Symbolbild: Dirigent (Quelle: dpa/Andriy Popov)
Audio: rbb Kultur | 17.02.2021 | Antje Bonhage | Bild: dpa/Andriy Popov

Diversität in Orchestern - Im Klassikbetrieb sind schwarze Musiker die Ausnahme

People of Colour sind in klassischen Musikorchestern eher selten - Berlin macht da keine Ausnahme. Von allein dürfte sich das nur langsam ändern, nötig wäre eine gewisse Förderung. Ansätze dafür gibt es anderenorts bereits. Von Antje Bonhage

Lorna Hartling stammt aus Cleveland, einer Stadt in Ohio in den USA. Sie ist Bratschistin und seit 1992 Mitglied im Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO).

Nach Berlin kam sie bereits 1990 - und zwar an die Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker. Als erste und einzige schwarze Musikerin. Schwarze Orchestermitglieder hatten die Berliner Philharmoniker nach eigenen Angaben bis heute noch nie, obwohl das Orchester 28 Nationen vereint.

Was den Anteil schwarzer Musikerinnen und Musiker in deutschen Orchestern betrifft, habe sich in den letzten 30 Jahren kaum etwas verändert, sagt Lorna Hartling. Ihr eigenes Orchester, das DSO, habe für sie in dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle. Denn neben ihr gebe es dort immerhin zwei weitere People of Color: eine brasilianische Bratschistin und eine französische Flötistin mit afrikanischem Familienhintergrund.

Lorna Hartling; © Peter Adamik
Lorna Hartling | Bild: Peter Adamik

Lorna Hartling findet es erfreulich, dass sie da sind. Und zwar nicht, weil die Kolleginnen schwarz oder dunkelhäutig seien, sagt sie, sondern weil sie super Flöte und Bratsche spielten und es geschafft hätten, ins Orchester zu kommen. Denn gemeinsam mit allen anderen Orchestermitgliedern hielten sie das Ensemble auf hohem musikalischem Niveau: "Darum geht es. Wie wir aussehen, sollte dabei eigentlich Nebensache sein."

Elitäre Strukturen im Klassikbetrieb

Dass es in der Klassikszene insgesamt nur wenige schwarze Musiker und Musikerinnen gibt, hat für Hartling nicht so sehr mit offensiver Ausgrenzung im Einzelfall zu tun. Vielmehr spiele die elitäre Struktur der klassischen Musikbranche eine Schlüsselrolle: Wer nicht aus einer Musikerfamilie kommt, wie Lorna Hartling selbst, wer nicht frühe Förderung erfahre und das nötige Geld mitbringe, habe kaum Chancen, im Klassikbetrieb etwas zu werden.

Das kann auch Anita Rennert, die Leiterin des "Julius-Stern-Instituts" zur musikalischen Nachwuchsförderung an der Universität der Künste Berlin bestätigen: "Wenn man mit zehn Jahren nicht schon eine super Ausbildung erhalten hat, ist es für viele Instrumente oft schon zu spät."

Rennert hat in ihrem Amt seit 2010 rund 300 junge Studierende am Institut begleitet. Genau drei von ihnen waren schwarz: ein Geiger und zwei Sänger. Bewerbungen schwarzer Nachwuchsmusikerinnen und -musiker gebe es so gut wie nicht, sagt sie.

Die Hürden seien hoch und die musikalische Früherziehung und Förderung könne gar nicht früh genug beginnen. Man müsse auch Glück haben, im richtigen Umfeld groß zu werden und gute Lehrer zu finden.

Dirigent Kevin John Edusei. (Quelle: dpa)
Der erfolgreiche Dirigent Kevin John Edusei | Bild: dpa

"Klassische Musik ist für alle da"

Kevin John Edusei hatte dieses Glück: Er stammt aus einer musischen Familie mit deutsch-ghanaischen Wurzeln. Edusei ist Mitte 40 und einer der ganz wenigen schwarzen Dirigenten in Deutschland. Seit 2014 leitet er die Münchner Symphoniker. Immer wieder erlebe er, dass Leute verwundert reagieren, wenn er erzähle, er sei Dirigent. Viele würden dann fragen, ob er Musicals mache, erzählt Edusei: "Nee, sage ich dann. Ich mach' eigentlich nur klassische Musik und Oper."

