Ausschnitt aus: Amelie von Wulffen, Die Erbschaft, 2016,Öl auf Holz, Courtesy Pablo & Petra Koerfer (Quelle: KW Institute for Contemporary Art)
Bild: KW Institute for Contemporary Art

Ausstellung | Amelie von Wulffen im KW - Warten auf Goldene Zitronen

Nach der monatelangen Schließung kultureller Einrichtungen erfrischt es, die Arbeiten von Amelie von Wulffen zu sehen. Beschmierte Wände und Schmeiß-Fliegen aus Miesmuscheln umschwirren ihre Arbeiten und sprechen dem ausgehungerten Kunstbetrachter aus der Seele. Von Wilhelm Klotzek

Die international bekannte Künstlerin Amelie von Wulffen zählt zu den wichtigsten deutschen Malerinnen der Gegenwart. Seit den 1990er Jahren hat die in Berlin lebende Künstlerin ein komplexes und eigenwilliges Werk erschaffen, in welches man sich nun in ihrer ersten großen institutionellen Einzelausstellung in Berlin verheddern kann.

Der Besucher betritt die Ausstellung im KW Institut für Zeitgenösschische Kunst durch das Erdgeschoss des Ausstellungshauses. Im ersten Raum erwarten einen großformatige zarte Bleistiftzeichnungen. Verschiedenste Darstellungen von dichten Menschengruppen, Köpfe, Schulter, Nacken sind zu erkennen.

Diese erstmalig in Berlin gezeigte Serie Die graue Partizipation basiert auf fotografischen Schnappschüssen die die Künstlerin Anfang der 2000er Jahre in Clubs und Konzerthallen in Berlin aufgenommen hat. Die teilweise verwischten Zeichnungen aus dem Jahr 2001 tragen Titel wie Haarwirbel und Zigarette, Warten auf Goldene Zitronen und Robbie Williams Konzert I - grandios barrierefrei verfängt man sich hier nichtsahnend in den Kontext der Künstlerin.

Archivbild: Die Malerin Amelie von Wulffen am Mittwoch (03.02.2010) in der Galerie Crone in Berlin. (Quelle: dpa/XAMAX)
Amelie von Wulffen | Bild: dpa/XAMAX

Abgrund, Angst und Alltag einer erfolgreichen Künstlerin

Gleich hinter den nächsten Ecke lauert die Videoprojektion Am kühlen Tisch aus dem Jahr 2011.

Die Arbeit ist ein aus abfotografierten Bleistiftzeichnungen bestehender Comicfilm der mehrere Kurzgeschichten beinhaltet. Mit beeindruckend legeren Strich berichtet uns die Künstlerin in traumähnlichen Sequenzen beispielsweise von ihren Abenteuern mit dem spanischen Maler Francisco de Goya. Zusammen besuchen Sie, das abstrus erscheinende Städtchen "Braun-Schweig" in dem es von deutschtümelden Geschöpfen nur so wimmelt, und in dem die Künstlerin, ganz zum entsetzen von Goya, den Besuch des "Führers" erwartet.

Der zur Psychoanalyse geneigte Besucher vermag hier zu recht tiefe Abgründe im inneren der Künstlerin zu deuten.

Der Albtraum: Fett und Pleite!

Ein wenig seichter aber nicht minder offen, wird es in einer weiteren Geschichte. Von Wulffen erhält am Telefon die Nachricht, dass nicht sie, sondern ihre Schwester zu prestigeträchtigen Documenta als Künstlerin eingeladen ist. Obwohl sie (die Schwester) eigentlich keine Künstlerin ist. Missmutig und schlecht gelaunt stiefelt von Wulffen zur internationalen Weltausstellung, niemand erkennt Sie, obwohl sich von Wulffen als "Szeneliebling und das Rolemodel für junge Künstler" betrachtet. Beim beäugen der Arbeiten ihrer Schwester stellt sie im "Hinternkontrollspiegel" fest, was anscheinend der wahre Grund für ihre Nicht-Einladung zur Weltausstellung ist. Wieder zu Hause angekommen, macht Sie erstmal Kassensturz und diagnostiziert: "Ich bin Fett und Pleite!".

Der exhibitionistische Humor scheint hier der Pfad zum Unbewussten der Künstlerin zu sein. Die schamlose Zurschaustellung ihrer persönlichen Abgründe und Ängste sind ihre schärfsten Waffen.

Und so kommt man nicht umhin, nach dem 30-minütigen Film, auf seine eigenen Abgründe, Ängste und kleinbürgerliche Scham zurückgeworfen zu werden.

Bevor man in die große Halle, den Anbau der ehemaligen Margarinefabrik gelangt, schleicht man unter anderem vorbei an der farbig-heiteren Aquarellserie This is how it happened. Alltagsszenen mit rauchenden Mohrrüben und Szenerien, wie das Gebet am Abendbrottisch bei Familie Bockwurst, erinnern formal an Kinderbuchillustrationen. Amelie von Wulffen beherrscht ihr Handwerk und spielt auf der gesamten Genre-Tastatur. Auch hier tut sich die Kluft des grausam banalen Alltags auf, wenn etwa die Mohrrübe zum Bewerbungsgespräch bei der nasenbebrillten Kneifzange im Chefbüro sitzt.

