Klaus Hoffmann, Liedermacher, fotografiert bei seinem Auftritt auf der Bühne der Stiftung Schloss Neuhardenberg. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Audio: Inforadio | 26.03.2021 | Interview mit Klaus Hoffmann | Bild: dpa/Patrick Pleul

Interview | Sänger Klaus Hoffmann wird 70 - "Die Musik war und ist für mich ein Lebensretter"

Die Gitarre sei seine erste Geliebte gewesen , sagt Klaus Hoffmann. Der Berliner wurde dann Sänger, Schauspieler und Autor. Am Freitag feiert er seinen 70. Geburtstag. Im Interview spricht er über Weggefährten, seine Heimatstadt und Fernweh.

rbb: Herr Hoffmann, wie fühlt sich das denn an, 70?!

Klaus Hoffmann: Immer wieder denke ich dran, dass auch ich sterblich bin und das ist der Hintergedanke. Die Reise ist irgendwann zu Ende und die 70 nähert sich dem. Was soll man dazu sagen? Sonst bin ich ein Kindskopf, bin mit mir unterwegs und habe mich an mich gewöhnt.

Ist der Berliner Junge mit der Gitarre jetzt gereift oder gar weise geworden?

Blöderweise bin ich auch klüger geworden. Das meine ich auch nicht nur kokett. Ich versuche ja immer, in den Zustand meiner ersten Lieder zu kommen, diese Werke, die ich eine zeitlang überhaupt nicht mehr mochte, weil ich dachte, die sind nicht klug genug, sekundär genug, oder tröstend genug.

Was kann ein Sänger noch? Belehrend sein, in der Zeit der 60er aufgewachsen. Und heute muss ich sagen: Ich versuche immer wieder dahin zu kommen, diesen blanken Spiegel zu erreichen, wo ich das aus dem Lamäng machte, gar nicht wusste, wie mir geschah, auf dem Klo in so einer kleinen Siedlungswohnung, BVG-Wohnung. Ich habe heute noch an meinen Stiefvater gedacht. Er war einfach ein Supertyp. Er hat mich gesehen, hat diesen schweren BVG-Bus gefahren und der stand nie in den Gesprächen vorne.

Sie sagen ja gerne: Sie "sehen" jemanden. Also Sehen gleich Erkennen. Der hat Sie auch gesehen, erkannt und das Talent gesehen?

Also, das Talent sehen wir ja, im Plural, immer. Mehr oder weniger. Und im Theater, die Leute, die da sitzen, sehen ziemlich viel, blöderweise. Also der Gaukler muss sich davon trennen, obwohl er sich nichts sehnlicher gewünscht hat. Menschen in meinem Leben haben Dinge gesehen, die ich nicht sah. Bei meiner Mutter musste ich immer sagen, sie hat Sachen gesehen, die ich nicht sah, aber sie sagte auch 'Du bist nicht erziehbar'. Das fand ich ganz toll.

Die ersten gaben mir die Gitarre für 220 Mark in irgendeinem Gitarrenladen und das waren Rituale, die ganz wichtig sind. Und dazu musst Du gucken können und dazu musst Du begreifen können, damit dieser eigenartige Beruf mit 16 anfängt. Mit 16 beginnt es, man beginnt zu denken und redet Unsinn. Im Grunde bin ich jetzt mit 70 auch wieder in dieser Situation.

Sie sind in den damals legendären Clubs aufgetreten, im Go-In, im Folk Pub. Wie wichtig waren Weggefährten wie Hannes Wader oder Reinhard Mey - der ist ja bis heute ein guter Freund.

Hannes Wader war mein großes – auch von der Körpergröße her – Vorbild. Aber er hat mich oft nicht gesehen. Ich schleppte ihm, ich war so einer, wenn ich bedingungslos liebe, die Gitarre ins Reichskabarett. Das hat er später verneint, weil er nicht bemerkt hat, dass ich dabei war.

