Die Goldenen Zwanziger: Ein Abend im Moka Efti, mit Dagmar Manzel, Mitgliedern der Berliner Philharmoniker und Michael Hasel ; © Frederike van der Straeten
Audio: Inforadio | 24.02.2021 | Maria Ossowski | Bild: Frederike van der Straeten

Konzertkritik | Berliner Philharmoniker - Ein Abend im Moka Efti

In den 1920ern war das Moka Efti legendär in Berlin: Kaffeehaus, aber extravagant ausgestattet und mit eigenem Konzertsaal. Am Dienstag erweckten die Philharmoniker es wieder zum Leben - mit Musik und Texten aus der Zeit. Von Maria Ossowski

25.000 Tassen Kaffee hat das Berliner Café Moka Efti pro Tag verkauft, viele davon in den frühen Morgenstunden. Das Café, gelegen an der Leipziger Straße Ecke Friedrichstraße, war ein Tanzhaus mit Fischrestaurant, aber auch Friseur, Billardsalon, Diktierstube für Briefe und Schachsaal - vor allem aber besaß es die erste Rolltreppe von Berlin. 1929 war das Moka Efti der schärfste Ort der Riesenstadt.

Am Dienstagabend erweckten Mitglieder der Berliner Philharmoniker das legendäre Tanzhaus wieder zum Leben - mit schwungvoller Musik aus den 1920er-Jahren. Dazu rezitierte Dagmar Manzel Texte aus dieser Zeit - wie diese Erinnerung der Tänzerin Josephine Baker: "Die Stadt hatte einen juwelenartigen Glanz, besonders bei Nacht. Die riesigen Cafés erinnerten mich an Ozeandampfer, die vom Rhythmus ihrer Orchester angetrieben werden. Überall war Musik."

Lässig auf der Bühne

Die Philharmoniker im kleinen Ensemble tragen am Dienstagabend keine Fräcke, keine Fliegen, keine langen Kleider. Lässig in blauen Hosen und schwarzen Hemden spielen sie Jazz, Tangos, Charleston, Swing, der Flötist Michael Hasel hat den Abend zusammengestellt und dirigiert.

Die Kameras der "Digital Concert Hall" sind gnädig: kein Schwenk auf verlassene Ränge und leere Reihen in der Philharmonie, stattdessen strahlend blaue Lichter, intime Momentaufnahmen der Musiker und ihrer Instrumente. Sprecherin Dagmar Manzel zitiert zwischen den Musikstücken Trude Hesterbergs Erinnerungen an die 20er Jahre: "Alles wurde kürzer: die Haare, die Kleider, die Liebe, der Schlaf. Das Leben spielte sich ab, wenn es dunkel wurde. Der bunte Flittermantel der Nacht deckte die grausamen Blößen des Tages zu. Aus den Hausfluren krochen dunkle Gestalten. Ist noch dunkleren Vorschlägen. Zigarren? Zigaretten? Kokain? Det is Berlin!"

Entdeckung des Abends

Der Berliner Komponist Stefan Wolpe ist eine Entdeckung dieses wunderbaren Konzertes. Zu Unrecht ist er nicht so bekannt wie Kurt Weill. Als Jude und Kommunist mußte er fliehen, vielleicht auch deshalb geriet er in Vergessenheit.

Die 20er Jahre voller Vergnügungssucht und politischer Gewalt, voller Reichtum und Elend - die Berliner Philharmoniker präsentieren sie mit Dagmar Manzel literarisch und musikalisch mit großer Poesie, mit Melancholie und mit der morbiden Lebenslust ihres berühmtesten Werks, Kurt Weills "Dreigroschenoper". Ein Abend im Moka Efti, das alte Berlin lebt auf. Möge dieses musikalische Schmuckstück bitte nach Corona nochmal vor Publikum glänzen.

Beitrag von Maria Ossowski

3 Kommentare

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  1. 3.

    Überhaupt ist die ganze Reihe "Die Goldenen 20er Jahre" sehr empfehlenswert!

  2. 2.

    Was für ein toller Bericht. Schade, dass ich nicht dabei war...

  3. 1.

    Es war ein toller Abend! Vielen Dank für diese schöne Unterhaltung in dieser Zeit.

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