Archivbild: Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika sind am 14.02.20218 im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in einer Vitrine ausgestellt. (Quelle: dpa/Daniel Bockwoldt)
Audio: rbbKultur | 31.03.2021 | Tomas Fitzel | Bild: dpa/Daniel Bockwoldt

Raubkunst im Humboldt-Forum - "Heute sind wir so weit, die Dinge zurückzugeben"

Die Benin-Bronzen gehören zu den Highlights im Humboldt-Forum. Etwa 200 dieser Reliefs und Skulpturen will man dort zeigen. Doch es gibt Forderungen nach Rückgabe. Tomas Fitzel hat bei Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, nachgehakt.

Die sogenannten Benin-Bronzen, eine Gruppe von mehreren tausend Metalltafeln und Skulpturen, schmückten seit dem 16. Jahrhundert den Königspalast von Benin. 1897 wurden sie bei einer Strafexpedition aus dem Königreich im heutigen Südwesten Nigerias von den Briten geraubt und anschließend über den Kunstmarkt in ganz Europa verstreut.

Berlin besitzt neben dem British Museum die zweitgrößte Sammlung an Benin-Bronzen - und will etwa 200 der Bronzen künftig im Humboldt-Forum zeigen. Die Kunstwerke standen dabei von Anfang symbolhaft für die Frage, ob das Humboldt-Forum zu einem glaubwürdigen Umgang mit der europäischen Kolonialvergangenheit kommt oder nicht.

"Wir sagen, dass es zu Rückgaben kommen wird"

Denn es gibt seitens der nigerianischen Regierung klare Forderungen nach Rückgabe. Die Sachlage ist eindeutig, die Exponate vom Londoner Kunstmarkt sind Raubkunst. Nachdem sich bereits Außenminister Heiko Maas sowie der Generalintendant des Humboldt-Forums, Hartmut Dorgerloh, positiv zur Rückgabe geäußert hatten, fiel die Antwort des Stiftungsrates der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bislang zögerlich aus. Rückgabe sei nicht ausgeschlossen, hieß es dann letzte Woche.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, findet die Haltung der Stiftung dazu eindeutig: "Wir sagen, dass es zu Rückgaben kommen wird." Allerdings, so Parzinger, müsse man jetzt in bilaterale Gespräche eintreten, "um zu besprechen: Wie kann man erreichen, dass einige Objekte hierbleiben können, als Leihgaben oder in einer anderen Aufteilung? Dies sind die Fragen, die man gemeinsam jetzt mit den Verantwortlichen in Nigeria und Benin City klären sollte."

Rückgabeforderungen wurden lange systematisch abgeblockt

Der Wille ist da, aber mit einem kleinen Schönheitsfehler: Denn wenn man feststellt, dass man die Objekte, die auf dem Londoner Kunstmarkt erworben wurden, illegal besitzt, vergleichbar mit dem Besitz von Hehlerware, dann verbietet sich im Grunde jede Verhandlung darüber. Erst wenn Nigeria frei über sein legitimes Eigentum verfügen kann, sind Verhandlungen auch auf Augenhöhe möglich.

In ihrem neuen Buch "Afrikas Kampf um seine Kunst" weist die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy nach, wie schon seit 1972 Rückgabeforderungen auch von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz systematisch abgeblockt wurden. "Das war in der nördlichen Hemisphäre eine weit verbreitete Haltung, dass man afrikanische Forderungen nicht wirklich ernst genommen hat", sagt Hermann Parzinger. Doch dies sei heute überholt: "Es hat vielleicht lange gedauert, aber heute sind wir soweit, die Dinge zurückzugeben."

Keine Entsprechung zu den Washingtoner Prinzipien

Der Umgang mit dem Raub von Eigentum während der NS-Zeit, wie sie 1998 in den Washingtoner Prinzipien festgelegt wurden, könnte eigentlich auch als Vorbild dienen für den Umgang mit Exponaten wie den Benin-Bronzen. Zwar wurde vor kurzem vom Deutschen Museumsbund ein neu überarbeiteter Leitfaden für den Umgang mit Objekten aus kolonialem Kontext vorgestellt. Doch Hermann Parzinger sieht hier noch Leerstellen. "Dieser Leitfaden ist keine Handreichung für Rückgaben, wie sie die Washingtoner Prinzipien im Falle der NS-Raubkunst ganz genau festlegen, sondern er zeigt nur die ganze Problematik auf. Daher habe immer appelliert, dass wir für den Umgang mit Kolonialbeständen eine Entsprechung zu den Washingtoner Prinzipien bräuchten, die auch international akzeptiert würde."

Zitat

Wenn ich eine Benin-Bronze sehe, stärkt dies mein Selbstbewusstsein, weil sie mir zeigt, dass die afrikanische Gesellschaft tatsächlich großartige Zivilisationen, große Kulturen hervorgebracht hat und es sensibilisiert uns heute für das Gefühl der Erniedrigung, die viele afrikanische Gesellschaften befallen hat. Diese Beutestücke sind daher bis heute politisch belastet.

Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka

Der Leitfaden wurde zwar erst kürzlich überarbeitet. Trotzdem schreibt er in vielen subtilen Formulierungen die asymmetrischen Beziehungen zwischen den deutschen Museen und den betroffenen Ländern, vor allem in Afrika und Ozeanien, fort. Denn sie werden darin weiterhin nur als Objekte wahrgenommen, für die gehandelt wird, und nicht als Akteure mit Rechten.

