Die Schauspieler (l-r) Nina Petri als Pathologin Dr. Volkmann, Maria Simon als Medizinstudentin Leo Herzog, Elke Winkens als Kommissarin Johanna König und Helmut Rühl als Gerichtsmediziner Ringwald sowie, liegend als Leichnam, Clemens Löhr als Max Seegers aufgenommen in Berlin am Rande von Dreharbeiten zum ProSieben-Krimi "Die Pathologin - Im Namen der Toten". (Quelle: dpa/Jens Kalaene)
Audio: Inforadio | 08.03.2021 | Magdalena Bienert | Bild: dpa/Jens Kalaene

Frauenquote im Filmgeschäft - Einzig im Schnitt dominieren Frauen

Bei der diesjährigen Berlinale hat es sich wieder gezeigt: Das Geschlechterverhältnis ist beim Film lange noch nicht ausgewogen. Ein Problem von vielen Branchen, aber das Filmgeschäft scheint besonders rückschrittlich. Von Magdalena Bienert

Die Hamburger Schauspielerin Nina Petri ist am Telefon kaum zu halten, wenn es um das Thema Rollenbeschreibungen und Besetzungen geht. Mit nur rund sechs Drehtagen im Jahr, sei sie froh, eine gefragte Hörbuchsprecherin zu sein oder ihre eigenen Lesungen zu veranstalten, sagt sie.

Warum sie nur noch so wenig dreht? Die 57-Jährige lacht zynisch: "Na, weil ich eben schon alt bin. Das ist auch gar nicht neu. Das geht mit 30 schon los - ab da wird die Luft immer dünner. Und wenn ich ein Drehbuch bekomme und da steht als Rollenbeschreibung drin: 'Die verbitterte Ilse, 61 Jahre'… denke ich: na toll, das freut mich aber, dass ich sowas spielen darf." Die andere Variante sei ab diesem Alter die "verrückte Alte".

Verbittert oder total schräg, so sieht die traurige Rollenauswahl für Frauen jenseits der 50 aus. Schon mit 39 Jahren spielte Petri ihre erste Oma-Rolle.

Veränderung bisher nur in einigen Köpfen

Männer haben da deutlich mehr Rollenauswahl. Ein Grund, warum sich die Schauspielerin seit 2017 für die Initiative "Pro Quote Film" engagiert. Es handelt sich hierbei um einen Zusammenschluss von Frauen aus der Filmbranche, 2014 rein von Regisseurinnen ins Leben gerufen. Darunter ist als Gründungsmitglied die Regisseurin Barbara Teufel, die ihre siebenjährige Arbeit so resümiert, dass sich rein an Zahlen gemessen tatsächlich wenig bewegt habe. Aber: "Was sich verändert hat ist, dass sich in einigen Köpfen etwas bewegt hat. Aber da hat es bisher zu keinen mutigen Entschlüssen geführt."

Man stoße zwar mit der Forderung einer 50 Prozent Quote immer auf offene Ohren, aber niemand fühle sich verpflichtet diese in allen Gewerken wirklich durchzusetzen, so Teufel. Sie müsste im Filmförderungsgesetz verankert werden, damit sich etwas verändern kann, sagt die Regisseurin.

Männer im Hauptcast verdienen rasend viel Geld

Ihr, aber auch Schauspielerin Nina Petri sei klar, dass das nicht nur ihre Branche betreffe, sondern ein strukturelles Problem sei. Beim Film scheint es jedoch besonders rückschrittlich zuzugehen, so Nina Petris Erfahrung. Längst würden nicht mehr Regisseurinnen oder Regisseure über Besetzungen entscheiden, sondern in den Führungspositionen säßen "sehr viele Männer, und leider auch alte, weiße Männer, und selbst wenn es keine Männer sind, sind es aber alte weiße Frauen". Und die, so Petri, würden wie die Männer ticken.

Nina Petri und auch Barbara Teufel zeigen sich einig: Es wird sich in ihrer Branche nur etwas verändern, wenn in den entscheidenden Positionen "frischer Wind weht". Petri beklagt auch: "Warum sind wir Freiberufler in der Branche derart von Leuten abhängig, die jeden Monat ihr festes Gehalt einkassieren und sich nicht bewegen müssen?"

Eine typische Situation in Sachen Rollenbesetzung sei folgende, schildert die Schauspielerin: "Der Hauptcast steht vorher fest, ohne den läuft nichts. Aber weil jetzt beispielsweise Uwe Ochsenknecht schon so rasend viel Geld kostet, bleibt kaum etwas übrig für die Nebenrollen." Selbst wenn sie dann auf Wunsch eines Regisseurs doch noch ein paar Drehtage bekommen könnte, sage ihre Agentin: "Nee, das geht nicht für das Geld. Irgendwo ist da auch eine Grenze."

