Wolfgang Kohlhaase, Drehbuchautor, sitzt während eines Gespräches mir der Deutschen Presse-Agentur in seinem Garten. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Audio: rbbKultur | 13.03.2021 | Interview mit Andreas Dresen: Frank Meyer | Bild: dpa-Zentralbild

Interview | Andreas Dresen über Wolfgang Kohlhaase - "Ein Meister der Zwischentöne und der Genauigkeit"

30 Jahre trennen Regissseur Andreas Dresen und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase. Aber es verbinden sie mehrere gemeinsame Filme. Im Interview zu Kohlhaases 90. Geburtstag spricht Dresen über dessen besondere Qualitäten - und sagt, was für ihn "Wolfgang-Satz" ist.

Wolfgang Kohlhaase gehört zu den bekanntesten Drehbuchautoren der DEFA und hat auch nach der deutschen Wiedervereinigung viele Erfolge gefeiert. Für "Die Stille nach dem Schuss" (Regie: Volker Schlöndorff) erhielt er im Jahr 2000 den Europäischen Filmpreis, für "Sommer vorm Balkon" (Regie: Andreas Dresen) 2005 den Preis des Internationalen Filmfestivals von San Sebastián. Mehr als 30 große Filme hat Wolfgang Kohlhaase geschrieben, nun wird er 90 Jahre alt.

rbb: Herr Dresen, was wünschen Sie Wolfgang Kohlhaase zum 90. Geburtstag?

Andreas Dresen: Auf jeden Fall wünsche ich ihm, dass er einen schönen Tag hat und im Kreise seiner Lieben auch unter Lockdown-Bedingungen ein bisschen feiern kann. Und natürlich, dass er jetzt auch dreistellig wird, also die 100 voll macht, und bitte in den verbleibenden Jahren bis dahin noch ein paar schöne Filme schreibt. Das fände ich besonders toll. Nicht nur aus Eigennutz, sondern auch im Sinne des Publikums.

Sie würden wieder zugreifen, wenn ein Drehbuch von Herrn Kohlhaase kommt?

Klar doch. Das ist nun einer, der wirklich großen Meister seines Fachs. Ich bin mit seinen Filmen aufgewachsen. Ich war noch ein Kind, als ich die ersten Filme gesehen habe, die Wolfgang Kohlhaase geschrieben hat. Ganz prägend für mich und sicherlich für viele aus meiner Generation war "Solo Sunny". Da war schon der Name unter DDR-Bedingungen eine gewisse Provokation. In einem Staat, der so viel auf das Kollektiv gesetzt hat, ein Solo zu verlangen, das war schon was. Und das war natürlich etwas, das viele Menschen bewegt hat, damals im Osten.

Was macht ihn denn aus Ihrer Sicht zu einem Meister als Drehbuchautor?

Er ist ein Meister der Zwischentöne und ein Meister in der Genauigkeit, was die Dialoge betrifft. Wenn man seine Drehbücher liest, ist das eine sehr verkürzte, knappe, man könnte auch sagen, sehr lakonische Sprache. Die Figuren schütten einander nicht sofort ihr Herz aus, sondern man hat eher das Gefühl, die verstecken was voreinander, sie zeigen ihre Verletzlichkeit nicht so. Wenn man dann aber den Dingen nachspürt, merkt man, dass zwischen den Zeilen ganz viel liegt: verschüchterte Träume, Illusionen, Hoffnung. Und natürlich auch ganz viel teilweise wunderschöner Humor.

Das kommt auch dadurch, dass er so genau auf den Alltag der Leute schaut und ihn beschreibt.

Natürlich schaut er den Leuten auf den Mund und blickt in ihren Alltag. Und er ist auch bei den einfachen Leuten zu Hause. Das kann man in "Sommer vorm Balkon" sehr gut sehen, wo eine Altenpflegerin und eine arbeitslose Frau die Hauptfiguren sind. Aber auch bei "Solo Sunny", wo die Hauptfigur in einem Betrieb arbeitet, mit Arbeitern zu tun hat. Es gibt immer eine große Nähe zu den sogenannten einfachen Menschen, denn sie sind die Mehrheit in diesem Land. Es ist wichtig, da genau hinzuschauen. Und das macht Wolfgang bravourös.

Der Poet des Alltags und der lakonischen Dialoge wird 90

Sein Humor ist eher leise, laut wird das nie, wenn man sich an seine Filme erinnert.

Das ist ein Humor, der aus den lakonischen Zwischentönen kommt und aus einem bestimmten Witz, dass sich die Figuren vielleicht überschätzen. Ich erinnere nur an den wunderbaren Taxifahrer Harry in "Solo Sunny", der dazu einen schönen Spruch abdrückt: "Mensch Sunny, bei der Kohle, die ich verdiene, kann ich doch nicht doof sein." Oder Sunny, die ihren Liebhaber nach einer nicht so gelungenen Nacht rausschmeißt und sagt: "Ist ohne Frühstück, ist auch ohne Diskussion". Das sind diese klassischen Wolfgang-Sätze. Davon gibt es ganz viele.

Wann haben Sie eigentlich die Zusammenarbeit mit ihm angefangen, also was war Ihr erster gemeinsamer Film?

Wir sind ja aus unterschiedlichen Generationen. Ich bin über 30 Jahre jünger als er. Ich habe immer wirklich sehr bewundernd zu ihm aufgeschaut, weil ich seine Filme kannte und liebte. Und dann waren wir gemeinsam in den 1990er Jahren in der Akademie der Künste in Berlin und sind uns dort von Zeit zu Zeit begegnet. Wie man das so macht: Man redet miteinander, sagt, durchaus ernst gemeint, aber doch auch in unverbindliche Art: Ach man würde gerne mal was miteinander machen. Und irgendwann schickte er mir tatsächlich, das war 2004, einen Umschlag mit 30 Seiten. Das war "Sommer vorm Balkon". Man kann sich kaum schönere Post wünschen. Seither haben wir drei Filme miteinander gemacht. Und ich wünsche mir natürlich sehr, dass es mehr werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Andreas Dresen sprach Frank Meyer für rbbKultur.

Dieser Beitrag ist eine bearbeitete und gekürzte Version. Das Originalinterview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherfoto nachhören.

Sendung: rbbKultur, 13.03.2021, 10:00 Uhr

2 Kommentare

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  1. 1.

    " Drehbuchautor Wolfgang Kohlhasse. "

    kleiner Tippfehler

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