Die Geschichte hinter den Objekten erzählen

Offenheit und Transparenz sei wichtig, im Umgang mit den kolonialen Exponaten, sagt Parzinger. Man müsse die Geschichte hinter den Objekten erzählen. In der praktischen Zusammenarbeit sieht er dafür inzwischen viele positive Beispiele, etwa in der Zusammenarbeit mit Kurator*innen und Forscher*innen aus Tansania.

Sie würden im Humboldt-Forum in einer geplanten Ausstellung auch die Geschichte des Maji-Maji-Krieges in Ostafrika erzählen. Der Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft, der zwischen 1905 und 1907 geschätzt 300.000 Menschen das Leben kostete, ist in Deutschland bis heute weitgehend unbekannt ist. Indirekte Folge des Krieges: Da die deutschen Kolonialsoldaten das Abbrennen von Feldern als Kriegswaffe einsetzen, kam es zu großflächiger Erosion, und dabei traten die Dinosaurierknochen zu Tage, mit denen heute das Berliner Naturkundemuseum Besucherscharen anlockt.

Hermann Parzinger verspricht, dass die Kurator*innen aus Tansania nach der Ausstellung auch die Objekte in ihre Heimat nehmen dürfen.

Es fehlt eine Geste, die die Selbstgewissheit in Frage stellt

Ähnlich positive Beispiele der Zusammenarbeit gibt es auch mit Namibia. Auch hier wird am Ende eine Rückgabe erfolgen. Aber immer sind es die deutschen Museen, die den Takt der Zusammenarbeit vorgeben, die aus der Position als Eigentümer und Besitzer handeln. Es fehlt eine deutliche Geste, die diese Selbstgewissheit in Frage stellt.

Im April will nun Kulturstaatsministerin Monika Grütters einen Gipfel zu diesem Thema einberufen. Und im Mai trifft sich erneut die internationale Benin-Dialog-Gruppe. In einigen Jahren schon will man schließlich in Benin-City, der ehemaligen Königsstadt, ein neues afrikanisches Museum eröffnen.

Sendung: Inforadio, 31.03.2021, 06:30 Uhr

Beitrag von Tomas Fitzel

6 Kommentare

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  1. 6.

    Wie der Artikel richtig anmahnt: Verhandlungen auf Augenhöhe braucht es. Genau das findet aber bis heute nicht statt. Dass in Person von Parzinger der sprichwörtliche Wolf Kreide gefressen hat, der jahrzehntelang zuvor jedwede Rückgabe mit Verweis auf angeblich legale Erwerbe der Kunstgegenstände abwehrte, sollte nicht darüber hinwegtäuchen, dass es erst ein Beginn von Provenienzforschung und Rückgabe ist. Es zur Bedingung zu machen, best. Anteile in Europa zu behalten, während man damit die kolonialen Verbrechen verharmlost und erneut von ihnen zu profitieren versucht, ist schäbig.

    Ganz davon abgesehen wird die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in absehbarer Zeit zerschlagen. Dann kommt auch endlich ans Licht, dass der allergrößte Teil des Raubguts noch nicht einmal ausgestellt wird. Wer da von "Bewahrung" von Kulturgütern - in ungewarteten Kellern - spricht, begeht Heuchelei.

    Klären, woher was kommt, zurückgeben, dann über Leihgaben verhandeln, das ist die Reihenfolge.

  2. 5.

    Die Debatte ist schon so herrlich aufgeheizt, was will man mehr? Von mir aus alles zurückgeben. Man wird sehen was dann passiert. Wir haben so herrlich wertvolle europäische Kunst, was geht denn darüber hinaus? Wir sind reich und bleiben reich.

  3. 4.

    Gegen Rassismus und Nationalismus hilft am besten faire Zusammenarbeit. Wie wäre es mit einer Art Leihgebühr an die Besitzerländer, mit der Auflage, dass nur gemeinsame faire zukunftsfähige Projekte gefördert werden. Gerne Kunstprojekte.Vorbild: das Schlingensiefsche Operndorf. Oder eine große Austellungshalle im Humboldt-Forum für Afrika - Europa Kunstprojekte..nach demokratischer Auswahl..

  4. 3.

    Den Begriff "stolz" in Bezug auf das so bezeichnete eigene Land dürfte nach der Kaiser- und NS-Zeit nur noch eine erkleckliche Minderheit in diesem Land haben. Die Ewig-Stolzen, gleich auf was.

    Nicht die Kulturverwaltenden sind stolz auf das Land, sie sind Bewahrende der Kultur, dies im weitest verstandenen Sinne. Dazu gehören dann auch das Unvermögen und, ja, sogar auch die Verbrechen, soweit sie dem Aufschluss dienen anstelle eines bloßen Wegschiebens. Das ist ja in beiden Deutschländern nach dem Krieg gemacht worden - die einen, die sich kraft Setzung als antifaschistisch bezeichnet haben, die anderen, die Persilscheine ausgestellt haben, dass selbst überzeugte Altnazis im Handumdrehen zu erklärten Demokraten wurden.

    Nun also offen. Die Kulturgüter erhalten, zuerst an diejenigen, aus deren Kontext sie entstanden und soweit beidseitig andere Vereinbarungen getroffen werden, dann auch das.

  5. 2.

    Bodenlose Frechheit, wie ehem. Kolonialmächte ehem. Kolonien (nach der Geschichte)heute noch behandeln...
    Aber immer schön stolz auf "sein Land" sein...

  6. 1.

    Kopien anfertigen und die Originale auf Wunsch der Herkunftsnationen zurückgeben, nicht unbedingt sofort und ungefragt aber bitte einvernehmlich. Es muss unbedingt sicher gestellt werden, daß die Objekte nicht 10 Tage später wieder beim Antiquitätenhändler auftauchen.

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