Cora Frost (Quelle: dpa)
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Audio: Inforadio | 27.02.2021 | Hendryk Schröder. | Bild: dpa Download (mp3, 2 MB)

Performancekritik | Cora Frost im BKA - Tränen verdampfen im Livestream

Tränenboys, Workshops zum Thema Weinen und Gläser, die nicht singen wollen - in Cora Frosts Performance "Sexysad: die traurigsten Lieder der Welt" soll man mitweinen, sich entspannen und Stress abbauen. Nur klappt es leider nicht, berichtet Hendrik Schröder.

Gemeinsames Weinen entspannt und baut Stress ab. Die Sängerin und Künstlerin Cora Frost hat sich diese Erkenntnis zum Programm gemacht. Am Freitagabend lief ihre Show "Sexysad: die traurigsten Lieder der Welt" im BKA-Theater im Livestream.

Zu Beginn der Show funken sich Cora Frost und ihr Pianist Florian Grupp, die nur zwei Meter entfernt voneinander stehen bzw. sitzen, mit kleinen Funkgeräten eine Frage hin und her: "Streamen oder nicht streamen, streamen oder nicht streamen". Immer wieder. Bis sie sich für das Streamen entscheiden. Vielleicht wäre nicht streamen die bessere Wahl gewesen: Denn es gibt Performances, die im Stream zumindest leidlich funktionieren und welche, die Publikum, Reaktion, Interaktion zwingend brauchen. Und diese Aufführung verpufft rein digital völlig.

Es geht ums Weinen an diesem Abend. Cora steht mit schwarzem, durchsichtigem Schleier vor dem Gesicht auf der Bühne. Sie hat einen alten Zylinder auf dem Kopf, trägt ein Kleid, das aussieht wie eine Priesterrobe, das aber kaum bis zu den Knien geht und erzählt, dass manche Leute Weinen sogar sexuell anturnend finden. Und dass es in Japan so was wie Tränenboys gibt, die das Weinen erleichtern sollen. Das könnte man in Berlin eigentlich auch gebrauchen, findet sie, denn Berliner und Japaner hätten einiges gemeinsam. Und so kommt auch ein Berliner Tränenboy auf die Bühne, der aber dann keine weitere Funktion hat. Cora Frost redet von all dem mit eher gelangweilter Stimme, als würde sie denken: Weiß ich auch nicht so genau, was das soll.

Klamauk oder Erkenntnis?

So wechseln sich also Songs und erzählte Geschichten ab. Auch ihr Gitarrist Speedy Schäfer darf eine erzählen. Über den Film "Night on Earth" und wie unglaublich traurig und zum Weinen er daraus die Geschichte aus Helsinki fand, wo der Taxifahrer ein noch viel schlimmeres Schicksal hatte als seine besoffenen Fahrgäste.

Es gibt singende Gläser, auf denen die traurigste Melodie des Abends spielen soll, aber die Gläser wollen einfach nicht schwingen. Es gibt eine Art Workshop, bei dem auch die Zuschauer verschiedene Weinmethoden ausprobieren sollen. Und die ganze Zeit fragt man sich: Ist diese ganze Performance jetzt witzig gemeint? Oder soll da was rausgearbeitet werden? Soll man darüber nachdenken oder ist das einfach nur Klamauk? Keine Ahnung.

Schlapp und uninspiriert kommt das alles daher. Auch die Dialoge zwischen Cora Frost und ihren Musikern Florian Grupp und Speedy Schäfer: langweilig, gestelzt, kein Timing, nix. Stark wird es dagegen immer, wenn die Drei aufhören zu reden und Musik machen.

Keine Tränen ohne Publikum

Denn die Songs sind schön arrangiert und berührend gesungen. "Hurt", im Original von Trent Raznor, später veröffentlichte Johnny Cash eine aufsehenerregende Version, gerät auch bei Cora Frost zum herzerweichenden Song. Auch die Tuba von Speedy Schäfer ist toll und als später Drumcomputer und Keyboard zum Einsatz kommen, klingt auch das schön und zackig und lustig und traurig zugleich. Für den Rest der Show aber bräuchte man Lacher, Johler, Zwischenrufer, ein Publikum, das sozusagen mitweint, wenn Cora Frost erklärt, wie Clowns weinen oder Schauspieler oder wie man sich selbst zum Weinen bringen kann.

Vielleicht ist auch das Thema einfach echt schwer, vielleicht zu ambitioniert, Weinen gleichzeitig lustig und tiefsinnig zu behandeln. Man sollte eigentlich nicht zu kritisch herangehen an die Beurteilung von Livestreams. Schließlich haben sich die Künstlerinnen und Künstler die Auftritte ohne Publikum nicht ausgesucht und versuchen nun, irgendwie das Beste daraus zu machen. Trotzdem muss man sagen: So hat das leider nicht geklappt.

Sendung: Inforadio, 27.02.2021, 09:55 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    "Man sollte eigentlich nicht zu kritisch herangehen an die Beurteilung von Livestreams."
    Aber dann dachte sich Herr Schröder: Scheiße, so lang nichts mehr verrissen, endlich mal Druck abbauen im Homeoffice.

    Zusammengefasst lautet diese "differenzierte Kritik":
    Live mit Publikum wäre es schöner gewesen (klar), Musik ist gut, bei den Dialogen langweilt sich der Autor, kann aber leider nicht einschätzen, ob es anderen auch so geht (weil wie gesagt Live-Stream und kein Publikum, also schwierig zu sagen so als Kritiker). Und weil das aktuelle Credo seines Senders "Bloß nicht langweilen" lautet, kriegt dieser Abend mit den angeblich langweiligen Dialogen natürlich vom rbb kein Lob, sondern den sicherlich gut gemeinten Hinweis: "Vielleicht wäre nicht streamen die bessere Wahl gewesen."
    Chapeau!

    PS: Die Polemik habe ich übrigens von Ihnen übernommen. Von hier z.B.: "Soll man darüber nachdenken oder ist das einfach nur Klamauk? Keine Ahnung."

  2. 2.

    Ach, lesen Sie den Bericht doch vielleicht ein zweites Mal. Er ist deutlich differenzierter, als Sie es offenbar in der Eile wahrnehmen konnten. Er behandelt auch nicht das Gesamtwerk und Wirken von Cora Frost, sondern lediglich diesen einen Versuch, all das in einem Internetstream zu realisieren. Ich empfehle: Einfach ein Mal kurz durchatmen, bevor man die großen verbalen Klopper rausholt.

  3. 1.

    Sie haben Recht, Hendrik Schröder, wenn Sie über sich selbst sagen: "Keine Ahnung." Wenn Sie fragen, ob die Performance zum Nachdenken anregen oder Klamauk sein soll. Wäre es für Sie begreifbar, wenn Kunst etwas aussagt in unterschiedlichen Tönen und Farben gleichzeitig? "Keine Ahnung"?

    Ein Kommentar wie Ihrer über Cora Frosts Arbeit und damit über das Werk einer außergewöhnlichen Künstlerin, die dieser Stadt, der Welt, vielen Menschen seit Jahrzehnten kulturellen, geistigen, emotionalen Reichtum beschert, klingt gerade in diesen Zeiten dann doch wie ein Bashen, Mobben, Demütigen: DAS ist Ihr Vermächtnis. Sagt viel über Sie aus. Das SEXYSAD von Cora Frost haben Sie allerdings einfach nicht verstanden, denke ich. Nüscht für unjut, wa.

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