"Undoing Prison" am Maxim-Gorki-Theater Berlin - Journalist Can Dündar erinnert an Zeit seiner Inhaftierung in der Türkei

Can Dündar (Quelle: rbb)
Bild: rbb/Julia Vismann

Inhaftiert für seine Publikationen - Can Dündar saß im Jahr 2015 für mehrere Monate im türkischen Hochsicherheitsgefängnis Silivri. In einem Nachbau seiner Zelle erzählt er im Berliner Maxim-Gorki-Theater vom Gefangensein. Von Julia Vismann

Im Garten des Berliner Maxim-Gorki-Theaters steht ein grauer Kubus mit verspiegelten Fenstern. Es sei die Nachbildung einer Zelle im größten Journalisten-Gefängnis der Welt, sagt Can Dündar. "Es war mein zweites Zuhause für diese Zeit", erinnert sich Dündar an seine drei Monate lange Haft. "Es ist dein Schlafzimmer, dein Arbeitszimmer, dein Bad und deine Küche. Du verbringst 24 Stunden in diesem Raum und weißt nicht, wie viele Tage, Monate oder Jahre du darin eingesperrt sein wirst. Es ist ein Warteraum."

Es ist ein sehr kleiner Warteraum: 3,94 Meter mal 3,71 Meter mit einer Toilette im Boden, einem Bett, einem Tisch mit Stuhl und einer Spüle. Alles aus grauem Zement. Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel sei genau in so einer kleinen Zelle inhaftiert gewesen. Can Dündar war allein in einer Drei-Mann-Zelle eingesperrt, die etwas größer war.

Der Preis für die Wahrheit

Ende 2020 wurde Dündar in Abwesenheit zu 27 Jahren Haft verurteilt, wegen Spionage und Terrorunterstützung. 2015 war in der "Cumhuriyet" ein Artikel über eine versuchte Waffenlieferung des türkischen Geheimdienstes an Extremisten in Syrien erschienen. "Wir haben den Preis gezahlt dafür, dass wir die Wahrheit gesagt haben", kommentiert der ehemalige Chefredakteur der "Cumhuriyet" das absurde Urteil.

Sesede Terziyan (Quelle: rbb)
Bild: rbb/Julia Vismann

Als Autor bist Du nie allein

Wenn er sich an die Zeit in der Haft erinnert, spüre er die Kraft der Kreativität, sagt der Autor und Journalist Dündar. "Sie können Dich einsperren, aber Deine Gedanken nicht." Er sei darauf vorbereitet gewesen, dass er inhaftiert werden könnte. In einem Land wie der Türkei müsse man als kritischer Journalist damit rechnen. Er hatte vorsorglich einen Koffer mit Büchern gepackt, den ihm seine Frau ins Gefängnis schicken konnte.

"Ich hatte Glück, ich hatte Freunde bei mir, die Bücher und das Schreiben. Wenn du Autor bist, bist du nie allein, auch nicht in einer Gefängniszelle. Das hat mich geschützt und mir das Leben gerettet." "Lebenslänglich für die Wahrheit" heißt das Buch, das er in der Haft geschrieben hat.

In der Pandemie machen alle die Erfahrung, isoliert zu sein

Mit der Installation der Gefängnis-Zelle möchte Dündar zeigen, dass nach wie vor viele Menschen in der Türkei inhaftiert sind, die für Demokratie kämpfen. "Gerade jetzt in der Pandemie machen wir alle die Erfahrung, isoliert zu sein. Aber stell dir vor, du bist in so einer Zelle eingesperrt, darfst nicht telefonieren oder spazieren gehen", sagt Dündar.

Er hoffe, dass die Menschen durch die Erfahrung mit dem Lockdown sensibler auf die Geschichten politischer Gefangener in der Türkei reagieren. Es sei die Ironie der Geschichte, dass er dem deutschen Publikum nun zeige, was Isolation bedeute, aber keiner kommen könne wegen der Isolations-Maßnahmen in der Pandemie, stellt Can Dündar lachend fest.

Panflöte aus Einwegrasierern

Neben dem Nachbau der Gefängnis-Zelle im Garten des Gorki gibt es eine weitere Installation, die Dündar kuratiert hat: das "Museum der kleinen Dinge". In einem dunklen Raum leuchten Scheinwerfer auf Podeste, auf denen Dinge aus dem Alltag von zwölf Gefangenen liegen.

