Interview | Schriftstellerin Isabel Allende - "Der Feminismus ist die wichtigste Revolution der Menschheit"

Isabel Allende bei lit.cologne spezial 2019 (Bild: imago images/Christoph Hardt)
Bild: imago images/Christoph Hardt

Das neue Buch von Isabel Allende ist gleichermaßen ein feministisches Plädoyer wie auch ein Nachdenken über das Alter. Im rbb-Interview spricht die 79-Jährige über den Tod, den sie sich als elegante, mitfühlende Frau vorstellt, und über den Zorn, der alles antreibt.

rbb: Frau Allende, am Anfang Ihres Buches beschreiben Sie sich als "zorniges" Mädchen. Das Wort, das Sie dann später für sich verwenden ist "leidenschaftlich". Wie gehören "Zorn" und "Leidenschaft" in Ihrem Leben zusammen?

Isabel Allende: Der Zorn war der Anfang. Die Leidenschaft ist dann die Energie des Zorns, die auf ein Ziel gerichtet wird. Eine Energie, die es möglich macht, aktiv zu werden. Das geschah in meinem Leben, als ich 1967 anfing, bei der chilenischen Frauenzeitschrift Paula zu arbeiten. Plötzlich hatte ich die Möglichkeit, etwas zu tun. Die Möglichkeit, meine Stimme zu erheben. Bis dahin hatte ich nur ein Gefühl: dass die Welt ungerecht ist.

Sie schreiben, dass es in Ihrer Jugend keine feministischen Vorbilder gab. Was war die Folge davon?

Ich spreche da von den 1940er- und 1950er-Jahren in Chile, das damals sowas war wie das Ende der Welt. In Europa und Amerika gab es längst Feministinnen, die mir ein Vorbild hätten sein können. Aber ich wusste nichts von ihnen. Vorbilder sind wichtig, weil sie einen Weg weisen. Sie sind wie ein Licht, dem sich folgen lässt. Ohne Vorbilder stellt sich schnell das Gefühl ein: "Ich bin verrückt. Ich bin der einzige Mensch, der so denkt und fühlt." Gibt es ein Vorbild, dann kann ich sagen: "So will ich sein!"

In welcher Weise möchten Sie mit Ihrem Buch "Was wir Frauen wollen" so ein Licht sein, dem gefolgt werden kann?

Ich hoffe, dass mein Buch Frauen untereinander anregt, über die Themen des Feminismus zu sprechen. Das sind keine neuen Themen. Der Feminismus ist jetzt schon ein halbes Jahrhundert alt oder sogar noch älter. Ich stelle aber immer wieder fest, dass junge Frauen nicht wissen, was ihre Mütter und Großmütter auf sich genommen haben. Sie nehmen die Erfolge des Feminismus als gegeben hin und betrachten den Kampf als beendet. Dabei ist er es ganz und gar nicht.

Der Kampf ist erst vorbei, wenn es gelingt, das Patriarchat, die Männerherrschaft, zu ersetzen. Durch eine Welt, in der Frauen gleichberechtigt an der Macht und am Wohlstand beteiligt werden – in allen Bereichen der Gesellschaft. Wir sind selbst in den westlichen Ländern noch sehr weit von diesem Zustand entfernt. Ganz zu schweigen von den vielen Ländern der Welt, in denen Frauen regelrecht Opfer des Patriarchats sind. Wir, die wir eine bessere Ausbildung und viele andere Privilegien genießen, haben die Verpflichtung, für unsere Schwestern in diesen Ländern einzutreten.

Das Wort "Gender" kommt im Buch nicht vor. Wie ist Ihr Verhältnis zu heutigen Generationen von Aktivist*innen und Theoretiker*innen, die den Feminismus im akademischen Feld verhandeln?