Er war einfach so groß, der sah über uns hinweg. Aber ich saß mit ihm, insofern wichtig, im Go-In auf der Treppe und ich war der, der die dritte Strophe von dem Lied '…zwischen Kartoffeln und Blumenkohl fühl ich mich nicht mehr wohl' schrieb. Hannes, ganz wichtig. Reinhard, ganz wichtig. Die kamen von Frankreich, von Brassens, frankophil. Der kam, sang und trank noch ein Bier und kassierte die 15 Mark, die wir damals verdienten.

Diese Menschen, und Reinhard natürlich sehr viel mehr, haben meinen Weg bestimmt, aber ich, der Rebell der Rebellen, war dagegen mit dieser ganzen Liedermacherpose bis hin zu Menschen, die ich natürlich auch liebte. Aber mir war das zu wenig pathetisch, dann waren mir die Gesten zu klein und dann fingen meine Fehler an und wir landeten wieder beim Lied. Wir landen immer wieder beim Lied, beim Singer-Songwriter. Wir landen bei Dylan, wir landen bei Brel und wir landen sogar bei Degenhardt, den man, glaube ich, hier vergessen hat.

Reinhard Mey ist etwas älter als Sie, steht noch auf der Bühne. Gibt es eigentlich andere so genannte Liedermacher, die Vorbilder für Sie im Alter sind, also das heißt, die mit 70 Plus auch noch auf der Bühne stehen?

Kris Kristofferson wollte ich sehen, Barbara Streisand ist eine Frau, die schreibt nicht, hat aber ein wunderbares Autorenteam, die Bergmanns. Ja, jetzt ist Aznavour gestorben, mit 92. Moustaki ist verstorben. Die älteren habe ich mir genommen, wohl stellvertretend für meine wunderbaren Regisseure, die mir ja den Vater ersetzten und da hörte es dann auf, weil die Drehbücher wurden beliebiger, der Junge hatte nur noch lange Haare und war sehr dünn… Ich trug eine Maske und war immer der Stichwortgeber für die Damen, die etwas älter waren. Ach, Chris Rea! Von daher war die Musik und ist die Musik ein Lebensretter!

Aber eigentlich hatten Sie sich mit Anfang 20 eher eine Filmkarriere vorgestellt? Die fing auch an, ging dann aber nicht mehr weiter.

Ich war noch in Hamburg und hatte ein tolles Angebot, den "Schönen Gigolo" mit Marlene Dietrich, ein Abschreibungsfilm, im Grunde. Und da hat Boy Gobert gesagt, der Junge bleibt hier, das kommt überhaupt nicht in Frage und so. Da musste ich mich entscheiden, dass ich den Sänger aber auch aus anderen Gründen brauchte.

Ich wollte mir einfach auf die Schliche kommen. Die Figur war mir erstmal wurscht, ist für mich heute noch nicht so wichtig. Ich wollte sehen, ob ich was zu sagen habe und fing an, mehr und mehr zu schreiben. Die Schreibe ist ganz wichtig in meinem Leben. Aber die Bühnenfigur, oder der Sänger, der Chansonnier, der da rausgeht, der Erzähler, der war mir sehr wichtig zu begreifen.

Dann hatte ich sehr großen Erfolg in einer kurzen Zeit. Ich war scheu und ich war, wie man als junger Mann ist, gesegnet von unglaublichen Lobhudeleien und das musste ich erstmal verdauen. Also habe ich gesagt: Der Sänger ist mir näher und habe den vornehmlich ausstaffiert. Aber die Drehbücher wurden auch immer schwieriger. Vielleicht habe ich Glück gehabt, brauchte nicht den nächsten Tatort-Kommissar spielen, jetzt nichts dagegen, aber…

Trotzdem, die Lust am Drehen und die Lust an der gespielten Geschichte ist für mich ganz oben. Für mich gehören die drei zusammen: der Sänger, der Schreiber und der Schauspieler. Es geht nicht ohne den. Und, mal sehen, ich lebe ja noch.

Hat eigentlich das höhere Alter Einfluss auf die Art und Weise wie Sie Musik machen und wie Sie Texte schreiben?

Du musst an sich immer rein, Du musst leidenschaftlich sein und musst immer wieder auch klagen und das gehört in diesen Sänger. Der Sänger ist eben ein Rufer und wenn Sie mich fragen: Wo sollte es denn immer hingehen?! Dann antworte ich jetzt mal getarnt durch eine Maske: Ich stehe mir heute näher als früher.