Zum Beispiel zwei Modell-Schnecken, Osmans Freunde. In die Zelle von Osman kamen auf einem Salat zwei Schnecken, die er fütterte und als Freunde groß zog. Zu sehen sind auch ein Unterhemd, das als Leinwand benutzt wurde, und ein weißer Einmalrasierer. Dahinter steckt die Geschichte der bekanntesten Protest-Musik-Band der Türkei, Grup Yorum, deren Mitglieder während der Aufnahme ihres Albums inhaftiert wurden.

Erzählt werden die Geschichten in einer Videoinstallation von den zwei Ensemblemitgliedern des Gorki-Theaters, Taner Sahintürk und Sesede Terziyan. Die charismatische Schauspielerin trägt in dem Video ein mit Pailetten besetztes dunkelblaues Kleid und erzählt feierlich über den Widerstand der Musikgruppe.

"Sie haben entschieden, weiter Musik zu machen, haben sich aus den Stielen der Einwegrasierer Panflöten gemacht", safte Terziyan, "und aus den Röntgenaufnahmen, die bewiesen haben, dass Polizeigewalt ihnen die Knochen gebrochen hat, haben sie Trommeln gebaut."

Die Musiker, die frei kamen, haben die Kompositionen mit nach draußen genommen und daraus ist das vierte Album der Band entstanden. Im vergangenen Jahr starben zwei der Mitglieder von Grup Yorum an den Folgen ihres Hungerstreiks im Gefängnis.

Hinter Mauern weiter denken, weiter schreiben, weiter malen

"Die Kraft, die dahinter steckt - das wollen wir aufzeigen und das wollen wir feiern", sagt Sesede Terziyan über die Installation. In den Geschichten erzählen die Inhaftierten, dass sie Kraft geschöpft haben, dadurch, dass sie hinter den Mauern, weiter denken, weiter schreiben, weiter malen konnten.

Die bildende Künstlerin Zehra Dogan kam für zwei Jahre und neun Monate ins Gefängnis, weil sie ein Bild auf dem Smartphone von der kurdischen Stadt Nusaybin gezeichnet hatte, wie diese vom türkischen Militär zerstört wurde. Verurteilt wurde sie wegen "terroristischer Propaganda".

Sie hat im Gefängnis heimlich Pinsel aus ihren Haaren und Taubenfedern gefertigt und Farbe aus Essensresten, Medikamenten und Menstruationsblut gemischt. Gemalt hat sie auf weißer Unterwäsche, die sie von ihrer Mutter einmal die Woche gebracht bekam. Als ihre illegale Galerie aufflog, fing sie an, inhaftierte Frauen zu bemalen, die bald entlassen werden sollten. "So hat sie ihre lebendige Kunst in die Freiheit geschickt, die dort abfotografiert worden ist und um die Welt ging“, sagt die Schauspielerin Sesede Terziyan.

Über die Erfahrungen als Staatsfeinde in der Türkei angeklagt zu sein und im Exil zu leben, wird die Künstlerin Zehra Dogan mit Can Dündar und der Physikerin und Journalistin Asli Erdogan sprechen, moderiert von der Soziologin Nil Mutluer.

"Undoing Prison" heißt der Talk, der am Freitag (26.02.) um 19:30 Uhr live auf der Seite des Maxim-Gorki-Theaters gesendet wird [gorki.de].

Keine Repression ist imstande den denkenden Geist einzuschränken

Can Dündar sagt: "Kein Verbot, keine Repression, keine Isolation wird jemals imstande sein, einen denkenden Geist einzuschränken." Er hofft, dass die dunkle Zeit in der Türkei bald beendet sein wird, und dass er irgendwann wieder zurück kann in sein Land. "Ich gehe jeden Abend ins Bett und hoffe, dass die Welt eine andere ist am nächsten Morgen."

Sendung: rbb Kultur, 24. 2. 2021, 22.40 Uhr

1 Kommentar

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  1. 1.

    "Keine Repression ist imstande den denkenden Geist einzuschränken"....das gilt nun mittlerweile auch für Deutschland!

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