Gitarrist Tal Arditi. (Quelle: talarditi.com)
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Audio: Inforadio | 19.03.2021 | H. Ackermann | Bild: talarditi.com

Streamkritik | Tal Arditi bei "Panda" - Wenn das Wunderkind Wunderwelten öffnet

Der Gitarrist Tal Arditi wird gern als "Jazz-Wunderkind" bezeichnet. Beim Livestream-Konzert auf der Bühne der Berliner Kulturplattform "Panda" überraschte er Hans Ackermann aber nicht nur mit seinem Gitarrenspiel.

Tal Arditi war bisher für komplexe Jazzkompositionen und ausgedehnte Improvisationen bekannt. Schon mit 18 Jahren bekam der in Berlin lebende Musiker sein Jazz-Diplom, zwei Alben hat der 22-Jährige bereits aufgenommen. An diesem Abend bei der Berliner Kulturplattform "Panda" aber kann man eine neue Seite des Musikers erleben - als er gleich zu Beginn seine virtuosen Gitarrenläufe bis in die höchsten Lagen mitsingt, Note für Note, Ton für Ton.

Von der Jazzgitarren-Legende George Benson könnte sich der in Israel geborene Tal Arditi dieses parallele Singen und Spielen abgeschaut haben. Faszinierender Unisono-Scat-Gesang, den Arditi unbedingt weiter pflegen sollte - so eindrucksvoll gelingt ihm dieses Gesangskunststück.

Tal Arditi beim Livestream-Konzert auf Panda. (Quelle: youtube.com/panda-plattform.berlin)
Bild: youtube.com/panda-plattform.berlin

Moderner Gitarrenjazz

Danach wechselt Arditi seinen Stil, bringt moderne Effektpedale ins Spiel. Elektronische Gerätschaften, die Veteranen wie Wes Montgomery vielleicht noch gar nicht kannten, bei jungen Jazzgitarristen wie Tal Arditi aber ganz selbstverständlich dazugehören. Mit dem Fuß schaltet er lange Echos oder ein schnelles Vibrato ein, lässt farbige Klänge entstehen, die durch den blau leuchtenden Saal flirren. Der Gitarrist steht dabei vor einer Videoprojektion, man sieht Bäume im Wald und gleichzeitig Fenster einer Wohnsiedlung, übereinander gelegt in einer kunstvollen Bildmontage.

Dreier-Gang

"Hope" heißt der dazugehörige atmosphärische Titel - Hoffnung, die man in diesen Zeiten wirklich braucht, sagt Arditi. Dann stellt er dem Publikum seine Gefährten vor, seine "Gang", wie er sagt. Gemeint sind die drei Gitarren, die er zum Konzert mitgebracht hat. Zweimal Stahlsaiten, einmal Nylon - eine klassische Gitarre, die Arditi erneut zur Liedbegleitung einsetzt, bei "Eli". Das ist eigentlich ein Instrumental-Titel, vor kurzem aber habe ihm eine brasilianische Freundin einen Text für das Lied geschrieben, sagt Arditi. Wieder staunt man, wie vorzüglich dem Gitarristen sein expressiver Gesang gelingt.

Mit seinen beiden akustischen Gitarren bekennt sich Tal Arditi zu Folk und Bossanova, auf der elektrischen Telecaster klingt er sanft, weich und auch ein bißchen entrückt - wie Bill Frisell, der Altmeister des modernen Jazz, dem dieser Abend sicher auch gefallen würde. Wunderbar, wie das Wunderkind hier die Wunderwelten der Gitarre in all ihren Facetten auslotet.

Freundlich sein

Als Musiker sollte man freundlich sein, "being a nice person", beschreibt Arditi seine persönliche Grundregel. Diese freundliche Zugewandtheit, dazu künstlerische Höhenflüge und stilistische Überraschungen führen zu einem der lebendigsten Livestream-Konzerte der letzten Monate.

Ohne vordergründige Virtuosität lässt Arditi darin den Tönen Zeit, sich zu entwickeln und gibt dem Publikum so die Möglichkeit, den musikalischen Ideen ganz in Ruhe zu folgen. Und natürlich weiß Tal Arditi, wo sämtliche moderne Gitarrenmusik ihre Wurzeln hat - weshalb der Abend nach einer guten Stunde dann mit einem Blues endet.

Beitrag von Hans Ackermann

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