Probenmotiv aus Anthropos, Tyrann (Ödipus) © Oliver Rossol
Audio: Inforadio | 20.02.2021 | 08:55 Uhr | Ute Büsing | Bild: Oliver Rossol

Theater | "Anthropos, Tyrann (Ödipus)" Volksbühne Berlin - Allianzen mit Weitblick gegen Umweltsünden

In die Tiefen von Mythos und Erdgeschichte will die Berliner Volksbühne mit ihrer Produktion "Anthropos, Tyrann (Ödipus)" vordringen. Das digitale Theaterexperiment gibt sich als gegenwärtige Tragödie des Menschen, der seine Ressourcen gnadenlos ausbeutet. Von Ute Büsing

Zu Beginn gibt Regisseur Alexander Eisenach im Frack mit Fliege ein paar freundliche Bedienungsanleitungen für die User daheim an Computern, Laptops, Smartphones. Denn bei "Anthropos, Tyrann (Ödipus)", diesem 360-Grad-Live-Video, können sich die Zuschauer selbst mit ein paar Klicks durch die Mauern von Theben, sprich: die Volksbühne, navigieren.

Wie hier die antiken Säulenheiligen um Ödipus, Antigone, Teiresias und Kreon in Schlabberlook-Schutzanzügen von ihren Podesten zu heutigen Umwelt-Sündern und Ressourcen-Ausbeutern herabsteigen - um letztlich – vielleicht - einen weiteren Fluch verhindern zu helfen, ist durchaus sehenswert und sinnfällig.

Multiple Kamera-Perspektiven auf das Meer der Katastrophen

Eisenach und das Ensemble zoomen mit Unterstützung der Polar- und Meeresforscherin Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts und des Volksbühnen-Dramaturgie-Urgesteins Frank Raddatz, hier Repräsentant des "Theaters des Anthropozäns" an der Humboldt Universität, mit multiplen Kamera-Perspektiven mitten hinein ins aktuelle "Meer der Katastrophen".

Erklärtes Ziel der poppig-bunten, sehr spacigen Bild-im-Bild-Meditation, oder Seance, ist es, "Allianzen mit Weitblick zu schmieden". Gegen den ungebremsten CO2-Ausstoss, die Erderwärmung, das Artensterben, den Turbokapitalismus.

Soghaftes Manifest mit sphärischen Klängen

In 90 Minuten entsteht ein appellatives, soghaftes Manifest mit sphärischen Klängen, das den antiken Stoff mit den globalen Verbrechen an der Umwelt und der auch daraus resultierenden aktuellen Corona-Epidemie verschränkt.

Mit überdimensionierten Q-Tipps werden an der Riesenmaske gesellschaftlichter Zusammenhang rabiate Virus-Abstriche vorgenommen. Zunehmend antik verkleidet und gerüstet wird den futuristischen Bedrohungen der Maschinen-Welt Paroli geboten.

Gut gesetzt sind die Referenzen auf den durch das Virus entleeren Theater-Saal, die Problematik dagegen anzuspielen, gerade jetzt.

Antigone begehrt auf

In allem strahlt Antigone mit kindlichem Aufbegehren für Freiheit und Frieden in radikaler Kehrtwende vom bisherigen Weg.

Und die reale Wissenschaftlerin, Antje Boetius, gibt im Overall das Orakel für Schritte, die über die kleinen Verzichtsmomente weit hinausgehen. Der Chor scheint ihr folgen zu wollen, immerhin. Die Zuschauer im Live-Stream auch. Dieses digitale Theaterexperiment an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft ist gelungen.

Beitrag von Ute Büsing

1 Kommentar

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  1. 1.

    Danke für den interessanten Bericht. Ich bin mir sehr sicher, daß ich mir diesen verschwurbelten Quark nicht ansehen werde. Mit den antiken Stoffen der hellenischen Altmeister des Theaters hat das alles nichts zu schaffen; die antiken Namen dienen nur als Staffage für geistige Hohlheit.

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