Synagoge, Oranienburger Strasse, Berlin (Quelle: dpa/Joko)
Audio: Inforadio | 22.02.2021 | Hans Ackermann | Bild: dpa/Joko

Konzertkritik | "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" - Jüdische Komponisten aus mehreren Jahrhunderten im Stream

Jüdische Komponisten aus verschiedenen Jahrhunderten: "1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland" heißt ein Themenjahr mit rund 500 Veranstaltungen, das am Sonntag mit einem Stream aus der Kölner Philharmonie eröffnet worden ist. Von Hans Ackermann

Mit mehr als 10.000 Mitgliedern hat Berlin die größte Jüdische Gemeinde Deutschlands. Die älteste Gemeinde aber ist in Köln zu finden. Dort hat der römische Kaiser Konstantin schon im Jahr 321 ein Dekret erlassen, wonach Juden in der Kurie, der Kölner Stadtverwaltung, nun Ämter bekleiden durften. Damit wurde am Rhein vor genau 1700 Jahren der Grundstein für die Gemeindegründung gelegt.

Mit dunklen Bratschen-Klängen beginnt das Konzert in der Kölner Philharmonie. "Prayer for Strings", "Gebet für Streicher" hat der israelische Komponist Tsvi Avni dieses Werk genannt. Musik, die in ihrer Schönheit an Samuel Barbers berühmtes "Adagio for Strings" erinnert.

Blick in die Ausgrabungsstätten und Bauarbeiten an der Archäologischen Zone. Archäologen fanden in Köln ein jüdisches Viertel aus dem Mittelalter. (Quelle: dpa/Oliver Berg)
Jüdisches Viertel aus dem Mittelalter in Köln | Bild: dpa

Auftakt mit Streichern

In seiner Heimat ist Tsvi Avni einer der wichtigsten Komponisten. Er lebt und arbeitet in Tel Aviv, geboren wurde er aber 1926 als Herman Jakob Steinke in Saarbrücken. Von dort ist ihm 1935 mit seinen Eltern die Flucht aus Deutschland gelungen.

Der ebenfalls aus Tel Aviv stammende Dirigent Lahav Shani hat das musikalische Gebet an den Anfang des Abends gesetzt und den Festakt damit in eine konzentrierte Grundstimmung versetzt. Der fast runde Saal der Kölner Philharmonie verwandelt sich bei diesen Klängen in einen spirituellen Raum. Noch nachdenklich - und deshalb beinahe etwas zu bedächtig - spielt das Gürzenich-Orchester dann zusammen mit der Geigerin Arabella Steinbacher das Hauptwerk des Abends, das Violinkonzert in e-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Rivalität und Ideologie

1845 hat Mendelssohn Bartholdy dieses Violinkonzert uraufgeführt, bis heute sind der Komponist und seine Familie ein herausragendes Beispiel für "Jüdisches Leben in Deutschland". Mit Blick auf seinen Rivalen hatte Richard Wagner 1850 in seinem berüchtigten Aufsatz Mendelssohn und das "Judentum in der Musik" geschmäht - obwohl es ein solches ideologisches Konstrukt überhaupt nicht gibt, wie die per Videokonferenz zugeschaltete jüdische Publizistin Marina Weisband in der Konzertpause betont: "Es kann keine abgeschlossene 'jüdische Musik' geben, weil wir zusammenleben in einer Welt mit anderen Menschen, mit anderen Musikern und weil wir uns gegenseitig beeinflussen. Und genauso gibt es keine Musik, die sich vollkommen lossagen kann von jüdischen Einflüssen. Es gibt auch keine nicht-jüdische Musik."

Der israelische Dirigent und Pianist Lahav Shani (Quelle: dpa)
Der israelische Dirigent und Pianist Lahav Shani | Bild: dpa

Kurt Weill als Sinfoniker

Nicht ganz nahtlos, eher im reizvollen Kontrast, fügt sich an das romantische Violinkonzert dann Kurt Weills moderne Sinfonie Nr. 2. Dunkle und dramatische Streicherklänge schildern ein bedrohliches Szenario, die leichten, vom Jazz beeinflussten Klänge der Weillschen "Dreigroschenoper" sucht man in dieser Musik vergebens. 1933, während seiner Flucht aus Deutschland, hatte Kurt Weill das Werk begonnen und die Sinfonie dann ein Jahr später in New York beendet. An diesem gelungenen Abend in Köln glaubt man, die Sinfonie tatsächlich zum ersten Mal zu hören, zweifellos auch ein Verdienst des vorzüglichen Dirigenten.

Alles auswendig

Lahav Shani dirigiert alle drei Werke des Abends auswendig, braucht ganz offensichtlich keine Partitur - ein weiteres Merkmal eines verblüffenden Talents. 1989 in Tel Aviv geboren, lebt Shani in Berlin und hat hier auch sein Handwerk gelernt. Er hat an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" bei Christian Ehwald das Fach "Orchesterdirigieren" studiert und sich von Fabio Bidini zum Konzertpianisten ausbilden lassen. Unter der Obhut von Daniel Barenboim und Zubin Mehta hat Shani seine Doppelqualifikation weiterentwickelt, schließlich die Staatskapelle Berlin dirigiert und im September 2020 mit Mozart, Schubert und Schumann auch sein Debüt am Pult der Berliner Philharmoniker gegeben.

2020 wurde Shani dann Musikdirektor des renommierten Israel Philharmonic Orchestra - als Nachfolger von Zubin Mehta.

Blick in den Saal der Kölner Philharmonie (Quelle: Guido Erbring)
Blick in die Kölner Philharmonie | Bild: Guido Erbring

Programm für Berlin

Ein erlesenes Programm mit jüdischen Komponisten aus verschiedenen Jahrhunderten wie es hier im Stream aus der Kölner Philharmonie in perfekten Bildern zu erleben ist, könnte man sich im Herbst auch gut in Berlin vorstellen. Dann wird die Jüdische Gemeinde zu Berlin ihr 350. Gründungsjubiläum feiern. Jüdisches Leben in der Hauptstadt wurde zwar schon im Jahr 1295 beurkundet, 1354 hatten sich erste jüdische Familien im "Kleinen Judenhof" angesiedelt, doch erst am 10. September 1671 wurde in Berlin für jüdische Familien ein Schutzbrief ausgestellt.

Dieses Jahr gilt heute als Gründungsjahr der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Sie bildet die größte Gruppe innerhalb der rund 150.000 Jüdinnen und Juden, die Schätzungen zufolge derzeit in Deutschland leben.


Modernes jüdisches Leben

Auch von den rund 500 Projekten, die der eigens gegründete und von der Bundesregierung geförderte Kölner Verein "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" für das festliche Jahr geplant hat - Musik, Kunst, Lesungen und Theater, Kongresse und Diskussionen - sollen einige in Berlin stattfinden.

Insgesamt ist das Themenjahr auf modernes jüdisches Leben in Deutschland fokussiert und will damit auch neuen antisemitischen Tendenzen entgegentreten.

Sendung: Inforadio, 22.02.2021, 6:55 Uhr

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