Dunkle Hautfarbe und Klassik passen für viele offenbar nicht zusammen. Aber auch andersherum, so Edusei, fühlten sich schwarze Menschen häufig nicht von der Klassik repräsentiert. Er wünsche sich ohnehin gezielte Förderprogramme, um junge Menschen aus allen sozialen Schichten für klassische Musik zu interessieren, sagt Edusei - darunter natürlich auch People of Colour: "Um ihnen zu signalisieren, dass die klassische Musik für alle da ist."

The Chineke! Chamber Ensemble bei der Verleihung von Booker Prize Awards 2020 in London. (Quelle: dpa/David Parry)
| Bild: dpa/David Parry

Das "Chineke! Orchestra" macht vor, wie es geht

Ein Blick in andere Länder zeigt, was an Förderungen möglich ist. Das "Chineke! Orchestra" in London besteht beispielsweise zum größten Teil aus Schwarzen und Angehörigen ethnischer Minderheiten. Chi-chi Nwanoku, eine britische Kontrabassistin mit irisch-nigerianischen Wurzeln, hat das Ensemble 2015 gegründet - mit dem Ziel, mehr ethnische Vielfalt in die Orchesterlandschaft zu bringen.

Kevin John Edusei stand bereits mehrfach beim "Chineke! Orchestra" am Pult und sagt, er könne rund 20 Musikerinnen und Musiker nennen, die in den letzten fünf Jahren von dort aus Positionen in Berufsorchestern bekommen hätten. "Das zeigt, dass so ein Fördermechanismus konkrete Auswirkungen hat", ist Edusei überzeugt.

In den USA setzt sich die Konzert-Initiative "Castle of our Skins" für die Förderung von schwarzen Musikern und Musikerinnen und mehr soziale Gerechtigkeit in der klassischen Musik ein. Und die renommierte Julliard-School in New York hat ein Programm gestartet, das gezielt Nachwuchs in kulturellen und soziokulturellen Schichten akquiriert, die in der Klassikbranche bislang unterrepräsentiert sind. Denn gerade mal zwei Prozent aller Orchestermitglieder sind in den USA schwarz. Und in Deutschland gibt es dazu nicht einmal Erhebungen.

Orchester könnten von mehr Diversität profitieren

Bis schwarze Musiker und Musikerinnen in Orchestern eine größere Normalität seien, gebe es noch viel zu tun, sagt Kevin John Edusei. Deshalb müsse jetzt begonnen werden: "Damit wir in zehn Jahren feststellen können: Ja, es hat sich etwas verändert."

Auf lange Sicht könnten die Orchester durch mehr Diversität nur profitieren, sagt Edusei, denn dann seien sie gesellschaftlich fester verankert.

Sendung: rbbKultur, 17.02.2021, 09:55 Uhr

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Beitrag von Antje Bonhage

13 Kommentare

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  1. 13.

    Sollten Sie als weiße Frau dann nicht ebenso Meinungsverbot bekommen und sich nicht zum Thema Rassismus, Diversität oder Quoten äußern dürfen?

  2. 12.

    Es ist absolut erstrebenswert, dass eine Gesellschaft es schafft die einzelnen Mitglieder gleichberechtigt zu behandeln unabhängig ihrer Hautfarbe,religiöser Angehörigkeit, Herkunft, Geschlecht usw. und sie nur anhand ihres Strebens und der Fähigkeit beurteilt.
    Aber die Realität sieht sehr düster aus. Es ist vermessen als beispielsweise Weißer Mann darüber zu urteilen ob es sinnvoll ist eine Quotenregelung einzuführen, da er selbst vermutlich nie mit Alltagsrassismus und Diskriminierung täglich konfrontiert ist wie ein Mensch der einer solchen Gruppe zugehörig ist. Niemand hat Einfluss darauf mit welcher Hautfarbe er geboren wird, aber jeder hat eine individuelle Verantwortung wie er damit umgeht.
    Die Quotenregelung ist sinnvoll, solange die Gesellschaft den alltäglichen Rassismus und die ständige Diskriminierung ausübt und nicht wahrhaben möchte, dass sie selbst einen Anteil daran hat, wie wir gemeinsam gleichberechtigt zusammen leben und arbeiten wollen.

  3. 11.

    "Die Menschen sollten durch Können, Leistung und Fleiß überzeugen, der Rest ist Nebensache."
    Da gebe ich Ihnen völlig recht. Das bedeutet dann ja aber auch, dass automatisch ein gewisser Prozentsatz an z.B. dunkelhäutigen Menschen es bis in die Spitze schaffen müsste - wenn man sie lässt.

