Kiera Bahl (Quelle: imago-images)
Audio: Inforadio | 01.03.2021 | Anke Burmeister im Gespräch mit Kiera Bahl | Bild: imago-images

Interview | Helena Zengel-Entdeckerin Kiera Bahl - "Hollywood ist nicht für jeden greifbar"

Schon mit "Systemsprenger" begeisterte Helena Zengel das Publikum, dann gelang der der zwölfjährigen Berlinerin der Sprung nach Hollywood. Bei den Golden Globes ging sie zwar leer aus - Agentin Kiera Bahl sieht in Zengel dennoch ein Ausnahmetalent.

Bei der Verleihung der Filmpreise "Golden Globes" ist die Berliner Jung-Schauspielerin Helena Zengel in der Nacht zu Montag leer ausgegangen. Die Zwölfjährige war in der Kategorie "Beste Nebendarstellerin" für den Western "Neues aus der Welt" mit Tom Hanks nominiert. Zu den "Golden Globe"-Gewinnern gehören der Film "Nomadland" und die TV-Serie "The Crown". Vor der Verleihung hat der rbb ein Interview mit Zengels Agentin Kiera Bahl geführt.

rbb: Frau Bahl, die bekannteste Person in ihrer Kartei ist Helena Zengel. Kann man sagen, dass sie Helena entdeckt haben?

Kiera Bahl: Das kann man so sagen. Ihre Mutter hat mich angesprochen, als Helena fünf Jahre alt war. Sie fragte mich, ob ich mir vorstellen kann, mit einem so jungen Kind zu arbeiten. Ja, ich war ein bisschen skeptisch und habe gesagt: Gut, ich hole mir Helena mal vor die Kamera. Das haben wir probiert - und ich muss sagen: Ich war begeistert. Kurz nach ihrem fünften Geburtstag kam Helena in meine Agentur.

Kurz nach ihrem fünften Geburtstag - normalerweise casten Sie nicht so junge Mädchen und Jungen, oder?

Ich fange in der Regel im Alter von sieben bis acht an - wenn ich sie mir dann auch alleine vor die Kamera holen kann, wenn ich mit ihnen sprechen kann: Wie stellst du dir vor? Weißt du denn, was Dreharbeiten sind? Weißt du, was es bedeutet, in einem Film mitzuspielen? Guckst du Filme, wo Kinder mitspielen? Viele Kinder können mir relativ schnell gute Antworten geben. Es ist eher so, dass Eltern vorsichtig sind, ihre Kinder bei mir anzumelden und dass die Kinder eher drängeln und sagen, Mama, jetzt mach doch mal.

Ach? Ich hätte gedacht, das ist umgekehrt?

Ja, solche Eltern gibt es bestimmt. Ich habe aber eine andere Erfahrung gemacht. Wenn es die Eltern selbst sind, dann merkt man das auch an dem Kind, das man vor der Kamera stehen hat. Denn wenn ich das Kind frage: Weißt du denn, warum du heute hier bist? Und das Kind sagt: Nein - dann schicke ich es nach Hause, zusammen mit den Eltern. Dann wird das leider nichts.

Wie merken Sie, dass ein Kind für Dreharbeiten geeignet ist?

Das merkt man schon an der Begrüßung. Ich lade die Kinder ja zum Live-Casting ein, also wenn nicht Corona ist - momentan findet das alles online statt. Wenn also ein Live-Casting stattfindet, dann kommt das Kind mit einem Elternteil. Und schon bei der Begrüßung merkt man, ob es einem in die Augen schaut. Das ist das erste Indiz für eine Lust, den anderen kennenlernen zu wollen, und zu sagen: Hier bin ich, spiel mit mir!

Die Kinder wissen vorher, was auf sie zukommt. Die bekommen von mir einen Text, den sie lernen müssen. Und dann mache ich mit ihnen noch Improvisation. Außerdem müssen sie sich kurz vorstellen vor der Kamera. Und dann merkt man einfach, wo die Augen leuchten, wer wirklich Lust hat zu spielen. Und natürlich auch wer talentiert ist - den Text also nicht nur aufsagt, sondern den Text in sich zu fühlen, sozusagen die Figur, die es spielt, zu sein.

