Jim-Rakete-Filmproduktion "Schwester.von" - Die Videokamera als einzige Chance

Ein Filmstil aus "Ismene, Schwester von" mit Susanne Wolff (Bild: rbb Kultur)
Bild: rbb Kultur

Jim Rakete hat einen Film unter Lockdown-Bedingungen produziert, der das Gefühl des Eingesperrtseins selbst zum Thema hat. Herausgekommen ist die Thriller-Version eines Monologstücks am Deutschen Theater. Von Alke Lorenzen

 

Corona stürzte den Fotografen und Filmemacher Jim Rakete zunächst in tiefe Depressionen: "Mitten im ersten Lockdown saß ich da und überlegte, warum alle Kollegen so merkwürdig klägliches Zeug machen. Man sah Popstars auf irgendwelchen Sofas singen, und das war alles nicht sehr befriedigend, und die Theater fingen an, Theateraufführungen zu streamen."

Das bloße Streaming von Theateraufführungen als Antwort auf die Pandemie ging Jim Rakete nicht weit genug. Er wollte kein "Theater als Zoom-Konferenz-Erlebnis", ihm stand der Sinn nach einem Film - gedreht unter Lockdown-Bedingungen, mit den Mitteln des Lockdowns. Seine Idee: Einen Stoff filmisch zu bearbeiten, der die Abgeschlossenheit und das Gefangensein selbst thematisiert. Ihm fiel die Inszenierung "Ismene, Schwester von" ein, die es seit 2014 am Deutschen Theater zu sehen gibt. In dem Monologstück brillierte Susanne Wolff in der Rolle der Ismene - in der griechischen Mythologie eher eine Randfigur, die stets im Schatten ihrer Schwester Antigone stand.

Ismene im Safe House

Der Text der niederländischen Autorin Lot Vekemans rückt Ismene in den Mittelpunkt. Nach 3.000 Jahren bricht sie in einem Zwischenreich ihr Schweigen und blickt im Zeitraffer auf ihr Leben zurück: "Nee, eine nette Familie waren wir nicht. Die ganze Familie? Ein Haufen Verrückter. Vater stach sich die Augen aus. Mutter hängte sich am Strick auf. Und meine Brüder schlachten sich ab für diesen blöden Thron. Irre. Alle. Was das betrifft, lebte ich in einer Irrenanstalt. Bin darauf nicht stolz, aber so wars."

Raketes Plan, aus der Theaterinszenierung einen Film zu machen, gefiel Susanne Wolff und Regisseur Stephan Kimmig sofort. Das neu erdachte Setting: Nach einem Sturz durch Raum und Zeit landet Ismene in einer konspirativen Wohnung - einem sogenannten Safe House. In einem albtraumartigen Geheimdienstszenario soll sie sich einer Überwachungskamera anvertrauen. Doch was genau die Bewacher von ihr wollen, ist nicht bekannt. Und Ismene weiß es auch nicht. Ist die unfassbare Familientragödie, die sie erzählt, ihr Ticket in die Freiheit? Oder ist das, was zu hören ist, ihr letztes Vermächtnis, bevor sie stirbt?

Eine Flaschenpost aus der Antike

Für Jim Rakete funktioniert der Film wie eine Art Flaschenpost: "Es hat etwas von einer Geschichte, die man hinterlässt und nicht weiß, wer sie auffindet." Das Magische an dem Setting sei, dass Ismene nur diese eine Chance hat: "Das ist ihr Flaschenhals, durch den sie ihre Geschichte schieben muss. Sie hat nur dieses eine Reden in die Videokamera."

In dieser bedrohlichen Verhörsituation steckt Ismene fest - in der Zeit und zwischen Leben und Tod. Der Film "Schwester.von" holt den uralten Mythos ins Hier und Jetzt des Lockdowns. Dabei wirken Ismenes Erzählungen über ihre Familie absolut heutig. In der Antike verankerte Namen werden wie beiläufig, wie selbstverständlich erwähnt. "Das klingt so unmittelbar, wie sie das erzählt, dass es sich eigentlich auch im Heute zutragen könnte", findet Jim Rakete.

Ein Filmstil aus "Ismene, Schwester von" mit Susanne Wolff (Bild: rbb Kultur)

Packende Performance von Susanne Wolff

Susanne Wolff spielt die Ismene mit einer erstaunlichen Intensität und Finesse. Eine packende Performance - in den lauten und leisen Momenten. In einem orangefarbenen Gefängnisoverall sitzt sie hinter einem Tisch mit Mikrofon. Ihre Fingerkuppen sind mit Pflastern abgeklebt. Ab und zu ertönt Musik, die wie ein Hundeheulen klingt - eine ständige Bedrohung von außen. Ismene spricht direkt in die auf sie gerichtete Kamera und damit die Zuschauer permanent an. "Man kann es nicht einfach nur betrachten, man wird konfrontiert", erklärt Regisseur Stephan Kimmig: "Das unterscheidet es komplett von einem Theaterabend, dass das total 'in your face' geht, dass die wie durch die Kamera durchklettert, wie raus will."

Realisiert wurde der Film "Schwester.von" auf engstem Raum in Jim Raketes Studio in Berlin-Kreuzberg, mit einem kleinstmöglichen Team. An drei Tagen wurde gedreht. Susanne Wolff spielte den dichten 50-minütigen Monolog mehrmals komplett durch. Sie wollte beim Spielen ein Gefühl erzeugen, was eigentlich so nur das Theater schafft, sagt sie: "Ich hatte den großen Wunsch, dass es wie eine Vorstellung funktioniert, dass das die klare Referenz zum Theater ist, das Besondere. Da steigt man ein, da kann man nicht auf Pause drücken, zurückspulen, das wird durchgespielt."

Ein Hybrid aus Theater und Film

Jim Rakete wollte den Monolog ursprünglich mit fünf Kameras einfangen und dann kam alles anders, sagt er, denn das Theater habe die Kamera aufs Kreuz gelegt: "Am Ende haben wir gar nicht so viele Kameras gebraucht, weil wir festgestellt haben, dass das Gefühl der Eingeschlossenheit und der Verzweiflung so am stärksten ist." "Schwester.von" ist am Ende eine One-Take-Aufnahme geworden, ein spannender Hybrid aus Theater und Film, entstanden inmitten der Pandemie.

Sendung: 27.03.2021, 10:15 Uhr

Beitrag von Alke Lorenzen

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