Regenbogenfarben beleuchten das Zeiss-Großplanetarium in Prenzlauer Berg. (Quelle: dpa/Annette Riedl)
dpa/Annette Riedl
Audio: Inforadio | 23.03.2021 | Hendrik Schröder | Bild: dpa/Annette Riedl

Streamkritik | "Trilogie de la Mort" - Die Macht der Frequenzen

Das Stück "Trilogie de la Mort" von Elaine Radigue gilt als Meilenstein der minimalistischen elektroakustischen Musik. Jetzt wurde es im Rahmen des "März-Musik"-Festivals im Zeiss-Großplanetarium in Berlin aufgeführt und gestreamt. Von Hendrik Schröder

Was für ein schräger und intensiver Abend unter Kopfhörern! Sie müssen sich das so vorstellen: Stundenlang kriecht eine Welle von Frequenzen direkt in Ihr Gehirn und bleibt da stehen wie eine Wand mitten im Ohr. Aber die Wand bewegt sich und verändert die Farbe. Ganz langsam. Also richtig langsam. Drei Stunden lang moduliert sich diese Wand im Ohr von Phase zu Phase. Es bruzzelt, es piept und manchmal zischt es ein bisschen. Dann wälzt sich von irgendwo ganz weit weg ein Bass in den Gehörgang, der näher rollt und näher rollt. Kriechend. Bedrohlich. Gewaltig. Wie Musik zu einem Film, den es in diesem Moment nur in ihrem Kopf gibt. Sowas muss man natürlich mit Kopfhörern hören. Und sich wirklich drauf einlassen und in dem Sound regelrecht verschwinden.

50 Lautsprecher und ein ganzes Haus als Klangraum

Fünf Jahre lang hat die französische Elektropionierin Elaine Radigue an dem Stück gearbeitet, von 1988 bis 1993. Absolut minimale Musik. Kein Beat, kein Gesang. Nur Klangflächen. Erzeugt durch einen ARP 2500. Einen legendären Synthesizer, der sich damals zwar nur 100 mal verkaufte, aber allerorten bestaunt und bewundert wurde. Elaine Radigue war eine der ersten, die mit dem Ding gearbeitet hat.

Die "Trilogie de la Mort" (auf Deutsch: Trilogie des Todes) ist einer tibetischen Meditation nachempfunden. Entsprechend gemächlich und ruhig entfaltet das Stück seine Wirkung. Aber es wirkt. Für die Umsetzung der Aufführung im Planetarium Prenzlauer Berg ist der Schweizer Musiker und Komponist Francois Bonnet verantwortlich. 50 Lautsprecher in der Decke des Planetariums werden bespielt und damit ja im Grunde das ganze Gebäude als eigener akustischer Raum. Stark.

Ach, wie gerne hätte man das gesehen! Die schwarz wabernde Decke des Planetariums, vielleicht mal einen Schwenk durch den Raum und auf die Lautsprecher, dann Bonnet der an irgendwas rumschraubt oder dreht. Aber gestreamt wird nur das Audio. Das mag zu dem Stück passen, aber schade ist es doch, bei all dem nur auf ein Standbild zu schauen.

Das Gehirn spielt mit

Spannend ist aber das Streaming per binauraler Technologie. Das bedeutet, auf jedes Ohr kommt eine andere, nicht zu unterschiedliche Frequenz. Das Gehirn ist dann gezwungen, eine Art Mittelfrequenz zu bilden. Diesen daraus resultierenden, meist pulsierenden Sound gibt es dann nur im Gehirn, er wird quasi errechnet und je nach Frequenzgang soll er ganz unterschiedliche Wirkungen haben. Kann einen völlig bescheuert machen. Oder auch entspannen. Oder super drauf bringen. In der Esoterik Szene schwört man auf diese Kraft der Frequenzen. Aber auch Wissenschaftler und die Hörgeräteindustrie beschäftigen sich schon lange damit. Ob das Frequenzgesummse nun wirklich psychoaktiv sein kann, sei dahingestellt. Aber verrückt ist es auf jeden Fall, dass das volle drei Stunden lang so aufregend sein kann.

Beitrag von Hendrik Schröder

Nächster Artikel