Große Kriegsbilder, Netflix und das Bernsteinzimmer

Ein paar Stufen hinabgestiegen, gelangt man in die große Halle des KW, in der die zum größten Teil großformatigen Malereien aus den letzten Jahren zusammengestellt sind. Die Wände der Ausstellungsarchitektur sind beschmiert mit dunkelbrauner Farbe und hier und da machen sich aus Miesmuscheln und Draht gebastelte Schmeiß-Fliegen breit. Die Künstlerin ist sich der Tradition als Malerin bewusst und schreckt vor historischen Themen nicht zurück und so findet sich im Zentrum der Halle auch ein Bild mit dem Titel: Großes Kriegsbild. Zertrümmerte Häuser, sich windende Pferde und Männer mit Schwertern bevölkern die Szenerie- wen wunderts, ist sie doch mit Goya, dem Erschaffer der pazifistischen Grafikserie "Die Schrecken des Krieges" in ihren Traumwelten per du.

Schräg gegenüber befindet sich ein empfindlicher Fleck (punkt) des kollektiven Gedächtnisses. Das abstrakt gehaltene Bild mit dem Titel: Bernsteinzimmer verweist auf historische schwarze Löcher zwischen Beutezügen und Kriegstreiberei in der deutschen Geschichte. Das Original des preussischen Prunkraums, welcher von Barockfans als "Achtes Weltwunder" bezeichnet wird und ursprünglich im Berliner Schloss zu finden war, ist seit dem Ende des zweiten Weltkriegs - Gott sei Dank! - verschollen. Die Künstlerin platziert hier vor dem Mythen-Bild eine Skulptur aus Pappmaschee, die eine sich einnässende Biene Maya darstellt. Der auf den Boden rinnende Urin erinnert einen unweigerlich an das fossile Harz aus dem Ostseeraum.

Vorne: Amelie von Wulffen, Biene Maja, 2020; hinten: Bernsteinzimmer, 2019/20; Installationsansicht der Ausstellung Amelie von Wulffen in den KW Institute for Contemporary Art, Berlin 2020; Courtesy die Künstlerin und Galerie Barbara Weiss (Quelle: KW Institute for Contemporary Art/Frank Sperling)
| Bild: KW Institute for Contemporary Art/Frank Sperling

Der Wahnsinn unserer Welt

In weiteren grandiosen Werken verunfallen gekonnt traditionelle Maltechniken mit digitalen Unterhaltungsprogrammen und so schieben sich Programmübersichten des Diensteanbieters Netflix über in Öl gemalte dystopische Szenen, wie in dem Gemälde mit dem Titel: Ich bin ein globaler Bürger und Genießer, aus dem Jahr 2017. In dem Gemälde Wetterkanal lümmelt eine Frau, auf dem Boden, vor ihrem aufgeklappten Laptop. Sie schaut jedoch vorbei an dem flimmernden Bildschirm, dem Tor zur Welt, und betrachtet gespannt ihre Hauskatzen.

Die Künstlerin Amelie von Wulffen liefert uns in ihrer Ausstellung einen schonungslosen Blick auf den Wahnsinn dieser Welt. Sie erschafft diese Perspektive, durch größtmögliche Distanzlosigkeit.

Sie geht als gutes Beispiel voran, unsere Rollenbilder, Nationalismen und alltäglichen Abgründe kritisch zu erkunden. Nach Monaten der erzwungenen inneren Einkehr kann es für diesen Frühling keine bessere Ausstellung geben.

Gang durch die Ausstellung im Video

Die Ausstellung von Amelie von Wulffen kann ab dem 17.März im Berliner KW Institute for Contemporary Art besucht werden.

Beitrag von Wilhelm Klotzek

3 Kommentare

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  1. 3.

    Mir als Berliner ist der Ausstellungsort auch nicht bekannt. Man kann es zwar googeln, aber es wäre generell schön, Adressen und Öffnungszeiten unter solche Artikel zu schreiben. Es ist mir schon mehrmals aufgefallen, dass das fehlt.

  2. 2.

    Danke! Mir, Berlinerin, ist der Ausstellungsort auch nicht bekannt.

  3. 1.

    Sehr geehrter Herr Wilhelm Klotzek, werte RBB24-Macher, leider haben Sie vergessen, mir als auswärtigen Leserin die exakte Lage des Ausstellungsortes mitzuteilen, z.B. durch Nennung einer Internet-Adresse oder einer Post-Adresse des "KW". Bitte verabschieden Sie sich künftig von einer berlinzentrierten Sicht und öffnen Sie sich z.B. auch für Brandenburger Kunstinteressenten, die abseits ihres Bauchnabels wohnen!

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