Besucher betrachten das Werk "Straße in Paris, Regenwetter" in der Ausstellung "Gustave Caillebotte. Maler und Mäzen der Impressionisten" in der Alten Nationalgalerie. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
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Audio: Inforadio | 22.02.2021 | Hendrik Schröder | Bild: dpa/Britta Pedersen

Hirnforscher: Digitalen Lösungen fehlt das Leben - Wie wichtig gemeinsames Kulturerleben für das Gehirn ist

Seit bald einem Jahr liegt wegen der Corona-Pandemie die Kultur lahm - von einigen Unterbrechungen und Open-Air-Episoden abgesehen. Das ist nicht nur langweilig, das ist auch schlecht für das Gehirn. Von Hendrik Schröder.

"Freizeitaktivitäten" nannte die Bundeskanzlerin vor einer Weile kulturelle Veranstaltungen. Und erntete dafür viel Widerspruch. Zurecht. Denn ob es Konzerte, Ausstellungen oder Theaterstücke sind: Kultur ist viel mehr als Unterhaltung, Ablenkung oder gesellschaftlicher Diskurs. Kultur ist Nahrung: für die Seele, den Geist. Aber nicht zuletzt auch: für das Gehirn. "Kultur hilft in jeglicher Hinsicht, die Funktionsbereiche im Gehirn zu stimulieren", sagt der Hirnforscher Sven Sebastian,"Kultur regt unsere Wahrnehmung an, unser Denken. Man kann sagen, dass Kultur im Gehirn stattfindet."

Natürlich kann Kultur auch zu Hause erlebt werden, vor dem Laptop, dem Fernseher oder wenn man selbst kreativ wird. Aber viel umfangreicher arbeitet das Gehirn, wenn es das gemeinsam mit anderen Menschen macht. Dann schüttet das Hirn Neurobotenstoffe wie Oxytocin aus oder beruhigende Substanzen wie Serotonin. "Immer wenn wir mit anderen Personen gemeinsam Kultur erleben, ist das Gehirn bereit etwas zu lernen - sozial, kulturell - viel stärker, als wenn wir das alleine tun", sagt Hirnforscher Sebastian.

West-Eastern Divan Orchestra, Dirigent Daniel Barenboim live in der Berliner Waldbuehne (Quelle: dpa/Ben Kriemann)
Ein Konzert in der Berliner Waldbühne | Bild: POP-EYE

Leben heißt, sich selbst bei der Wahrnehmung zu spüren

Fehlt dieses gemeinsame Kulturerlebnis, dann gerät der Neurococktail im Gehirn durcheinander, sagt der Hirnforscher, dann trübt sich unsere Stimmung ein, dann wird von bestimmten Botenstoffe viel weniger ausgeschüttet. Wir erleben weniger Freude und können uns schlechter konzentrieren. Digitale Lösungen seien zwar okay, um überhaupt Kontakt zu halten, aber sie seien keine biologischen Lösungen, sagt Sven Sebastian: "Da fehlt uns die Blutwärme, da fehlt das Leben an sich. Das hilft uns zwar, nicht verloren zu gehen, aber es ist nicht hilfreich, um wirklich das Leben zu spüren. Und das Leben zu spüren heißt, sich bei der Wahrnehmung zu spüren".

Träge und unausgeglichen

Das spüren auch die Künstlerinnen und Künstler, das spürt auch die Berliner Band Shirley Holmes. Unterwegs sein, auf Tour, dem Publikum in die Augen schauen - das präge normalerweise die Wochenenden der Band, sagt Shirley-Holmes-Gitarristin Mel. Bei den Erlebnissen mit der Band gehe es immer darum, gemeinsam mit anderen etwas zu schaffen, mit den MitmusikerInnen, aber auch mit den Veranstaltenden, der Crew, den Fans: "Es gibt einen ständigen Austausch, eine ständige Horizonterweiterung. Da kann man schon sagen, Kultur erschafft Synapsen", sagt Mel. Da all das gerade nicht passiert, merken die Bandmitglieder langsam, wie sie träger werden, meint die Gitarristin. Zwar haben sie nach wie vor Lust, Musik zu machen und Songs zu schreiben, aber ohne anstehende Konzerte hingen sie manchmal Nachmittage lang nur rum und äßen Schokolade und seien unausgeglichen.

Aber eine gute Nachricht gibt es bei alldem: Wenn gemeinsame erlebte Kultur wieder stattfinden kann, wird das Gehirn sich sofort wieder darauf einlassen, ist sich Hirnforscher Sebastian sicher: "Also, das Gehirn wird sich sofort erinnern, wie das mal war, wie befruchtend, wie wärmend, wie lebendig, dann, wenn die Tore wieder geöffnet werden, dann wird es erst mal sprudeln". Und das sind doch tröstliche Aussichten.