Was würden Sie als Höhepunkte Ihrer Karriere bezeichnen?

Ich muss immer noch sagen, auch ein bisschen neurotisch waren die Begegnungen mit diesen alten Herren bis hin zu Zadek. Die haben meine Platten gehört und das war so anrührend. Der hatte ja nun was anderes zu tun. Da hat er mich endlich irgendwann mal besetzt, oder besetzen wollen, und dann bin ich raus und habe gesagt: Das ist ein Irrtum, ich bin nicht mehr der. Und das haben wir auch gleich zusammen eingesehen und dann bin ich nachhause gegangen.

Die Höhepunkte waren ganz viele. Das ist manchmal ein goldener Wasserhahn im Bayerischen Hof, weil vorher Udo Jürgens in dieser Suite gepennt hat und ich bin 24 und soll einen Preis entgegen nehmen und gehe raus und sage vor lauter Verklemmtheit 'Danke'. Die dachten alle: Oh Mann, der Typ hat es ja faustdick hinter den Ohren. Nein, ich hatte keinen Text.

Ich bin davon so eingenommen gewesen, als Kind schon, dass dieser Junge so viel Glück hatte. Durch eine Schauspielschule alleine, das sind Höhepunkte. Vier Jahre, wir waren die, die den vierten Jahrgang an der Max-Reinhardt-Schule in Berlin eingeführt haben. Ein Stipendium zu bekommen von 410 Mark, da hin zu gehen, das Wesentliche im Leben zu lernen, nämlich reiten, fechten und deklamieren und sich streiten und dann eine Miete zu haben von 110 Mark hier im Charlottenburger Kiez. Das ist die größte Nummer, die in meinem Leben passiert ist, nach (der Reise nach) Afghanistan. Und da bin ich absolut dankbar. Trotz alledem, Geschichten wollen erzählt werden und wie heißt es: Erzähle immer die Geschichte, die Du kennst.

Eine wichtige Verortung in Ihrem Werk, eine Grundlage, ein Grundton, auch eine Grundstimmung ist ihre Heimatstadt Berlin. Das ist der Mikrokosmos mit maximaler Auswirkung auf Ihr Selbstverständnis?!

Ich sage doch nicht: Ich liebe Dich, Stadt und so. Und da hat mir Léo Ferré, das ist ein Chansonnier aus Paris, den ich auch noch kennenlernte, der hat mir beigebracht zu sagen: Du kannst eine Stadt benennen, ohne dass Du ihr in erster Linie sagst 'Ich liebe Dich'. Also den Widerspruch. Mehr konnte ich nicht sagen: 'Berlin, verkauf Dich nicht'. Das ist schon alles sehr schwierig, was ich da gesungen habe, weil, ich finde es auch toll. Das ist meine Stadt, ich bin ein Kind dieser Stadt. Ich bin der Einzige, der die Stadt richtig gesehen hat und in jedem Lied, was ich darüber gesungen habe, war ich der liebestrunkene widersprüchlich zu packende 'Ich renn auch vor Dir weg!'. Es war ja fast ein Mutterbild, was ich beschrieben habe. Und ich laufe bis nach sonstwo und komme immer wieder her.

Sie sind auch Chronist?

Ich bin Chronist, ich bin leider nicht wie Kästner, den ich jetzt wieder entdeckte, weil es einen dritten 'Fabian' gibt. Da habe ich mich damals schon angestellt, also ein wunderbarer Mann. Und wollen mir mal ins Jetzt gehen. Wir sind alles Gaukler, die davon leben, also Gaukler müssen essen! Da haben wir damals noch Geld schicken wollen nach München, damit Kästner in seinem Heim Kohle hat.

Ich bin sicher Chronist, aber nicht so gut. Ich schliddere an der Stadt vorbei. Je mehr ich darüber sagen soll, desto mehr sage ich nichts. Was willst du denn noch sagen? Wir sind eine Durchzug-Stadt. Wir sind auch die, die wieder was geworden sind, mit diesem ganzen Müll hier zurechtkommen. Fassbinder hätte das viel besser gemacht. Du musst ein Fremder sein, um über diese Stadt zu schreiben. Das ist so.