Bei Helena haben Sie das auch sofort gemerkt?

Ja, das stimmt. Wir haben hinterher noch Fotos gemacht, ich habe die Fotoserie noch. Das war wirklich der Wahnsinn, wirklich toll und außergewöhnlich.

Es ist ja auch eine außergewöhnliche Karriere.

Sie meinen Hollywood? Ja, ich finde keine Worte dafür. Ich bekam eines Tages einen Anruf von einer Casterin, die sagte, setz dich mal hin. Und dann bekam ich die Nachricht, dass Helena zum Vorsprechen für diesen Film “Neues aus der Welt“ kommen möge. Dann war relativ schnell klar: Sie wird den Regisseur treffen. Dazu flog sie nach London und hatte nur ein Kennenlerngespräch. Und für den Regisseur stand dann wohl schon fest, dass er Helena besetzen möchte.

Viele Kinder denken jetzt, wie leicht das geht - aber so einfach ist es nicht. Das war eine absolute Ausnahme und ist in Deutschland wohl einmalig. Da kann man noch so viel an der Karriere schrauben und talentiert sein und in großen Produktionen mitspielen, Hauptrollen spielen - es gibt sehr viele Filmkinder in Deutschland - aber diese Chance ist wohl einmalig.

Sind denn Kinder, die erfolgreich sind, später auch als Erwachsene erfolgreich?

Das kann man nicht so sagen. Ich habe meine Agentur seit 15 Jahren und habe noch Kinder, die vor 15 Jahren in die Agentur aufgenommen worden sind. Die sind inzwischen junge Erwachsene, sind noch dabei. Es gibt aber auch viele Kinder, die mit der Beendigung der Schulzeit aufhören mit dem Drehen, weil sie sagen: Das war schön für mich, das war mein Hobby - jetzt möchte ich aber einen anderen Beruf ergreifen. Das find ich manchmal schade. Aber natürlich respektiert man das auch. Und ich finde es toll, wenn sie ihren eigenen Weg gehen.

Was verdienen Kinder am Set?

Kleine Kinder, die gerade anfangen, bekommen in der Regel um die 150 bis 200 Euro für einen Drehtag. Das staffelt sich, und das wird natürlich im Laufe der Jahre mehr. Und für die erwachsenen Schauspieler, die auch eine Ausbildung gemacht haben, gibt es verschiedene Tarifverträge und Verträge, die die Erlösbeteiligung regeln. Da sind dann genau die Einstiegsgagen geregelt.

Es gibt auch Filme, in den Kindern harte Szenen spielen, zum Beispiel Krimis. "Systemsprenger" mit Helena Zengel war ja auch nicht einfach. Wie halten Kinder das aus?

Kinder können gut unterscheiden zwischen Film und Realität. Helenas Regisseurin Nora Fingscheidt hat erzählt, dass Helena immer eine Dusche bekommen hat, wenn sie in den Film hineinging und wenn sie aus den Dreharbeiten wieder herauskam.

Die Kinder werden natürlich aufgefangen von ihren Familien. Es gibt vorher intensive Gespräche mit der Produktion, gerade bei psychisch belastenden Inhalten. Da muss die Filmproduktion einen Antrag stellen bei der zuständigen Behörde, dann wird das pädagogisch bewertet.

Eltern können auch bei Gesprächen dabei sein, und manchmal wird auch für ein Kinder ein psychologisches Gutachten erstellt, um wirklich sicher zu sein, dass das Kind diese Inhalte gut wegsteckt.

Und haben Sie jetzt mehr Anfragen?

Ich habe in der Tat mehr Anfragen, aber eben auch von Kindern, die noch nie vor der Kamera gestanden haben und die gleich im ersten Satz schreiben, sie möchten auch unbedingt Schauspieler werden und nach Hollywood. Da muss ich erst einmal mit den Eltern sprechen. Und ich muss den Kindern den Zahn ziehen: Hollywood ist nicht für jeden greifbar.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Bahl!

Das Interview führte Anke Burmeister / Inforadio

Dies ist eine redigiert und gekürzte Fassung des Interviews. Das komplette Interview können Sie oben per Klick auf den Play-Button hören.

Sendung: Inforadio, 01.03.2021, 10:45 Uhr

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