Joana Mallwitz (Bild: imago images/Lumma-Foto)
Bild: imago images/Lumma-Foto

Kulturkritik | Livestream mit dem Berliner Konzerthausorchester - Mallwitz im Konzerthaus - perfekte musikalische Kommunikation

Am Vorabend des Internationalen Frauentags war im Berliner Konzerthaus eine der erfolgreichsten deutschen Dirigentinnen der letzten Jahre zu erleben: Joana Mallwitz. Hans Ackermann hat sich das Konzert der 34-Jährigen im Livestream angeschaut.

Joana Mallwitz wurde 1986 in Hildesheim geboren, 2019 kürte sie die Zeitschrift "Opernwelt" zur "Dirigentin des Jahres". Kurz darauf hat sie als erste Frau überhaupt bei den Salzburger Festspielen einen kompletten Mozart-Zyklus geleitet. Musik von Wolfgang Amadeus Mozart hat Joana Mallwitz auch für diesen Abend ausgesucht.

Mit strahlenden Augen und energischem Taktstockeinsatz treibt die Dirigentin das Konzerthausorchester mit einer rasant gespielten "Zauberflöten"-Ouvertüre zu einer ersten Höchstleistung. Die beherzten Armschwünge und das aufmunternde Mienenspiel der Dirigentin kommen beim Orchester an, als klare Signale, den Abend gemeinsam musikalisch zu gestalten - was im Saal des Konzerthauses hervorragend gelingt.

Tschaikowskis "Pathetique"

Auf Mozarts Ouvertüre folgt Peter Tschaikowskis Sinfonie Nr. 6. Mit dem Beinamen "Pathetique" gehört sie zu den schönsten sinfonischen Werken der Romantik. Zu Beginn hält die Dirigentin ihre Augen geschlossen, lässt ein dunkles Adagio aus tiefen Streicherklängen heraufziehen.

Nach gut zwei Minuten entwickelt sich daraus ein Allegro und damit "beginnt das Leben" - wie Kirill Petrenko, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker diesen musikalischen Übergang im ersten Satz der Sinfonie einmal beschrieben hat.

Preisgekrönte Dirigentin

Was den Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker und die 1986 in Hildesheim geborene Generalmusikdirektorin des Nürnberger Staatstheaters verbindet? Beide waren Dirigent bzw. Dirigentin des Jahres, Petrenko in der Saison 2019/20, Mallwitz in der Saison davor. Nach der Australierin Simone Young im Jahr 2006 ist Joana Mallwitz erst die zweite Frau, die diesen Kritikerpreis der Zeitschrift "Opernwelt" bekommen hat.

Tschaikowski hat seine letzte Sinfonie als seine persönlichste und wichtigste Komposition bezeichnet, Tatsächlich aber hat keine seiner Sinfonien die Beliebtheit der Ballette “Schwanensee“ oder "Dornröschen" erreicht. An deren tänzerische Leichtigkeit erinnert in heiteren Klangfarben der zweite Satz der "Pathetique", sicher inspiriert vom "Blumenwalzer" aus dem Ballet "Der Nussknacker".

Kommunizieren und Zuhören

Sieben Kameras zeichnen das Livekonzert im dezent beleuchteten Saal auf. In vielen Nahaufnahmen wird sichtbar, wie intensiv die vorzügliche Dirigentin mit dem Orchester kommuniziert. Keine Sekunde lässt Joana Mallwitz ihre Musikerinnen und Musiker aus den Augen. Und sie hört dem Orchester beim Spielen zu, reagiert und interagiert, mal ausladend energisch, manchmal nur Grundschläge ausführend.

Kein Wunder, wenn unter der entschlossenen Orchesterleiterin schon vor dem eigentlichen Finale auch der dritte Satz zum klanglichen Höhenflug wird - ein Scherzo, das in dieser Interpretation seinesgleichen sucht.

Tragischer Schlusssatz

Berühmt für seine flirrenden Streicherklänge am Beginn erzählt der Schlussatz der Sinfonie dann die tragische Geschichte seines Komponisten zuende. Nur wenige Tage nach der Uraufführung seiner "Pathetique" stirbt Tschaikowski am 6. November 1893 in Sankt Petersburg. Ob an Cholera oder durch Selbsttötung, die Umstände seines plötzlichen Todes sind bis heute nicht geklärt.

Die Sinfonie endet mit tiefen Tönen, die Joana Mallwitz wie letzte Herzschläge immer leiser werden und schließlich ausklingen lässt. Mit geschlossenen Augen hält die Dirigentin dann noch viele Sekunden inne, die Beleuchtung im leeren Saal des Konzerthaus erlischt, der Bildschirm wird schwarz. Ein äußerst gelungenes Konzert geht auf diese Weise auch visuell perfekt zu Ende.

Sendung: Inforadio, 08.03.2021, 6:55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

1 Kommentar

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  1. 1.

    welch ein freundliches Gesicht , muss wohl die Musik bewirken............

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