Interview | Autor Tomasz Jedrowski über Polen - "In jedem Land wird um Anerkennung gekämpft"

LGBTQ+ Bewegung in Polen (Quelle: dpa/Piotr Lapinski)
Bild: dpa/Piotr Lapinski

Der Roman "Im Wasser sind wir schwerelos" von Tomasz Jedrowski erzählt von der Liebe zweier Männer im sozialistischen Polen der 1980er Jahre. Im Interview erzählt er, welche Parallelen zum Polen der heutigen Zeit er in seinem Roman sieht.

rbb|24: Herr Jedrowski, Ihre Muttersprachen sind Deutsch und Polnisch, wieso haben Sie sich dazu entschieden, Ihr erstes Buch auf Englisch zu verfassen?

Tomasz Jedrowski: Das war keine bewusste Entscheidung, es erschien mir einfach natürlich. Ich bin mit 16 Jahren nach England, zuerst ins Internat und anschließend an die Universität. In England bin ich also reif geworden und habe meine eigene Identität auf Englisch gefunden. Deshalb konnte ich mich in der englischen Sprache besser ausdrücken und war dem Deutschen und Polnischen zu fern, um das Buch in diesen Sprachen zu verfassen.

Wie fühlt es sich an, das selbst verfasste Buch in einer Übersetzung zu lesen, die man zwar versteht, aber nicht selbst geschrieben hat?

Ich war bei der polnischen Version zwar nicht der Übersetzer, aber ich habe daran mitgearbeitet. Rückblickend betrachtet war das viel zu intensiv. Es war eine komische Erfahrung, die eigenen Wörter zu lesen, die nicht wirklich meine eigenen Wörter waren. Übersetzungen sind ja auch immer Interpretationen und es gab einige Stellen, die ich im Englischen ganz anders gemeint habe. Es war aber dennoch eine gute Erfahrung, weil ich dabei gelernt habe loszulassen. Die meisten Schriftsteller werden ihre Übersetzung nie lesen – es kommt wohl andauernd vor, dass darin etwas anders geschrieben steht, als es der oder die Autor*in gemeint hat.

Sie haben Jura in England studiert und waren in der Modewelt tätig, wieso haben Sie sich dazu entschieden, ein Buch zu schreiben?

Ich habe in London als Anwalt gearbeitet und habe gemerkt, dass mein Leben in die falsche Richtung ging. Ich war unglücklich und habe angefangen, an Depressionen zu leiden. Irgendwann bin ich in Therapie gegangen und hatte dort mein zweites Coming Out – als Schriftsteller.

Wieso war es schwer für Sie, sich einzugestehen, dass Sie als Schriftsteller arbeiten wollen?

Wir leben in einer Gesellschaft, die für echte Kreativität toxisch ist. Wenn wir Kinder sind, malen wir alle gerne, sind kreativ – viele Kinder werden aber entmutigt. Kreation ist also oft entweder Karriere oder kindisch. Dabei bleibt wenig Platz für Freiheit und Experimentieren. Außerdem bin ich ein Kind von Migrant*innen. Meine Eltern kämpften mit existenziellen Probleme und hatten den Traum, dass es mir später besser gehen wird. Die Entscheidung für einen Job, bei dem nicht klar ist, wie ich mein Leben finanziere, war deshalb nicht leicht für mich.

Wie sind Sie bei der Recherche für das Buch vorgegangen?

Die Inspiration für die Geschichte war ein Freund meines Vaters, mit dem ich mich unterbewusst schon früh identifiziert habe. Meine Eltern haben mir immer erzählt, dass er schon damals offen schwul lebte. In Warschau habe ich mich dann mit ihm auf einen Kaffee getroffen und dabei festgestellt, dass er gar nicht die Person ist, die ich mir vorgestellt habe. Es war aber trotzdem interessant, weil er mich auf eine Weise inspiriert hat, die so gar nicht gewollt war. Während ich am Buch geschrieben habe, bin ich nach Warschau gezogen und habe viel über die sozialistische Zeit Polens gelesen. So konnte ich mich besser in die Geschichte und die Umstände hineinversetzen.

Das Buch "Giovannis Zimmer" von James Baldwin (Anm.: Der Roman aus dem Jahr 1956 handelt von einem jungen Amerikaner in Paris, der seine gleichgeschlechtliche Liebe verleugnet, was am Ende eine Tragödie mitverschuldet.) spielt eine entscheidende Rolle in Ihrem Roman, welche Rolle spielt das Buch in Ihrem Leben?

