Im Vordergrund Jochen Noch als Thomas Mann, im Hintergrund Katharina Bach als junge Erika Mann. (Quelle: Heinz Holzmann)
Audio: Inforadio | 02.02.2021 | Hans Ackermann | Bild: Heinz Holzmann

Theaterkritik | "Gespenster" an den Münchner Kammerspielen - Die Mann-Familie in gläsernen Isolationszellen

Wie lebt man im Schatten eines übermächtigen Vaters? Im Stück "Gespenster - Erika, Klaus und der Zauberer" an den Münchner Kammerspielen ging es um diese Frage. Hans Ackermann hat die Aufführung im Livestream gesehen.

Es ist 1969, das Jahr in dem Thomas Manns erstgeborene Tochter Erika im Kantonsspital von Zürich an einem Hirntumor stirbt. Svetlana Belesova spielt ihre Rolle mit vollständig kahl geschorenem Kopf. Die zweite, junge Erika (Katharina Bach) hat noch die markante Kurzhaarfrisur, mit der Erika Mann als Kabarettistin, Schauspielerin, Lektorin und Buchautorin bekannt geworden ist.

"Du musst jetzt wirklich einmal leise sein!" Mit diesem Satz weist Erika ihren Vater erst ganz am Ende des Stückes in die Schranken. Sie will seine hochtrabenden Worte und verschachtelten Sätze nicht mehr hören, will ihm Paroli bieten, nicht Komplizin sein. Doch war der Nobelpreisträger von 1929 wirklich so, wie er hier in den Münchner Kammerspielen gezeigt wird? "Dieser schöne Junge, der lief einfach vor mir weg. Geh' ihn suchen, hol ihn her zurück. Den schnappst Du Dir!", befiehlt er der Tochter, die ihren Vater bei einer Vortragsreise begleitet.

Katharina Bach als junge Erika Mann. (Quelle: Heinz Holzmann)
Die junge Erika Mann wird gespielt von Katharina Bach. | Bild: Heinz Holzmann

Schlüsselwerke

Die Szene erinnert natürlich an Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig". 1911 geschrieben und im Jahr 1969 von Visconti verfilmt. Dort verliebt sich ein alternder Schriftsteller in einen "Knaben", wie es heißt, Thomas Mann hat das Buch einmal vielsagend als "moralische Selbstzüchtigung" bezeichnet. Das andere Schlüsselwerk, um das dieser Abend kreist, ist Klaus Manns "Geschwister". Ein Stück über Inzest und gemeinsamen Suizid, 1930 hat Klaus Manns Drama für einen Skandal gesorgt, an den Münchner Kammerspielen.

Hinter Glas eingesperrt

Dort sind an diesem Abend gläserne Isolationszellen auf der Bühne aufgestellt. Darin eingesperrt, bei bläulich kalter Neonröhren-Beleuchtung eben "Erika, Klaus und der Zauberer". Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1955 und dem Suizid des Bruders einige Jahre zuvor, verwaltet Erika den Nachlass der beiden Schriftsteller - die als untote "Gespenster" um sie herumspuken. Klaus Mann ist voller Wut auf den Vater, wenn er seine Fragen herausschleudert: "Was sagt er in den gottverdammten Briefen, kichert und grinst er, kratzt er mit seinen großen Tatzen herum, an seinem abgesackten Frack?"

Anders als ihr wütender Bruder hatte sich Erika Mann den familiären Verhältnissen angepasst, hat sich dem Vater irgendwie untergeordnet - Thomas Mann, der 1905 nach Erikas Geburt an seinen Bruder Heinrich schrieb: "Es ist also ein Mädchen; eine Enttäuschung für mich, wie ich unter uns zugeben will, denn ich hatte mir sehr einen Sohn gewünscht und höre nicht auf, es zu tun."

Das Verhältnis zum Vater und die besondere Beziehung zwischen Bruder und Schwester - diese beiden zentralen Themen des Stückes werden in einem höchst komplexen Ablauf reflektiert. Erinnerungen und Rückblenden, Träume und Tatsachen verschwimmen mit- und ineinander. Ohne genaue Kenntnisse der Mann’schen Familienbiographie ist der Inhalt allerdings schwer nachzuvollziehen.

Im Vordergrund Svetlana Belesova als Erika Mann, im Hintergrund Jochen Noch als Thomas Mann. (Quelle: Heinz Holzmann)
Erika Mann mit kahlgeschorenem Kopf, dargestellt von Svetlana Belesova. | Bild: Heinz Holzmann

Schauspieler spielen direkt in den Stream

So modern wie die elektronischen Sounds der Bühnenmusik von Knut Jensen ist Bernhard Mikeskas Inszenierung auch insgesamt. Jedem Glas-Gefängnis ist eine hochauflösende Kamera zugeordnet. Die vier vorzüglichen Schauspielerinnen und Schauspieler - Svetlana Belesova, Katharina Bach, Bernardo Arias Porras und Jochen Noch - sprechen und spielen auf diese Weise gewissermassen direkt in den Stream.

Das Theaterkollektiv Raum+Zeit hat mit dieser Inszenierung endgültig den Schritt zum Livestream-Theater der Zukunft vollzogen - Aufführungen, die in einem herkömmlichen Theaterraum in dieser technischen Perfektion und Ausstattung allerdings wohl gar nicht mehr möglich wären.

Das Stück "Gespenster" ist am 23. Februar noch einmal im Livestream aus den Münchner Kammerspielen zu sehen.

Sendung: Inforadio, 02.02.2021, 07:55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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