Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens, sitzt im Haus der Kulturen der Welt an der Technik. Das 58. Theatertreffen der Berliner Festspiele hat die Auswahl bekanntgeben, die nach Meinung einer Jury zu den bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum zählen. Wegen der Pandemie wurde die Auswahl diesmal in einem Livestream bekanntgegeben. (Quelle: dpa/J. Kalaene)
Bild: dpa/J. Kalaene

Auswahl zum Berliner Theatertreffen - Bemerkenswert analog

Nur zwei der zehn zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen sind gestreamte Produktionen - obwohl die Theater coronabedingt monatelang geschlossen waren. Das zeigt: Digitale Formate haben im Theater-Olymp weiter einen schweren Stand. Von Fabian Wallmeier

Ein paar Wochen vor dem ersten Lockdown und ein paar mehr vor dem zweiten: Die Jury des Berliner Theatertreffens konnte dieses Mal erheblich weniger klassisches Theater vor Publikum sichten als sonst. Erstmals in der Geschichte des Festivals hat sie deshalb auch digitale Produktionen in ihre Überlegungen miteinbezogen. Doch am Ende der Überlegungen steht eine bemerkenswert analoge Auswahl: Nur zwei der zehn eingeladenen Inszenierungen hatten ihre Premiere im Livestream, alle anderen wurden vor und zwischen den Lockdowns vor (teils ausgedünntem) Publikum gezeigt.

Bemerkenswert ist außerdem: Nur eine dieser beiden Stream-Inszenierungen war von Anfang digital konzipiert: Das Theaterkollektiv Gob Squad streamte und schaltete in "Show Me a Good Time" im Juni 2020 aus dem leeren Berliner HAU1 und von verschiedenen Orte in Berlin und anderswo in die heimischen Wohnzimmer. Von 18 Uhr abends bis zum nächsten Morgen konnte man so einer Performance im Entstehen beiwohnen, einer Meditation über das Theater und die Ausnahmesituation, in der wir alle gerade leben. Später folgten dann Fassungen der Arbeit, die beides boten: Stream und gleichzeitig Publikum vor Ort.

Aus der Not geborener Triumph

Die zweite Stream-Inszenierung dagegen wurde aus der Not geboren: Sebastian Hartmann wollte am Deutschen Theater Berlin eigentlich eine analoge Theateradaption von Thomas Manns "Der Zauberberg" zeigen. Als der zweite Lockdown kam, disponierten sein Team und er um: Für den Tag der ursprünglich geplanten Premiere wurde eine eigene Livestream-Fassung erarbeitet. Sie geriet zum Triumph. Der, wie immer bei Hartmann, stark assoziative Abend reflektierte die besondere Stream-Situation und ließ im enorm organischen Zusammenschmelzen von Film und Theater tatsächlich etwas Neues entstehen.

Ansonsten findet sich auf der Liste lediglich acht Mal ganz analoges Theater, gezeigt vor Publikum in Theatersälen. Auch auf der erweiterten Liste der 26 Inszenierungen, die von der Jury diskutiert wurden, liegt der Anteil digitaler Projekte unter einem Drittel. Eine große Begeisterung der Jury für digitale Experimente scheint also nicht vorhanden zu sein. Theatertreffen-Stammgast Christopher Rüping wurde etwa dann auch nicht für seine an neun Abenden live aus Zürich gestreamte Work-in-progress-Reihe "Dekalog" eingeladen, sondern für seine dort zunächst analog gezeigte Inszenierung "Einfach das Ende der Welt". Und aus Hamburg erhielt Karin Beier die Einladung für ihre analoge Rainald-Goetz-Uraufführung "Reich des Todes" und nicht die ebenfalls auf der Shortlist vertretene Heike M. Goetze mit ihren live gestreamten "Geschichten aus dem Wiener Wald".

Mehr als ungeliebter Pausenfüller

Zur Wahrheit gehört aber auch: Dass viele Häuser sich durch Corona gezwungen sahen, verstärkt mit digitalen Formaten zu experimentieren, heißt noch lange nicht, dass sie damit auch gleich in der Lage waren, ein künstlerisches Niveau zu erreichen, das sich mit den über Jahrtausende gereiften und weiterentwickelten analogen Formaten messen kann. Diese Prozesse brauchen Zeit. Erst allmählich hat sich bei vielen ein Bewusstsein dafür ausgebildet, dass es sich lohnen kann, digitale Formate als eigenständige künstlerische Formen zu entwickeln - und sie nicht nur als ungeliebten pandemiebedingten Pausenfüller für das analoge Theater zu begreifen.

Ob das Theatertreffen aber überhaupt wie gehofft im Mai stattfinden kann, steht mit Blick auf das Infektionsgeschehen indes komplett in den Sternen. Die Berliner Festspiele planen deshalb zweigleisig: mit analogen Aufführungen im Festspielhaus - und einer gestreamten Variante. Für den Fall, dass nur gestreamt werden kann, bleibt zu hoffen, dass sich das notgedrungen zum rein digitalen Event umgebaute Theatertreffen 2020 nicht wiederholt: Da konnte nur ein Teil der eingeladenen Inszenierungen im Stream gezeigt werden - und das in teilweise katastrophaler Qualität, weil man nur auf statische Probenmitschnitte zurückgreifen konnte, die nur für den internen Gebrauch angefertigt worden waren. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Theater nun besser vorbereitet sind.

Die Zehner-Auswahl

"Automatenbüfett" von Anna Gmeyner - Burgtheater Wien; Regie: Barbara Frey
"Der Zauberberg" nach Thomas Mann - Deutsches Theater Berlin; Regie: Sebastian Hartmann
"Einfach das Ende der Welt" nach Jean-Luc Lagarce auf Grundlage einer Übersetzung von Uli Menke - Schauspielhaus Zürich; Regie: Christopher Rüping
"Graf Öderland" Eine Moritat in zwölf Bildern von Max Frisch - Theater Basel und Bayerisches Staatsschauspiel/Residenztheater München; Regie: Stefan Bachmann
"Maria Stuart" von Friedrich Schiller - Deutsches Theater Berlin, Regie: Anne Lenk
"Medea*" nach Euripides - Schauspielhaus Zürich; Regie: Leonie Böhm
"NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+" - Ballhaus Ost Berlin, Münchner Kammerspiele und Kosmos Theater Wien; Idee, Konzept, Text und Regie: Marie Schleef
"Reich des Todes" von Rainald Goetz - Deutsches SchauSpielhaus Hamburg; Regie: Karin Beier
"Scores That Shaped Our Friendship" Ein Projekt von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś - schwere reiter München; Regie: Lucy Wilke und Paweł Duduś
"Show Me A Good Time" - HAU Hebbel am Ufer Berlin und La Jolla Playhouse Without Walls Series San Diego; Konzept und Regie: Gob Squad

Sendung: rbb Kultur, 09.02.2021, 13 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

1 Kommentar

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  1. 1.

    Eins muss ich noch loswerden... die, von denen ich am wenigsten Gejammer höre,
    sind die Künstlerinnen und Künstler.
    Denen gehört mein Herz!!
    Gob Squad - Gott, die hab ich mal durch Jürgen Kuttner kennengelernt.
    Damals noch in der Volksbühne.
    Alles Gute zum Geburtstag übrigens noch. :-)

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