Schriftstellerin Juli Zeh (Quelle: dpa/Soeren Stache)
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Audio: rbb | 22.03.2021 | Nadine Kreuzahler | Bild: dpa-Zentralbild

Buchkritik | Juli Zeh: "Über Menschen" - Einer der ersten echten Corona-Romane

Mit ihrem neuen Roman "Über Menschen" will Juli Zeh an den Erfolg von "Unterleuten" anknüpfen. Erneut geht es um einen Dorfalltag in Brandenburg, doch diesmal in Corona-Zeiten. Von Nadine Kreuzahler

Schon der Titel "Über Menschen" zeigt, in welche Richtung es geht: Juli Zeh will nicht nur an ihren Riesenerfolg "Unterleuten" anknüpfen. Sie geht mit diesem Buch auch wieder aufs Land nach Brandenburg. Juli Zeh lebt selbst seit langem auf dem Land in Brandenburg und ist seit 2019 dort auch ehrenamtliche Verfassungsrichterin. Sie kennt sich also aus mit dem Dorfleben, weshalb es ihr auch diesmal locker aus der Tastatur in Buchseiten fließt.

Diesmal führt sie uns in die Prignitz, ins fiktive Dorf Bracken. Bracken hat ein Problem: sandiger Boden und Trockenheit. Und einen hohen Prozentsatz von AfD-Wählern, Alltagsrassisten und Dorf-Nazis. All das zusammen bekommt die Werbetexterin Dora schon bald nach ihrem Umzug von Berlin hierher zu spüren.

Dora flieht vor ihrem Freund aufs Land

Dora hatte nicht unbedingt vor, sofort ganz aufs Land zu ziehen. So heißt es an einer Stelle im Buch: "Die Antwort wäre einfach, wenn sie behaupten könnte, schon im letzten Herbst geahnt zu haben, dass Corona im Anmarsch war. Dann wäre das Haus auf dem Land ein Refugium, in dem sie sich verstecken kann, bis die Pandemie vorbei ist. Aber sie hat nichts geahnt. Als Dora anfing, Immobilienanzeigen im Internet zu lesen, schienen Klimawandel und Rechtspopulismus die wichtigsten Probleme zu sein. Als sie im Dezember heimlich zum Notar in Berlin-Charlottenburg ging, war Corona eine Schlagzeile, für die man weit nach unten scrollen musste, irgendetwas, das in Asien stattfand."

Aber nachdem ihr Freund vom Klimaschützer zum militanten Corona-Mahner geworden ist, der Dora sogar den Spaziergang mit dem Hund verbieten will, ist es Zeit zu gehen, findet sie. In Bracken gräbt sie nun also den Acker ihres gerade erworbenen alten Hauses in Dorfrandlage um: "Ein halbes Fußballfeld, darauf ein altes Haus. Eine verwilderte Brachfläche, (…) eine botanische Katastrophe, die sich durch Doras Anstrengung in einen romantischen Landhausgarten verwandeln soll. Mit Gemüsebeet."

"Angenehm, ich bin hier der Dorf-Nazi"

"Weitermachen. Nicht nachdenken" wird zu Doras Mantra, nicht nur bei der Gartenarbeit. Die Gewissheiten bröckeln, und Corona hat die Welt fest im Griff. Vielleicht ist das hier der erste, echte Corona-Roman. Der Alltag mit der Pandemie und wie sie die Menschen und ihre Beziehungen untereinander verändert - das spielt jedenfalls eine große Rolle in diesem Buch.

Mal witzig, mal beobachtend nüchtern erzählt Juli Zeh auch vom Stadt-Land-Gefälle und vom Recht-haben-wollen als erhitzter Dauer-Attitüde unserer Gesellschaft. Bracken aber scheint sich schon bald als der Albtraum zu entpuppen, vor dem Dora Freunde und Familie gewarnt haben. Um sie herum nur AfD-Wähler und der neue Nachbar grüßt recht direkt:

"'Angenehm', sagt Gote. 'Ich bin hier der Dorf-Nazi'. In der Agentur entwickeln sich ständig solche Szenen: Junge Frau, die aufs Land gezogen ist. Leicht verunsichert von der neuen Umgebung, aber fest gewillt, alles toll zu finden. Trifft auf ihren neuen Nachbarn. 'Angenehm, ich bin hier der Dorf-Nazi' - und freeze. Die Szene friert ein. Langsamer Zoom auf das völlig entgeisterte Gesicht der Hauptdarstellerin, die vor Entsetzen zur Wachsfigur erstarrt ist. Quer darüber der von Dora entwickelte Claim: "Neue Challenge – neuer Chill."

Alles nicht so einfach in diesem Roman

Was zunächst eindeutig wirkt, wird bald vertrackt. "Wann ist eigentlich alles dermaßen durcheinandergeraten?", fragt sich Dora, als sie das schwule Paar die Straße runter kennenlernt, der eine ein AfD-Wähler, "grauer Pferdeschwanz", im "Outfit eines ehemaligen DDR-Bürgerrechtlers oder Wackersdorf-Aktivisten", der andere ein linker Kabarettist. Und dann ist da Gote, ihr direkter Nachbar nebenan, der "Dorf-Nazi", der mit Gesinnungsbrüdern das Horst-Wessel-Lied in seinem Garten singt. Aber derselbe Typ schenkt Dora Möbel, organisiert Hilfe für ihren Garten, mag Hortensien und ist auch noch der liebende Vater einer kleinen Tochter. Dora möchte das alles nicht und sucht nach einem Ausweg. Gleichzeitig fängt sie an, Gote anderen gegenüber zu verteidigen.

Am liebsten möchte sie wieder weg aus dem Dorf: "Dora denkt, dass eigentlich alles ganz einfach ist. Die Antwort auf alle Fragen liegt direkt vor ihren Augen. Sie verbirgt sich in der Landschaft, in Stille und Dunkelheit. Stillhalten. Dem Leben beim Stattfinden zuschauen. Sie wird den Kontakt zu Gote abbrechen, freundlich, aber bestimmt. Was ihren Job betrifft, wird sich schon alles klären, sobald Corona vorbei ist."

Wie gesagt - so einfach ist das alles nicht in diesem Roman. Juli Zeh ist mit "Über Menschen" ein großer Wurf gelungen. Der Roman packt und macht es sich und seinem Publikum nicht einfach. "Über Menschen" stellt sich dabei weder über die Dinge, noch über die Menschen.

Sendung: Inforadio, 22.03.2021, 7:55 Uhr

Beitrag von Nadine Kreuzahler

2 Kommentare

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  1. 2.

    Diesen Roman werde ich definitiv lesen! Schon Juli Zehs Roman "Corpus Delicti" - eine Vision eines Gesundheitsstaates - hat mich extrem gepackt. Nach dieser Rezension zu urteilen, wird es auch dieser Roman tun.

  2. 1.

    ""Über Menschen" stellt sich dabei weder über die Dinge, noch über die Menschen." Interessant - das sieht der Kollege vom Tagesspiegel v. a. in Hinblick auf die Protagonistin gerade nicht so. Also wird man sich wohl ein eigenes Urteil bilden müssen, wenn man denn Lust hat das Corona-Thema vor dem Hintergrund veschwimmender Sicherheiten und Zuordnungen nun auch noch literarisch zu inhalieren.

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