Kat Válastur "Eye, Lash!" (Quelle: Ulrich Leitner)
Ulrich Leitner
Audio: Inforadio | 10.03.2021 | Lennart Garbes | Bild: Ulrich Leitner

Premierenkritik | Kat Válastur "Eye, Lash!" im HAU - Tanz-Thriller auf der Suche nach dem Selbst

Kat Válastur gilt als eine der aufregendsten Choreografinnen der Berliner Tanzszene. Dementsprechend war auch die digitale Premiere ihrer neuen Soloperformance "Eye, Lash!" am Dienstag eine spannende Angelegenheit. Von Lennart Garbes

Die ersten Minuten der von "Eye, Lash!" könnten idyllisch sein. Die Kamera fährt dicht vorbei an weiß-blauen Blumeninseln. Allerdings sind die Blumen, das einzig sichtbare in ansonsten kompletter Dunkelheit. Nur leicht gewellte Spiegelungen verraten, dass Teile der Dunkelheit Wasserflächen sind.

Zwischen den Blumeninseln, auf einer Formation von viereckigen grauen Kacheln, liegt Kat Válastur in einem grauen Anzug mit ausgeschnittenem Rücken. Sie sticht heraus gegen den unergründlich dunklen Vorder- und Hintergrund aus Raum und Wasser. Auf Kommando beginnt die Tänzerin zu atmen. Die Kamera zeigt Hände und Schultern, die sich zuckend vor und zurück bewegen.

Kat Válastur "Eye, Lash!" (Quelle: Ulrich Leitner)
Bild: Ulrich Leitner

Ein Körper, der sich langsam mit Leben füllt. Dazu zwitschern Vögel. Doch sie zwitschern etwas zu laut und zu dissonant und auch das Atmen der Tänzerin ist etwas zu abgehackt. Irgendwas stimmt nicht an dieser düsteren Idylle. Die Situation scheint jeden Moment kippen zu können.

Aus der Dunkelheit heraus beginnt die Protagonistin langsam Bewegungen zusammenzusetzen, erst kriechend durch das zentimetertiefe Wasser, dann sich aufrichtend. Aus Bewegungs- und Wortfragmenten entwickelt sich nach und nach eine Figur, die Aufrecht steht, nur um gleich wieder von einer unsichtbaren Kraft zu Boden geworfen zu werden. Die Figur ist angelehnt an die Tochter aus dem sowjetischen Science-Fiction-Film "Stalker", die telekinetische Fähigkeiten entwickelt, nachdem ihr die Zunge herausgeschnitten wird.

Für "Eye, Lash!" verkörpert Kat Válastur verschiedene weibliche Archetypen. Neben der Tochter mit übersinnlichen Fähigkeiten dienen auch noch die englische Neuntagekönigin Jane Grey, deren kurze Herrschaft mit ihrer Enthauptung endete, und die französische Mystikerin Marguerite Porete, die im Spätmittelalter ihre eigene Lehre zur Befreiung der Seele entwarf und dafür auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, als Vorbilder.

Kat Válastur "Eye, Lash!" (Quelle: Ulrich Leitner)
Bild: Ulrich Leitner

Válastur konstruiert diese Figuren jedoch nicht als Opfer. Aus Bewegungen, die wie fremdgesteuert wirken, werden selbstbewusste Posen der Stärke. Immer wieder werden Identitäten tänzerisch konstruiert und wieder dekonstruiert. Alles bleibt im Fluss. Válastur macht es möglich, der Metamorphose ihrer Figuren körperlich zuzusehen. Dafür ist es auch nicht entscheidend, ob man deren Hintergrundgeschichte kennt, oder nicht.

Es ist beeindruckend wie Tanzleistung, Musik, Bühnenbild und Lichtdesign von "Eye, Lash!" ineinandergreifen und immer wieder neue Momente der Spannung erzeugen. Zusätzlich sorgt auch die Kameraführung für Perspektivwechsel und Nahansichten, die live unmöglich wären, und auch die Spiegelungen im dunklen Wasser auf der Bühne noch einmal besonders zur Geltung bringen.

Die Digitalversion von Kat Válasturs neuem Tanzstück ist so ein großartiger Beleg dafür, wie mitreißend Kultur auch von zu Hause aus sein kann.

Sendung: Inforadio, 10.03.2021, 6:55 Uhr

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