Theaterkritik | "Vertigo" im Theater Thikwa - "Autismus ist geil"

Szene aus "Vertigo" im Theater Thikwa
Audio: Inforadio | 12.02.2021 | Hendrik Schröder | Bild: David Baltzer

Das Konzept des Kreuzberger Theaters Thikwa ist es, Menschen mit und ohne Behinderung zusammenzubringen. Das aktuelle Stück "Vertigo" - im Livestream zu sehen - stellt die Grundfrage: Was ist den eigentlich normal? Von Hendrik Schröder

Zwei Männer stehen und sitzen auf der Bühne, einer am Piano, der andere beatboxt ins Mikrofon, dreht an den Knöpfen vom Mischpult. Es sind die Musiker Louis Edler und Alexander Maulwurf - zwei weitere kommen dazu: die Schauspieler Max Edgar Freitag und Frank Schulz. Alle in ähnlichen schwarz-weißen Trainingsanzügen. Plötzlich fangen alle gleichzeitig an zu reden: Wie das war, damals in der Schule: "Ich konnte mich nicht konzentrieren und hab dicht gemacht … also im Schwimmunterricht … also für mich war das so."

Eine Kakophonie aus Wortfetzen, die gleich zu Beginn die Richtung des Stücks "Vertigo" am Berlin-Kreuzberger Theater Thikwa deutlich macht: Es geht um Autismus. Oder, wie es in der Beschreibung heißt: Um die Menschen, denen man unterstellt, Autist zu sein. Denn wer ist schon normal? Was soll das eigentlich bedeuten: Autismus? Und wie fühlen sich diejenigen, die diesen Stempel bekommen? "Es ist nicht immer leicht, in einem Körper zu stecken, der Ja sagt, aber auch vielleicht", heißt es in einem der Dialoge.

Hast Du überhaupt Gefühle?

Das ganze Stück ist aufgebaut wie ein vermeintliches Bewerbungsgespräch. Frage, Antwort, Frage. Aber es geht nicht um einen Job - es geht eher um die Bewerbung fürs Leben oder darum, anerkannt zu werden. "Autismus ist wie ein Computerspiel, aus dem man niemals herauskommt", sagt einer der beiden Schauspieler. "Ich möchte nicht bevorzugt werden, nicht bewundert werden, ich möchte einfach normal behandelt werden."

Anschließend geht es darum, ob ein Autist "verdammt noch mal" überhaupt Gefühle hat und dann verhaspelt sich einer der Schauspieler oder zögert, bekommt die Worte nicht raus. Da weiß man nicht: Okay, war das jetzt echt ein Fehler? Oder war das einfach verdammt gut gespielt. Und wer von den vieren ist denn nun Autist und wer nicht? Genau das soll das Stück ja auch bewirken. Klappt.

Stoffwürste und Live-Musik

Manchmal wird die Bildsprache ein bisschen kryptisch: wenn einer ungelenk auf die bunten Klötze steigt und Würstchen aus Stoff in die Höhe zwirbelt. Aber dann kommen wieder die Beats und das Stück nimmt eine verrückte Fahrt auf.

Außerdem ist super, dass die Bühne für die Übertragung im Internet nicht einfach nur abgefilmt wird. Die Macher spielen mit den Ebenen, haben mehrere Kameras aufgebaut, haben eine richtige Bildregie.

"Vertigo" ist ein liebevoll gemachtes kleines Theaterstück mit toller Live-Musik und mit Menschen, die in großen Theatern eher nicht auf der Bühne stehen und die am Ende quietschend singen: "Autismus ist gut, Autismus ist geil". Herrlich.

Vertigo gibt es noch bis zum 14.02. zu sehen, jeden Abend ab 18 Uhr auf der Seite vom Theater Thikwa: thikwa.de.

Sendung: Inforadio, 12.02.2021, 6 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

13 Kommentare

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  1. 13.

    Allerdings müssen Sie bitte auch verstehen, dass andere Menschen irritiert sind, wenn sie jemandem begegnen, der teils nicht die von der Mehrheit verwendet Kommunikationsmuster nutzt. Die Vermeidung von Blickkontakt etwa ist in den uralten Instinkt-Programmen des Menschen (als einem in Gruppen lebenden Säugetier) erstmal als abweisende bis feindliche Geste gespeichert. Und wenn man z.B. jemandem, den man allgemein als sehr intelligent empfindet, persönliche Dinge erzählt, er/sie darauf aber verständnislos reagiert, ist das erstmal schwer zu verdauen. Hilfreich ist es dann zu wissen, dass der- oder diejenige autistische Eigenschaften hat: so weiss man, dass man die unerwartete Reaktion nicht als Abwertung auffassen muss. Daher ist es m.E. eben auch ganz falsch, Autismus wegzureden. Das sagen Sie ja auch, richtig? Autistische Merkmale müssen einfach neutral als Eigenschaften anerkannt werden, mit denen die Träger UND deren Umfelder auf geeignete Weise umgehen müssen - und können!