Das hat alles seine Berechtigung und seinen Wert. Mir gefällt es sehr, dass junge Menschen heute über "Gender" reden, ihr Geschlecht infrage stellen, die Art und Weise hinterfragen, wie wir über Menschen und ihre Unterschiedlichkeit reden. Das gehört alles zu dem, was wir leisten müssen. Die feministische Bewegung ist für mich die wichtigste Revolution der Menschheit. Sie hat angefangen mit Zorn und Wut. Aber es gibt keinen Fahrplan. Keine Anleitung. Wir schaffen einen Weg, während wir ihn gehen. Und es kommen immer wieder Momente, da wissen wir nicht, in welche Richtung es am besten weitergehen soll. Aber dann kommt wieder eine Generation junger Frauen und sie bringen die Bewegung voran. Sie bringen die Geschichte voran. Das habe ich in meinem Leben immer wieder gesehen. Und das ermutigt mich.

Ein wesentlicher Teil Ihres Buches handelt von Ihren Gedanken und Erfahrungen im Prozess des Älterwerdens. Und dabei sind Sie sehr selbstironisch. Woher kommt diese Selbstironie?

Wir nehmen uns alle sehr ernst – und das ist nicht nötig. Ich habe mein Älterwerden mit Neugierde verfolgt. Schon allein deshalb, weil es unumkehrbar ist. Es gibt nichts, was ich dagegen tun kann. Ich muss einfach das Beste daraus machen. Und ob Sie mir glauben oder nicht: Ich bin wirklich glücklich. Das ist eine tolle Phase meines Lebens. Ich fühle mich frei. Mir ist es egal, was andere von mir denken. Ich bin gesund, ich habe Möglichkeiten, anderen Menschen zu helfen. Es ging mir noch nie so gut wie jetzt.

Sie schreiben, Sie hätten trainiert, um eine "leidenschaftliche Greisin" zu werden. Was waren denn die Übungen in diesem Training?

Mich auf die Welt einzulassen. Eine Aufgabe zu suchen. Neugierig zu sein. Verbindungen aufzubauen. Das tue ich mit meiner Stiftung für benachteiligte Mädchen. Aber vor allem auch durch meine Bücher. Jeden Tag bekomme ich rund hundert Emails und Nachrichten aus der ganzen Welt. Aber vor allem: Liebe. Liebe hilft sehr. Ich bin immer in jemanden verliebt, natürlich nicht immer in dieselbe Person. (lacht)

Ihre Überlegungen zum Feminismus und über das Altern finden in einem sehr starken Bild zusammen. Sie schreiben, Sie stellen sich den Tod als Frau vor. In der Kulturgeschichte wird der Tod oft männlich dargestellt.

Ich stelle mir den Tod als eine mitfühlende, reife, elegante Frau vor. Die darauf wartet, uns beim Übergang zu helfen. Als meine Tochter starb, auch als meine Eltern starben, habe ich sie gerufen. Ich habe zu ihr gesagt: "Komm, hilf! Sie sind bereit." Ich habe sie mir nicht als eine schreckliche Kreatur aus einer anderen Welt vorgestellt.

Nein. Zu sterben ist nichts Schlechtes. Es gehört zur Natur. Alles stirbt, nichts bleibt. Und wenn wir das akzeptieren, können wir anfangen, den Tod als Freundin zu betrachten. Sie wird kommen und uns helfen, wenn die Zeit reif ist. Die Vorstellung der Unsterblichkeit ist auch eine des Patriachats. Mächtige Männer tun alles, damit man ihrer gedenkt. Weil sie ihre Vergänglichkeit nicht aushalten. In vielen Kulturen halten sich die Männer vom Tod fern, werden die letzten Dienste von Frauen vollzogen. Die Frauen waschen und kleiden die Toten, bereiten die Übergangsriten vor. Und als eine solche Frau stelle ich mir eben den Tod vor.

Am Schluss des Buches schreiben Sie: "Wir wollen eine Welt, in der es Schönheit gibt, und nicht nur von der Art, die sich mit den Sinnen erfassen lässt, sondern auch eine Schönheit, die man wahrnimmt, wenn das Herz offen ist und der Geist klar." Was ist das für eine Schönheit?

Eine Schönheit, die auch andere Spezies miteinschließt. Wir müssen die Schönheit der Natur erkennen, respektieren, bewahren. Wir sollten für die Schönheit der Welt dankbar sein. Eine Schönheit, die wir beinahe schon zerstört haben. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir alle miteinander lachen, tanzen, das Leben genießen – und eben auch die Natur wertschätzen. All das wäre die Schönheit der Gleichheit. Und nicht zu vergessen: Mitgefühl und Mitleid mit anderen.