Polizeiruf 110: Angst - Fernsehfilm Deutschland 2001 (21.11.2019, 22:00)Will nicht die "verbitterte" oder "verrückte" Alte spielen: Die Schauspielerin Nina Petri (links)

Nur die Hälfte der Absolventinnen arbeitet im Beruf

Die Faktenlage ist auf der Webseite von Pro Quote Film am Beispiel des ARD-Tatorts anschaulich sichtbar gemacht. Untersucht wurden 22 Sonntagskrimis, die im ersten Halbjahr 2019 ausgestrahlt wurden: Der Frauenanteil des Hauptcasts, also der Darstellerinnen, ist leicht angestiegen auf 39,4 Prozent (Vorjahr 37), ebenso stieg der Regisseurinnen-Anteil von 19 auf 22,7 Prozent.

Doch in vielen anderen Gewerken sank der Frauenanteil gegen Null: Nur eine einzige Filmkomponistin trat in Erscheinung und beim Ton gab es ausschließlich Männer. Einzig im Schnitt dominieren Frauen.

Nur die Hälfte aller Frauen, die an Filmhochschulen ihren Abschluss machen, arbeiten später in ihrem Beruf. Bei Regisseurinnen sind es sogar nur 20 Prozent.

"Wir tauchen in der Filmgeschichte also einfach nicht auf"

Auch der Berlinale, die sich vor drei Jahren in einer Absichtserklärung unter Dieter Kosslick eigentlich diverser aufstellen wollte, stellt Barbara Teufel für dieses Jahr ein Armutszeugnis aus: "Diese Unterschrift war das Papier nicht wert, auf dem sie stand", sagt sie.

Der Wettbewerb, in dem 15 Filme gezeigt wurden, enthielt nur drei Beiträge unter weiblicher Regie. Bei diesen 20 Prozent "dümpele" der Wettbewerb seit eh und je, so Teufel. In der Sektion "Retrospektive" habe sich dieses Jahr sogar kein einziger Film unter weiblicher Regie gefunden. "Wir tauchen in der Filmgeschichte also einfach nicht auf", beklagt die Regisseurin. Der Weg zur Gleichberechtigung scheint im Film noch sehr lang.

Sendung: Inforadio, 08.03.2021, 16:55 Uhr

Beitrag von Magdalena Bienert

5 Kommentare

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  1. 5.

    Es gibt einfach auch mehr Cutterinnen, daher sind sie mehr vertreten. Bei Regisseurinnen ist es umgekehrt. Die Quote / Statistiken sollten fairerweise auch beinhalten, dass die Anzahl der praktizierenden Regisseurinnen weit geringer ist, als die der Männer. Das gilt auch für viele andere Berufe in der Szene. Daher: Gleichberechtigung ist wichtig! Prozentuale Verteilung muss sich jedoch an den tatsächlichen Zahlen orientieren.

  2. 4.

    Ein gutes Beispiel gibt auch der rbb ab.
    Die Moderation in Radio und in TV ist überwiegend weiblich besetzt und selbst die jüngeren männlichen Parts gendern mittlerweile brav und zeitgeistkonform.

  3. 3.

    Beim Ton dominieren die Frauen? Ein Skandal, wie ich finde. Wir sollten sofort eine verpflichtende Männerquote einführen! (/ironieoff)

  4. 2.

    Wer hält die Frauen davon ab, Filme zu produzieren und dabei jegliche Positionen im Team zu besetzen? Niemand außer sie selbst. Und wenn sie nicht wollen, oder es eben auch nicht können, ist es ja auch in Ordnung. Nur, was soll dann das permanente Gejammer? Es gilt der alte Spruch: Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie aber selbst. Und an steuersubventionierten Tränken fehlt es nun absolut nicht.

  5. 1.

    Irgendwie empfinde ich die Realität im öffentlich rechtlichen Fernsehen anders, mal am Beispiel der deutschen TV-Krimiserien belegt.
    Die Tatort- und Polizeiruf 110-Ermittlerteams sind derzeit ausgeglichen mit Frauen oder Männern besetzt.
    https://www.daserste.de/unterhaltung/krimi/tatort/kommissare/tatort-filter-aktuelle-kommissare-100.html
    https://www.daserste.de/unterhaltung/krimi/polizeiruf-110/ermittler/polizeiruf-110-filter-aktuelle-ermittler-100.html
    Des weiteren sind als leitende Ermittlerinnen unterwegs in:
    Die Chefin, Helen Dorn, Marie Brand, Kommissarin Lucas, Usedom-Krimi ... u.s.w.
    Fast alle anderen Krimis haben mindestens eine gleichwertig ermittelnde Frau im Team.

    Das was da Frau Petri von sich gibt, empfinde ich als Jammern auf hohem Niveau, bzw. Ärger darüber, keine dieser begehrten Serienrollen abbekommen zu haben.

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