Sendung: Inforadio, 22.02.2021, 7:55 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

8 Kommentare

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  1. 8.

    Lieber Herr Krüger, also ich bin da jetzt mal ganz optimistisch. Ich habe schon so viele nette interessante Menschen in Ausstellungen, Veranstaltungen etc kennengelernt. Das macht mir Hoffnung, dass uns die Kultur, die Kunst im Original erhalten bleiben. Wie arm wäre die Welt ohne das alles. Ein Kommentator brachte Hartz IV in's Gespräch. Er hat wirklich recht. Geistige Nahrung ist ganz ganz wichtig. Ich kann da aber jedem nur die Jahreskarten empfehlen. Für mich als Rentnerin eine Möglichkeit an Vielem teilzunehmen.

  2. 7.

    @ Angelika,

    ja, "zusätzlich" trifft es auch meiner Auffassung nach ziemlich genau. Und es könnte nichts Zusätzliches sein, wenn das Eigentliche nicht (mehr) ist.

  3. 6.

    Lieber Herr Krüger, ich kann Ihnen nur zustimmen. Ich freue mich jedenfalls Kunst und Kultur wieder hautnah zu erleben. Digitalisierung kann hier nur ein zusätzliches Angebot sein um schon z.B. in der Schule Interesse zu entwickeln.

  4. 5.

    Wäre schön, wenn sich diese Erkenntnis auch in der Bemessung der Hartz4 Beträge niederschlagen würde. Mit realistische Werten.

  5. 4.

    '"Und da soll ich über Bilder einer Ausstellung mit anderen sinnieren?"

    Kultur kann niemals ein "Soll" sein. Außer in autoritären und diktatorischen Regimen, die ihre Art von kultureller Verheißung allen anderen andienen wollen.

    Kultur ist immer ein Angebot. "Nur". Und das macht m- E- auch die Stärke aus: dass Menschen freiwillig darauf kommen. Auch, ob sie alleine hingehen, in einer Gruppe und mit wem sie sich selber darüber unterhalten. Schon die unausdrückliche Aufforderung, gefälligst weiterzugehen, untergräbt dieses Angebot. Das sind die eigentlich schmerzhaften Folgen von Corona.

  6. 3.

    Ehrlich, mir fehlt gerade kein einziges Museum. Tut mir leid. Mir fehlen geimpfte liebe Mitmenschen, die ich erstmal umarmen oder besuchen möchte - vor dem Museumsbesuch. Mir fehlt das gemeinsame Schwätzen an eine Holztisch, oder um ein Feuer. Und zwar mit mehr als EINEM Freund. Mir geht gerade alles ZWISCHENMENSCHLICHE verloren. Dadurch quasi auch Freunde und Bekannte. Weil ich EINEN aussuchen muss und damit die ANDEREN ausschließe.

    Und da soll ich über einen erbaulichen Kunstgenuss nachdenken?

    Ich arbeite mich kaputt im Gegensatz zu den Corona-Müßiggängern, die den ganzen Tag draußen bräunen. Danach Homeschooling trotz Präsenzpflicht. Die verbleibende Zeit des Tages verbringe ich mit essen, duschen, Sachen selber reparieren oder in Warteschleifen, weil andere Kurzarbeit machen. Bei mir zu Hause im Grünen.

    Und da soll ich über Bilder einer Ausstellung mit anderen sinnieren?

    Ne, das Notprogramm enthält weder online- noch life-Kunstgenuss. Sorry.

  7. 2.

    In der Tat ist zu befürchten, dass aus der Not (=die Rückführung der Präsenz des Analogen) sehr schnell eine Tugend werden könne. Die Zeichen stehen danach.

    Was fehlt, ist gesamtgesellschaftlich eine ergebnisoffene Diskussion, welche Bereiche sinnvollerweise digitalisiert werden können und sollen und in welchen gesellschaftlichen Bereichen dies fatale Auswirkungen haben würde. Einer davon ist die Kultur. Kultur lebt vom anschaulichen, direkten und unvermittelten Dialog. Kultur lebt weniger vom abstrakten Wissen als von Empfindungen. Die macht kein Mensch in Bezug auf den Computer, wohl aber in Bezug auf andere Menschen.

    Deshalb ist es wichtig, zum frühestmöglichen verantwortbaren Zeitpunkt menschl. Kontakte zuzulassen. Und den gegenwärtigen Hype um die Digitalisierung zu beenden, da, wo überhöhte, pauschale Erwartungen hineinspielen.

  8. 1.

    „ Man kann sagen, dass Kultur im Gehirn stattfindet."
    Genauso geht es mir. Ich habe noch nicht ein digitales Angebot angenommen, es wäre wie fernsehen. Dann warte ich lieber auf den Tag X.

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