Isabel Allende: "Was wir Frauen wollen", erscheint am 13.2.2021 im Berliner Suhrkamp Verlag, dt. v. Svenja Becker, 184 Seiten, 18 Euro

Sendung: Radioeins, 12.02.2021, 09 Uhr

Beitrag von Thomas Böhm

12 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 12.

    Feminismus hat, wie man nachlesen kann, viele Strömungen.
    Das sich für Gleichberechtigung einzusetzen, kommt ohne diesen Oberbegriff, der in Deutschland modern ist sehr gut aus, da er nicht für allerlei Anderes dient.
    Rvolution ist ein großes Wort, und es mit Feminismus in Verbindung zu bringen finde ich fehl am Platz.
    Kurz um, für mich ist das Wort negativ besetzt

  2. 11.

    wer sind denn für die die "meisten" Frauen? In meinem Bekanntenkreis ist das zum Glück nicht so.

  3. 10.

    Gerade in Chile dürfte eher die Abschaffung der Diktatur wichtiger als die Frauenrechte gewesen sein. Und Diktaturen gibt es überall noch. Für die Menschheit dürfte die Freiheit aller wichtiger sein als der Feminismus.

  4. 9.

    Frauen erziehen ihre Jungs so, wie sie die Männer haben wollen? Nein und das seit tausenden Jahren. Denn Erfolg hat Mann nur als Arschloch vor dem Herrn, darin liegt die Krux. Sie wollen das ihre Brut sich durchsetzt. Frauen in FÜHRUNGSPOSITIONEN sind nicht anders sie handeln adäquat. Nur das die Assistentin das Kindermädchen die Mutterrolle übernimmt.

  5. 8.

    Ich habe nicht verstanden, was jetzt genau passieren soll?
    Was bedeutet Männerherrschaft ersetzen?
    Ebenso werden die schrecklichsten Verbrechen gegenüber Frauen nicht beim Namen genannt.
    Stattdessen so Sachen wie Geschlecht in Frage stellen usw.
    Frage mich, was der Quatsch soll?
    Kann mir nicht vorstellen, dass es viele Frauen gibt, denen dies am wichtigsten ist.
    Außerdem bevorzuge ich Feministinnen wie Alice Schwarzer.
    Schlüssiger im Argument und klarer in der Ansprache.

  6. 7.

    Feminismus bedeutet alle Vorteile zu genießen die Frauen jetzt schon haben plus alle nachteiligen Sachen auf Männer abzuwälzen und am Ende natürlich über alles bestimmen zu dürfen.
    Ich lehne beides ab, Patriarchat und Feminismus, am Ende sind wir alle Menschen und es gibt gute und schlechte auf beiden Seiten.

  7. 6.

    So einen Satz wie in der Überschrift kann auch nur eine privilegierte Person raushauen.
    Ach ja,was würden die Frauen von damals geben,wenn sie Seite an Seite mit den Männern auf dem Schlachtfeld im Krieg der Oberschichten hätten kämpfen dürfen..

  8. 5.

    Aus Ihrer Sicht als Mann vielleicht nicht, aus der Sicht der meisten Frauen schon.

  9. 2.

    Bei aller Liebe, der Feminismus ist nicht die wichtigste Revolution der Menschheit.

  10. 1.

    Großartige Frau, sie findet wahre, wohltuende, aufrichtende Worte - vielen Dank fürs Interview!

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren

Symbolbild: Das "Chamber Orchestra of Europe" spielt während der Welcome Back Week im Kammermusiksaal (Bild: Berliner Philharmoniker/Lena Laine)
Berliner Philharmoniker/Lena Laine

Forschungsprojekt Berliner Philharmonie - Mozart für Mutter und Kind

Die Geburtsmedizinerin Birgit Arabin startet mit der Stiftung Berliner Philharmoniker ein Kammermusik-Projekt für Schwangere. Klassik reduziert bei werdenden Müttern Stress und wirkt damit auch positiv auf das ungeborene Leben. Von Hans Ackermann