  2. 12.

    Zum Thema Normalität: Normal könnte ich mich fühlen, wenn ich mein Leben autismusgerecht einrichtet habe und ich nicht mehr durch meine Umwelt behindert werde. Ruhige Wohnung, keine Diskriminierung, autismusgerechter Arbeitsplatz, Teilhabe am Leben, Menschen die mit Autisten klarkommen. Die Welt kann theoretisch schön sein für Autisten und wenige haben dieses Glück auch erreicht bzw. einfach Glück gehabt (Verständnisvolle Familie und Umfeld, kein Mobbing erlebt, "richtigen" Beruf gewählt, frühe Diagnose etc..)

  3. 11.

    Ja , ich zeige immer meinen Schwerbehindertenausweis und das Attest, indem steht, dass ich weder Stoff- noch Plexisglasmasken tragen kann.
    In der Berliner Verordnung steht eindeutig, dass die von der Maskenpflicht befreiten normal am Leben teilhaben sollen. Dieser Teil der Verordnung hat allerdings keinerlei gesetzliche oder gesellschaftliche Relevanz. Beleidigung, Nötigung, psychische Gewalt, Bedrohung, Diskriminierung sind inzwischen normal. Ich habe mehrfach Anzeigen erstattet. Anwälte fassen das heiße Eisen Corona nicht an.
    Die Antisdiskriminierungsstellen sind unter der Last der Beschwerden zusammengebrochen und machtlos.

  4. 10.

    Klar kann man Personen miteinander vergleichen, warum nicht? Und was wollen Sie mit dem Spruch zu Retortenbabies sagen? Verstehe ich nicht, bitte klären Sie mich auf. Frau Thunberg ist jedenfalls eine mittlerweile volljährige, sehr kluge und empathische (!), bewundernswert engagierte junge Frau. Die habe ich zitiert; ich glaube, Babies kann man selten zitieren ("baba"). Ob aber die Zeugung eines Menschen "normal" oder künstlich (wie beim "Retortenbaby") erfolgt war, DAS ist mir für die Beurteilung eines Menschen nun wirklich völlig egal.

  5. 9.

    @bitte veröffentlichen: Haben Sie ein ärtzliches Attest, worin steht, dass Sie von der Maskenpflicht sozusagen befreit sind? Das kann man zeigen und dann sollte Ihnen auch der Zugang zu den Geschäften usw. gewährt werden.

    Ich möchte nur mal etwas Grundsätzliches zu den anderen Kommentaren hier festhalten: Wer wie Greta T. in stabilen Verhältnissen, von fördernden, verständnisvollen und am besten noch solventen Eltern jegliche Unterstützung und Wertschätzung bekommt, wird mit seiner/ihrer Besonderheit gut klar kommen (sofern das Schulsystem nicht aussondiert). Das gilt auch für Menschen mit ADS/ADHS und mit anderen neurophysiologischen Abweichungen von der Norm. So einfach ist das. Es ist wirklich unredlich hier einem Betroffenen seine Erfahrung derart in Frage zu stellen. Respektlos, empathielos und ziemlich abgehoben. So, schönes Wochenende noch.

  6. 8.

    Man kann nicht eine Person mit entsprechenden anderen vergleichen, Greta Thunberg ist kein Retortenbaby und Sie möchten auch keines sein

  7. 7.

    Die Schublade, die Sie aufziehen, ist allerdings verdammt eng: Bereits ein Blick in die wikipedia reicht aus um zu erkennen, dass es "den Autismus" und ergo "den Autisten" nicht gibt, sondern dass 'Autismus' in sehr unterschiedlichen Arten auftreten kann. Und das von Ihnen verwendete Symbol des stotternden Motors bezeichnet ein DING, das NICHT FUNKTIONIERT. Wenn DAS keine übel reduzierende Diskriminierung ist, dann weiss ich nicht, was diesen Begriff verdient.

  8. 6.

    Daniel Cohn-Bendit sprach einmal vom politischen Autismus, als er jene meinte, die durch die E N A, die franz. Eliteausbildung der Administration, kommen. Das war ein Sinnbild. Auch wird bspw. von einem stotternden Motor gesprochen, um sinnbildlich klarzumachen, um was für ein Phänomen es sich handelt.

    Das hat mit Diskriminierung nichts zu tun.

    Wohl aber halte ich es für eine ungeheure Diskriminierung, den ganzen Menschen auf dieses Verhalten zu reduzieren und ihn damit faktisch zu entwerten. Menschen sind immer "größer" als alle Schubladen, in die sie gesteckt werden sollen.

    Wer einem autistisch veranlagten Menschen begegnet, wird seine Sinne schärfen und seine Merkfähigkeit auch. Darin ist autistisch geprägten Menschen gut zu begegnen. In vielen anderen Bereichen muss "Übersetzungsarbeit" getan werden, so gut es geht.

