. Sonst ist doch auch immer für ALLES und auch JEDEN, die uns absolut nichts angehen, Geld vorhanden, auch bei den Kirchen. Wenn ich daran denke, für was gerade in Bayern alles gesammelt wird und Herr Bedford-Strohm für nötig erachtet. Warum dann nicht für ein Kulturgut?
    Ich habe inzwischen diese Bettelei so satt.

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