Ich habe das Buch nach meinem Studium entdeckt und es hat mein Leben verändert. Bis dahin wusste ich nicht, dass Literatur zu so etwas fähig ist. Das Buch hat viel in mir verändert. Damals war ich 23 Jahre alt, hatte meinen ersten festen Freund und brauchte den Schmerz des Buches. Es war ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich Teil einer Linie schwuler Geschichte bin und dass diese Männer all diese Erfahrungen schon früher gemacht haben. Ich habe mich so gefühlt, als würde ich zu einem alternativen Club gehören, von dem ich bis dahin nichts wusste.

Wie waren die Reaktionen in Polen auf Ihr Buch?

Ich hatte vor der Veröffentlichung Angst, habe dann aber gemerkt, dass Polen ein geteiltes Land ist – auch wenn ich das schon vorher wusste. Der Teil des Landes, der das Buch lesen wollte, hat positiv reagiert und der andere Teil hat die Veröffentlichung ignoriert. Ich hatte vor der Corona-Krise noch die Möglichkeit mein Buch in Warschau vorzustellen. Die Besucher*innen der Veranstaltung waren vielfältig und interessiert und es fühlte sich nicht radikal an, ein queeres Buch vorzustellen. Das war eine Erleichterung.

Sie haben sieben Jahre an Ihrem Buch geschrieben, während sich die politische Lage für queere Menschen in Polen verschlechtert hat. Wie hat Sie das beim Schreibprozess beeinflusst?

Ich war bereits fertig mit dem Schreiben, als das Thema in den Mainstream-Medien behandelt wurde. Ich bin mir aber nicht sicher, ob sich die Situation von queeren Menschen wirklich verschlechtert hat. Früher hat sich einfach niemand getraut Hand in Hand durch die Stadt zu laufen, deshalb wurde auch kaum jemand verprügelt. Viele queere Menschen trauen sich aber mittlerweile mehr oder kämpfen um wirkliche Gleichberechtigung, sind also sichtbarer, und stoßen dabei auf Widerstand. Klar, es wäre zwar schöner, wenn all das ohne Kampf möglich wäre, aber in jedem Land wird auf irgendeine Weise um Anerkennung gekämpft.

Wie haben Sie das Leben in Warschau als schwuler Mann wahrgenommen?

Ich hatte zwar keine Probleme, habe aber auch mit kaum jemandem über meine Homosexualität gesprochen. Während meiner Zeit in Polen habe ich gemerkt, dass ich mich zensiere und immer eher von einem statt von meinem Freund gesprochen habe. Mein Partner und ich wären in Warschau definitiv nicht Hand in Hand auf der Straße gelaufen.

Inwiefern ist die Situation der schwulen Männer aus Ihrem Roman vergleichbar mit der aktuellen Lage für queere Menschen in Polen?

Ich glaube, die Handlung meines Romans, abgesehen von der politischen Erpressung, könnte auch heute so in Polen stattfinden. In Deutschland enttäuscht man mittlerweile im schlimmsten Falle jemanden mit einem Coming Out, in Polen hingegen fürchten sich Menschen davor, ihren Job zu verlieren oder ausgestoßen zu werden. Ich schätze aber, dass Geschichten wie diese noch überall stattfinden – auch innerhalb der westlichen Welt.

Woran arbeiten Sie aktuell und gibt es schon Pläne, Ihr Buch zu verfilmen?

Ich arbeite seit ein paar Jahren an meinem zweiten Buch, das ganz anders als mein Debütroman wird. Pläne zur Verfilmung von "Im Wasser sind wir schwerelos" werden derzeit geschmiedet, aber es ist noch nichts bestätigt. Ich freue mich darauf, was kommt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Steven Meyer.

1 Kommentar

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  1. 1.

    Sehr gelungenes Interview. Danke an Steven Mayer und natürlich den Autor des Romans Tomasz Jedrowski für seine sehr klaren Worte. Als ich James Baldwins „Giovannis Zimmer“ las, verschlang ich diesen Roman förmlich. Aber mein Lieblingsroman von ihm ist“ Sag mir, wie lange ist der Zug schon fort“. Ihr Buch Lieber Tomasz ist vorgemerkt und ich werde es mit Sicherheit auch lesen.

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