    Der bekannteste Autist ist übrigens das Computerprogramm. Null Mikrometer Abweichung. Viele Menschen scheitern deshalb mitunter daran. Ich auch.

  9. 5.

    ... wobei Greta Thunbergs Ansatz voraussetzt, dass man ein ausreichend dichtes Fell hat, um negative Reaktionen der Umgebung abperlen zu lassen. Hilfreich ist hierbei vermutlich z.B. ein familiäres Umfeld, das einen so nimmt, wie man ist - was aber bei schweren Arten von Autismus wiederum auch nicht leicht ist. - Wie die normale Gesellschaft jedenfalls schon auf geringe Andersartigkeit reagiert, zeigt Kommentator Dieter hier: Dieter, was Sie nicht nachvollziehen können, ist nicht möglich, oder wie darf ich Sie verstehen? Wieso setzen Sie die Schilderung einer Situation gleich mit dem Heischen von Mitleid? Muss ich dann Ihren Wunsch nach Nicht-Ansteckung auch als Mitleid Heischen empfinden? Und weil Sie keinen kennen, der wg Autismus trotz guter Abschlüsse Sozialleistungen bezieht, existiert auch dieses Problem offenbar nicht? - Doch, das Problem brutalen Anpassungsdrucks durch die "Normalen" exisitiert, und Sie haben das gerade wieder exzellent gezeigt. Danke dafür!

  10. 4.

    Auch bei Hrn Schöders Artikel weiss ich nicht: "Okay, war das jetzt echt ein Fehler? Oder einfach verdammt gut gespielt?" Zunächst stellen Sie die m.E. richtige Frage, ob die diversen Arten v Autismus nicht einfach Eigenschaften sind, die man akzeptieren soll, weil "Normalität" eh nicht existiere. Dann aber werfen Sie diesen guten Ansatz gleich wieder übern Haufen: Sie schreiben, Autismus sei ein "Stempel, den die Umgebung aufdrückt". Also doch nicht nur Eigenschaft, sondern klarer Makel?? Ja, was denn nun?? - 'Autismus' ist ein Sammelbegriff für Schwierigkeiten, mit anderen auf die von d Mehrheit genutzten (=normalen) Arten zu interagieren. Das gibt's (!) und es macht nicht selten Probleme. Die kann und soll man nicht wegreden, so wie man auch Stottern oder Rechtschreibschwäche nicht wegreden kann! Aber man kann sie akzeptieren. Greta Thunberg wurde gefragt "Sie leiden unter Asperger-Autismus?" Sie antwortete: "Ich würde nicht sagen, dass ich darunter leide. Ich hab ihn, ja." - Great!

  11. 3.

    Ich kann nicht so ganz nachvollziehen, warum Ihnen das Tragen einer Maske nicht möglich sein sollte.

    Ich kann aber sehr gut nachvollziehen, dass jemandem, der ohne Maske unterwegs sein will/muss, der Zutritt verweigert wird. Covid19 ist ansteckend und ich möchte von niemandem ohne Maske angesteckt werden.

    Ansonsten ist Ihr Kommentar einfach nur Mitleid heischend und voller Polemik. Weder HartzIV noch Nazi-Tum hat was mit dem Thema zu tun.

  12. 2.

    Ich kann nicht so ganz nachvollziehen, warum Ihnen das Tragen einer Maske nicht möglich sein sollte.

    Ich kann aber sehr gut nachvollziehen, dass jemandem, der ohne Maske unterwegs sein will/muss, der Zutritt verweigert wird. Covid19 ist ansteckend und ich möchte von niemandem ohne Maske angesteckt werden.

    Ansonsten ist Ihr Kommentar einfach nur Mitleid heischend und voller Polemik. Weder HartzIV noch Nazi-Tum hat was mit dem Thema zu tun.

  13. 1.

    Ich als Autist gebe mein Statement dazu: In der Coronakrise habe ich in so gut wie allen Läden Haus- und Kaufverbot, ebenso in der Bank kann ich kein Geld mehr abheben. Die Krankenhäuser und niedergelassenen Ärzte behandeln mich nicht, weil ich von der Maskenpflicht aufgrund des Autismus befreit bin. Ich erlebe die Hölle auf Erden, weil ich auch von Mitmenschen attackiert werde. Da ich als Kind ja schon schwer misshandelt wurde, aufgrund des Autismus, ist das eine furchtbare Retraumatisierung. Für die meisten Autisten die ich kenne ist Autismus sehr, sehr schlimm. Ich kenne etliche, die trotz Hochschulabschluß Hartz 4 bekommen. Wenn ich dann lese: Autismus ist geil oder man ist proud Autist zu sein, ist das erstmal eine Zumutung, ich erkenne aber auch den guten Willen dahinter. Ich halte es für eine Illusion davon auszugehen, dass Autisten mal gewertschätzt werden in dieser Gesellschaft. Die Chance demnächst wieder eine Nazi Diktatur zu haben halte ich für realistischer.

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