Kristiina Poska (Quelle: Kaupo Kikkas)
Kaupo Kikkas
Audio: Inforadio | 11.03.2021 | Hans Ackermann | Bild: Kaupo Kikkas

Frauen am Dirigentenpult - "Es gibt einfach noch zu wenige Vorbilder"

Frauen sind in der klassischen Musik am Dirigentenpult noch stark in der Minderheit. Zwei Dirigentinnen erzählen von ihrer Arbeit in der Männerdomäne. Von Hans Ackermann

Ganz ohne Taktstock dirigiert Catherine Larsen-Maguire das Orchester bei Samuel Barbers "Adagio for Strings". In weiteren Konzertvideos sieht man die britische Dirigentin auf ihrer Webseite mit Werken von Schubert und Mendelssohn-Bartholdy, hier kommt der dünne Stab aus Weißbuchenholz dann wieder ganz regulär zum Einsatz [larsen-maguire.com].

Larsen-Maguire lebt seit mehr als 20 Jahren in Berlin, war früher Solo-Fagottistin an der Komischen Oper. Erst relativ spät habe sie sich getraut, die sichere Planstelle im Orchester zugunsten einer freiberuflichen Karriere als Dirigentin aufzugeben, sagt sie. "Ich frage mich manchmal, was passiert wäre, wenn ich in jungen Jahren eine Dirigentin als Vorbild kennengelernt hätte. Sie hätte vielleicht gesagt: 'Komm, du schaffst das mit dem Dirigieren.'"

"Wir Frauen müssen uns nur überwinden"

Fehlende Vorbilder und fehlendes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten seien die Hauptgründe, warum es immer noch viel zu wenige Dirigentinnen gebe, sagt Larsen-Maguire. Dabei sei das Problem durchaus lösbar. "Wir Frauen müssen uns nur überwinden. Dann merken wir, wir können das genauso gut. Die Studentinnen in diese Richtung zu stupsen, macht mir persönlich wahnsinnig viel Spaß", erzählt die 1978 in Manchester geborene Musikerin.

Die Entscheidung für eine Laufbahn als Dirigentin müssten viele junge Frauen heute immer noch weitgehend allein treffen, sagt Larsen-Maguire. "Es gibt einfach immer noch zu wenige Vorbilder, es gibt zu wenige ältere Dirigentinnen, es gibt unglaublich wenige Professorinnen oder Lehrerinnen."

In Berlin gibt es an den beiden Musikhochschulen sogar überhaupt keine Professorin für das Fach Orchesterdirigieren. Catherine Larsen-Maguire hat ihre Gastprofessur an der Universität der Künste 2016 aufgegeben, um sich, wie sie sagt, ganz dem Dirigieren widmen zu können. Eine Entscheidung, die ihr damals nicht leicht gefallen sei: "Ich liebe das Unterrichten und ich wollte auch sehr gerne weiter unterrichten. Aber auf so einer großen, festen Stelle, das war in dem Moment nicht der richtige Zeitpunkt."

Catherine Larsen-Maguire (Quelle: David Beecroft)
Catherine Larsen-Maguire | Bild: David Beecroft

Musikstadt Berlin

Berlin sei für Dirigentinnen eine "gute Stadt", sagt Larsen-Maguire, das Publikum habe keine Vorurteile gegen Frauen am Dirigierpult. In Gesprächen sei eher "Überraschung" zu spüren. "Die Leute sagen dann, 'Das war ganz toll und wir haben ja gar nicht gemerkt, dass es eine Frau war.' Sowas kann man den Leuten nicht übelnehmen, denn wir sind eben immer noch wenige Dirigentinnen. Und für manche Menschen, die nicht so oft ins Konzert gehen, ist das dann etwas ganz Neues und immer noch ungewöhnlich."

Bei den Berliner Orchestern stehen Frauen zumindest als Gäste regelmäßig am Dirigentenpult. So wie Joana Mallwitz, die am Vorabend des Internationalen Frauentags mit Tschaikowskis "Sinfonie Nr. 6" im Livestream aus dem Konzerthaus zu erleben war. Der Chefdirigent des Hauses ist mit Christoph Eschenbach allerdings ein Mann, genauso wie Kirill Petrenko bei den Berliner Philharmonikern oder Robin Ticciati und Vladimir Jurowski bei den beiden Berliner Rundfunkorchestern - die Chefs der großen Berliner Orchester sind ausnahmslos Männer.

Beethoven ohne Grimmigkeit

Ganz anders sieht es im belgischen Gent aus. Hier hat die Chefdirigentin Kristiina Poska mit ihrem Orchester gerade zwei Beethoven-Sinfonien neu aufgenommen. Für seine Sinfonie Nr. 7 hat Beethoven einen langsamen Satz komponiert, den männliche Dirigenten oft als schweren Trauermarsch interpretieren. Poska dagegen nimmt dieses Allegretto auf ihrer neuen CD tatsächlich so, wie es die Satzbezeichnung meint - munter, heiter, ohne dunkle Grimmigkeit.

Beethovens Allegretto, erzählt die 1978 in Tallin geborene Orchesterleiterin, habe vor vielen Jahren sogar ihr späteres Leben als Dirigentin geprägt. "Beethoven hat eine enorme Rolle bei mir gespielt. Ich war noch ziemlich jung, als ich bei einer Orchesterprobe zugehört habe, bei der das Estnische Nationale Sinfonieorchester gerade "Beethoven 7" probte. Ich wußte seitdem, in diesem Klang will ich leben."

