Jasmin Ihraç während ihrer Tanzperformance "lieú" im Berliner HAU - Hebbel am Ufer (Bild: Harald Hoffmann)
Audio: Inforadio | 16.03.2021 | Jakob Bauer | Bild: Harald Hoffmann

Premierenkritik | Tanzperformance "liú" im Hebbel am Ufer - Vom aussichtslosen Kampf gegen das Universum

Um nichts weniger als den kleinen Menschen im großen Universum geht es in der neuen Tanzperformance von Jasmin İhraç, die Montag im HAU Premiere feierte. Trotz des abstrakten Themas gelingt der Berlinerin mit "liú" ein unmittelbar berührender Abend. Von Jakob Bauer

 

Eine Wand aus Nebel liegt schwer auf der Bühne. Mühelos tanzen Sternenlichter auf ihr umher, aber unter dieser Nebelwand, auf den Boden gedrückt, liegen drei Menschen. Angestrengt versuchen sie sich zu bewegen, sich aufzurichten, aber schneckengleich klebrig können sie nur über den Boden robben, erdrückt von den wuchtigen Klängen der Musik.

Es sind die ersten Minuten von "liú". Und auch als die Tänzer es schaffen, sich langsam aufzurichten, bleibt da ein seltsames Gefühl. Als die Gesichter hinter den weiten Kapuzenpullis endlich zu sehen sind, sind sie bedeckt mit Masken. Immer wieder werden die Tänzer von einer unsichtbaren Macht brutal zu Boden geworfen. Unangenehme Assoziationen werden da wach. An ein Virus, das seit einem Jahr auf der Welt wütet. An eine Gesellschaft, die immer und immer wieder versucht, mit dieser irrationalen Macht fertig zu werden und immer wieder scheitert, zurückgeworfen wird, ausgeliefert ist.

Und sie drehen sich immer noch

Diese irrationale Macht, die man sicher als Virus deuten kann, ist aber in der Performance von Jasmin İhraç nochmal viel größer angelegt. Ihr geht es um den Menschen an sich – der ja im kosmischen Sinne nicht unbedingt die erste Geige spielt, sondern nur ein winziges Element im unendlichen Universum ist. Diese Auslieferung und der Kampf des Menschen dagegen ziehen sich durch die Performance "liú". Unsere drei Tänzer kämpfen sich frei und bewegen sich von da an geschmeidiger, ohne Pause, in Drehbewegungen. Viele Szenen sind auf Beschleunigung aus, nehmen sachten Anlauf und kommen dann in Fahrt – und hören nicht mehr auf. Quasi die menschliche Antwort auf die Unendlichkeit des Universums.

Erotik vs. kosmische Kälte

Eigentlich, denkt man, ist eine Tanz-Performance die sich mit der Bewegung des Menschen beschäftigt nicht der große konzeptuelle Wurf. Aber Jasmin İhraç, die hier selbst tanzt, zusammen mit David Mendez und Abel Navarro, hat eine sehr klare und ansprechende Form gefunden, die es leicht macht, an das gesehene anzuknüpfen. Die Bühne als lebensfeindlicher, kalter Raum wird immer mehr vom Menschen erobert. Nach einer halben Stunde sind die absolut fantastischen elektronischen Klänge von der Musikerin RENU sogar Naturlauten gewichen, die Masken sind weg und wir sehen in glückliche Gesichter. Gesichter die in die Kamera flirten, Bewegungen, die Erotik ausstrahlen, es sind die menschlichsten Momente in dieser Performance.

Eine Szene aus der Tanzperformance "lieú" im Berliner HAU - Hebel am Ufer (Bild: Harald Hoffmann)Drei Menschen kauern während einer Szene aus der Tanzperformance auf dem Boden.

Das Alien in uns

Trotz Happy End im Mittelteil – am Ende der 50 Minuten müssen sich die Menschen wieder dem Chaos unterwerfen – es wird dunkler und aus den Körpern der menschlichen Individuen, die wir gerade kennengelernt haben, bricht mit aller Macht etwas Fremdartiges heraus. Alle drei landen wieder auf dem Boden. Versuchen von der Bühne zu robben. Aber das chaotische kalte Universum ist in ihnen drin – und es lässt sich nur kurzzeitig warme Menschlichkeit aufzwingen. Diese in den 50 Minuten von "liú" zu spüren ist allerdings ein Erlebnis, das nachhallt.

Sendung: Inforadio, 16.03.2021, 6.55 Uhr

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