Gleichzeitig sind Ihre Lieder, Ihre Songs, auch sehr stark Fernweh-geprägt. Und Sie sind ja auch oft im Ausland gewesen und sind immer noch besonders gerne in Griechenland, um dann auch aus der Distanz wieder anders auf die Stadt gucken zu können. Was hat das mit dem Fernweh auf sich?

Na, das ist das romantische Bild: Draußen ist besser. Ich fand ja schon immer die Reise nach Italien aufregend. Ich bin ja so ein Europäer, der an sich hier bleiben kann. Paris, Rom, Berlin. Na ja, Berlin, ich kenn's. Aber Luxemburg? Brauche ich nicht, weil ich dort auftrete. Aber ich bin immer froh, wenn ich so einen Cappuccino da drüben trinke.

Fernweh. Ich muss raus, um zurück zu kommen. Das ist an sich alles. Je weiter weg, desto besser, oder desto näher. Man hat oft so eine Sehnsucht und dann kommt man zurück mit gebrochenen Flügeln, als wäre nichts geschehen. Das ist eine bittere Wahrheit. Aber es tut auch gut, wenn du weißt, was du verlassen hast.

Und außerdem: Immer wieder Liebeslieder. Unvergänglich. Die Liebe ist ja die eigentliche Triebkraft. Auf dem letzten Album war aber auch viel vom Gegenpol, vom Tod, die Rede?

Ich bin sowieso der Meinung, damals geprägt durch den frühen Tod meines Vaters und durch diese starke Mutter, oder schwache-starke Mutter, dass ich versuchte, da Platz zu finden zwischen diesen beiden. Das fiel mir schon sehr schwer und die Lieder haben mir geholfen. Manche Dinge kannst du eben nur in Liedern sagen. Also kein normaler Mensch sagt solche Sachen dem anderen, das wäre furchtbar.

Manche Sachen kann man eben wirklich nur vor 300 Leuten sagen. Dazu gehört man auf die Bühne. Deswegen kann ich das leichter singen, aber was das nun so ist, das ist sehr viel bei mir so dual. Ich muss immer mich abstoßen, damit ich dich wieder finde, ich brauche Distanz und rücke dann so symbiotisch nahe. Schnitzler könnte das besser beschreiben. Aber ich bin kein Psychogramm nur. Ich gebe mir Mühe zu verstehen, was ich meine. Zumal wir ja als deutsche Liedermacher das Problem haben, keine Baumwollfelder zur Verfügung zu haben, sondern wir müssen einfach mit dem Käse leben, den wir hier verzapfen. Das ist nun mal auch ein Stück weit Heinz Erhardt und Heinz Rühmann. Oder, wenn du Glück hast, noch 'Die Brücke' und Wicki. Aber es ist auch sehr viel Eigenes und das raus zu puhlen, ist glaube ich der Weg des Sängers.

Wie geht es jetzt weiter? Was sind die nächsten Projekte? Schwierige Frage in Corona-Zeiten, aber dennoch.

Also heute früh hatte ich ein Angebot von Kaiki, das ist eine kleine Insel in Griechenland, die sind alle geimpft! Da geht es schon mal los. Aber du brauchst acht Stunden von Athen mit dem Schiff. Das klingt alles verführerisch. Wenn wir das als Projekt einsacken können für den Mai und Juni wäre ich dabei. Was kommt dabei raus? Sitzen, schreiben, lesen. Lesen ist übrigens wunderbar, Kultur fängt beim Buch an. Essen. Dicker werden, wobei ich im Moment ganz froh bin, da wieder in den Rückwärtsgang geschaltet zu haben. Und: Wieder Wein trinken! Und auf das Meer glotzen und auf eine Antwort warten. Das wäre doch ein Projekt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Klaus Hoffmann führte Ute Büsing, Inforadio.

Der Text ist eine redigierte Version. Das Gespräch können Sie oben im Audio-Player nachhören.

Sendung: Inforadio, 26.03.2021, 07:55 Uhr

Nächster Artikel