Seit 2019 ist Poska die Chefin des Sinfonieorchesters Flandern [symfonieorkest.be]. Gelernt hat sie ihren Beruf bei Professoren der beiden Berliner Musikhochschulen, zuerst Chorleitung bei Kai-Uwe Jirka und Jörg-Peter Weigle, später Orchesterdirigieren bei Christian Ewald an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler". Bis 2016 war sie danach Kapellmeisterin an der Komischen Oper Berlin.

"Unsere Gesellschaft, die Dirigierwelt und die Musikwelt hält noch sehr stark an diesem alten Dirigentenbild fest", sagt Poska, "und das ist extrem männlich geprägt, sehr dominant, es ist autokratisch. Aber die Welt hat sich schon längst geändert."

Dirigieren in Italien und Russland

"Alleinherrscher am Pult" gebe es zumindest unter jüngeren männlichen Dirigenten immer seltener, sagt Poska. In manchen Ländern müssten sich aber auch die Orchester erst noch an den modernen weiblichen Ansatz, an offene Kommunikation und kollegiales Miteinander gewöhnen. "Es gab schon Orte, zum Beispiel in Italien oder als ich in Russland gearbeitet habe, wo ich merkte, da gibt es im Orchester eine andere Erwartungshaltung. Man sollte sich dort männlich-dominant benehmen und dieses Klischee erfüllen, auch wenn man eine Frau ist." Mit solchen Orchestern würde sie heute lieber nicht mehr zusammenarbeiten, erzählt die Dirigentin.

Mit dem Publikum hat Kristiina Poska nach ihren Angaben überwiegend positive Erfahrungen gemacht, wobei jedes Land anders sei: "In Skandinavien fühlt man wirklich überhaupt keine Vorurteile, in Deutschland teilweise schon", erzählt die Dirigentin, "aber dadurch, dass ich mit meiner Arbeit in Deutschland angefangen habe, kenne ich das und bin daran gewöhnt, das stört mich nicht."

Die estnische Dirigentin sagt, sie freue sich, wenn sie mit ihrem Orchester endlich wieder vor Publikum spielen dürfe. Der Lockdown habe allerdings auch neue Möglichkeiten eröffnet. "Mein Orchester in Flandern ist sehr aktiv. Natürlich ist kein Publikum erlaubt, aber bei uns sind dafür andere Projekte dazugekommen. Wir haben viel aufgenommen und können jetzt alles viel schneller fertigstellen. Masterkurse und Streamingkonzerte - sowas hält mich am Leben, emotional und geistig."

Kristiina Poska (Quelle: Kaupo Kikkas)Kristiina Poska

Dirigierkurse in Lateinamerika

Auch Catherine Larsen-Maguire veranstaltet ihre internationalen Dirigierkurse derzeit per Videokonferenz. Davor hat sie überall in Europa und oft auch in Südamerika unterrichtet - wo es für Frauen am Dirigierpult besonders schwierig sei. "Wenn ich Jugendorchester unterrichte, versuche ich immer, Musiker aus dem Orchester nach vorn zu holen. Damit sie ausprobieren, wie es ist, da vorn zu stehen und zu dirigieren. Ich frage dann nach Freiwilligen - und es sind fast immer nur die Jungen, die sich melden."

In Brasilien, erzählt Larsen-Maguire, sei es fast unmöglich gewesen, auch nur eine einzige Musikerin aus dem Orchester nach vorn zu holen. Schließlich habe sich die erste Geigerin getraut, sei zunächst Pfiffen und Buhrufen ihrer männlichen Kollegen ausgesetzt gewesen. "Aber dann, nach einer Minute, haben alle gemerkt, was sie da macht, das ist mutig. Und sie hatten dann so viel Respekt vor dieser Musikerin."

Umgang auf Augenhöhe

Gegenseitiger Respekt, sagt auch Kristiina Poska, sei zwischen Dirigentin und Orchester die Grundlage für modernes Teamwork und einen "Umgang auf Augenhöhe". Als Dirigentin müsse sie dem Orchester zuhören und dessen Meinung integrieren. "Da gibt es etliche weitere Qualitäten, die unsere Welt besser machen würden. Frauen haben da sehr viel zu bieten!"

Beide Dirigentinnen stammen aus einer Generation, in der sich weibliche Orchesterleiterinnen noch weitgehend ohne Unterstützung von außen gegen alle Vorurteile für diesen Beruf entschieden haben. Doch in den letzten Jahren, sagt Catherine Larsen-Maguire, habe sich in diesem Bereich des Musikbetriebs enorm viel Positives getan.

Nun müssten sich die Frauen einfach nur trauen - und vor allem möglichst früh mit dem Dirigieren anfangen. "Warum nicht gleich mit 18 oder mit 15 ?" sagt die Dirigentin, die selbst sehr lange gewartet hat. "Ich glaube, in zehn Jahren wird es so viele Vorbilder von tollen Dirigentinnen geben. Da wird dieses skeptische 'Kann ich das auch?' für die Studentinnen überhaupt keine Frage mehr sein."

Beitrag von Hans Ackermann

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