    Noch einfacher ausgedrückt: Wer kann auf Anhieb drei berühmte klassische Komponistinnen oder Dirigentinnen nennen, ohne vorher nachzuschauen?
    Konnten Frauen bislang alle so schlecht komponieren und dirigieren, oder liegt es vielleicht eher daran, dass man ihnen den Zugang zu höheren Weihen verwehrt hat, sie nicht gefördert, nicht ernstgenommen, nicht veröffentlicht hat usw.?

    Das gleiche gilt für dunkelhäutige Menschen.

  4. 10.

    Wenn quasi nur die Besten in einem Orchester sitzen, dann hat es doch nichts mit der Hautfarbe sondern der Qualifikation zu tun. Gerade im Fußball oder bei den Läufern sind auffällig viele Farbige aktiv. Wäre es dann nicht auch notwendig dort eine Quote für mehr Weiße zu fordern?

  5. 9.

    Die Hautfarbe entscheidet hier gar nichts. Lediglich das Geld der Eltern und die Möglichkeiten. Und genau das gehört geändert. Unabhängig von der Hautfarbe. Orchester setzen sich gewöhnlich aus vielen Nationen zusammen. Viele Asiaten sind dort zu finden, da in diesen Ländern in der finanzkräftigen Bevölkerungsschicht viel Wert auf Instrumentalunterricht gelegt wird. Und dann sind auch die Beziehungen schon da, wenn man Eltern und Bekannte im Business hat. Das ist unerlässlich um weitere zu kommen. Vor allem in der klassischen Musik.

  6. 8.

    Ich finde, daß es egal ob jemand eine schwarze, eine rosa oder eine andere Hautfarbe hat. Hauptsache ist doch sein, er versteht sein sein Handwerk. Bitte keine Quoten einführen.

  7. 7.

    Es ist absolut erstrebenswert, dass eine Gesellschaft es schafft die einzelnen Mitglieder gleichberechtigt zu behandeln unabhängig ihrer Hautfarbe,religiöser Angehörigkeit, Herkunft, Geschlecht usw. und sie nur anhand ihres Strebens und der Fähigkeit beurteilt.
    Aber die Realität sieht sehr düster aus.
    Es ist vermessen als beispielsweise Weißer Mann darüber zu urteilen ob es sinnvoll ist eine Quotenregelung einzuführen, da er selbst vermutlich nie mit Alltagsrassismus und Diskriminierung täglich konfrontiert ist wie ein Mensch der einer solchen genannten Gruppe zugehörig ist. Niemand hat einen Einfluss darauf mit welcher Hautfarbe er geboren wird, aber jeder hat eine individuelle Verantwortung wie er damit umgeht.
    Die Quotenregelung ist sinnvoll, solange die Gesellschaft den alltäglichen Rassismus und die ständige Diskriminierung ausübt und nicht wahrhaben möchte, dass sie selbst einen Anteil daran hat, wie wir gemeinsam mit gleichberechtigt zusammen leben und arbeiten wollen.

  8. 6.

    Es kann nach dem deutschen Grundgesetz gar keine verfassungsrechtlich standhafte feste Quotenregelung geben. Warum sollte es auch? Qualifikation soll und muss entscheiden und nichts anderes. Nur bei Politikern ist das etwas anders, da entscheidet das Mitgliedsbuch der entsprechenden Partei.

  9. 5.

    Wenn es so weitergeht können wir uns Schulen und Ausbildung sparen, da jeder Job dann nur anhand einer Quote vergehen wird, egal wie fähig der Kandidat ist.

  10. 3.

    Selbst die Musikerin Lorna Hartling sagt: „...es geht darum wie gut jemand sein Instrument spielt. Wie wir aussehen, sollte dabei eigentlich Nebensache sein.“

    Warum wird um das Thema Diversität und Gendergerechte Sprache so ein riesiger Aufstand veranstaltet?

    Die Menschen sollten durch Können, Leistung und Fleiß überzeugen, der Rest ist Nebensache.

  11. 2.

    Ist es nicht völlig egal wo die Musiker her kommen und welche Hautfarbe sie haben? Wieder so ein Kommentar, der den Menschen suggerieren soll wie toll doch Diversität ist. Ist es aber nicht. Das Können und die Fähigkeit soll entscheiden, nicht Hautfarbe und Herkunft.

  12. 1.

    Der Kultursenator sollte sich ein Beispiel an anderen Regierungsmitgliedern seiner Partei nehmen und einen verfassungsrechtlich standhafte feste Quotenregelung einführen.

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