"Boys don't dance" (Quelle: Eva Berten)
Audio: Inforadio | 16.04.2021 | Ute Büsing | Bild: Eva Berten

30. Kinder- und Jugendtheater Festival - Digitale Ausgabe von "Augenblick mal!" setzt auf Mit-Fühlen und Mit-Denken

Die Jubiläums-Ausgabe des Berliner Kinder- und Jugendtheater-Festivals "Augenblick mal!" muss ganz auf den digitalen Raum ausweichen. Doch die Macher haben trotzdem Wege gefunden, mit ihrem jungen Publikum in Kontakt zu treten. Von Ute Büsing

Für die zehn eingeladenen Inszenierungen des Berliner Jugendtheater-Festivals "Augenblick mal" (16. bis 21, April) geht es jetzt um digital optimiertes Spiel. Sie müssen sich auf das Video-Streaming vorbereiten, das oft live und zum Mitmachen stattfindet, wie bei "Fressen" von Henrike Iglesias, einer Performance-Gruppe. Darin geht es in einem Setting ähnlich der Fernseh-Koch-Shows um beliebte Gerichte und beleibte Menschen, um Schönheitsideale und wie gerade Jugendliche davon beeinflusst werden.

Die Performerinnen Marielle Schavan und Laura Naumann hoffen "dass wir jetzt in so schwierigen Zeiten einen Raum schaffen können, wo sich die Jugendlichen gesehen fühlen und wiedererkennen können!" Vielleicht entstünde sogar ein Dialog mit dem jugendlichen Publikum, der dann Teil der Show würde.

Corona bedingte veränderte Sicherungsbedingungen

Die Performerinnen von Henrike Iglesias nutzen die Technik des Berliner Jugendtheaters an der Parkaue zur Digitalisierung. Ursprünglich haben sie ihr Projekt in Koproduktion zwischen den Münchner Kammerspielen und dem Jungen Theater Basel realisiert. Sie freuen sich sehr über die erstmalige Teilnahme am renommierten Kinder- und Jugendtheaterfestival "Augenblick mal!", das im 30. Jahr besonders viele Kollektive aus der freien Szene eingeladen hat.

Das sei auch ein Effekt der von Corona diktierten veränderten Sichtungsbedingungen für die fünfköpfige Jury, die die meisten Produktion nur digital sehen konnte, sagt der Künstlerische Leiter Gerd Taube. Durch die Einsendung von Aufzeichnungen seien sehr viel mehr freie Theater dabei als zuvor. Gleichzeitig hätte die freie Szene allerdings in den vergangenen Jahren verstärkt "das junge Publikum für sich entdeckt", sagt Taube.

Neue Formate auf Augenhöhe

Gerd Taube macht seinen Job für das alle zwei Jahre stattfindende bundesweite Festival seit 22 Jahren. "Augenblick mal!" wird 30. Seither habe sich viel verändert im Kinder- und Jugendtheater, sagt auch Sebastian Mauksch, der das Kinderbuch "Fennymore oder wie man Dackel im Salzmantel macht" für das Berliner Ballhaus Ost als politikkritisches Mitmachspektakel für Kinder umsetzt.

Die Kinderbuchautorin Kirsten Reinhardt und er nennen ihren Videostream mit Klassen-Chat auch "Antidiktatorentheater". Mauksch sieht andere Erzählungen, andere Haltungen, politisch und performativ bei "Augenblick mal!" auf dem Vormarsch. Er erwartet durch die stärkere Teilnahme der freien Szene auch einen "Qualitätssprung" und "neue Formate, die Kinder und Jugendliche mehr auf Augenhöhe betrachten."

Klimakrise im Chat-Raum

Sebastian Mauksch leitete früher das Jugendtheater P 14 der Berliner Volksbühne. Als Spieler hat dort Arne Vogelgesang angefangen. Längst hat der sich mit seiner Gruppe Internil einen Namen gemacht mit ausgeklügelten, internetaffinen Produktionen zu Islamisten, Reichsbürgern und Trolls. Jetzt bereitet er seinen Klimakatastrophen-Monolog "Es ist zu spät" wieder auf, der für das Monolog-Festival des Berliner Theaterdiscounters entstanden ist.

Auch sein Stück war nicht von vornherein für Jugendliche konzipiert. Aber gerade die Klimakatastrophe sei ein Thema, das junge Menschen umtreibt, wie die "Fridays for Future"-Bewegung gezeigt habe, sagt Vogelgesang. Er fordert alle Zuschauer auf, sich am Chat zu beteiligen und die Kameras im Chat-Raum zu steuern.

Kinder- und Jugendtheater bleibt wichtig

Eingeladen wurden Stücke aus der ganzen Bundesrepublik, auch von jungen Staatstheatern aus Bremen, Düsseldorf und München. Über zusätzliche Foren, wie den digitalen Festival-Treffpunkt "Gathertown" und Nachgespräche etwa mit dem Grips-Kinderclub "Rakete Jetzt" soll die Bindung an das besonders unter Corona leidende junge Publikum verstärkt werden.

"Erstmals können wir Kindern und Jugendlichen im gesamten Bundesgebiet das Festival zugänglich machen", sagt Leiter Gerd Taube. "Wir haben keine Sekunde darüber nachgedacht, das Festival ausfallen zu lassen oder zu verschieben."

Eindeutiges Signal: Kinder- und Jugendtheater war, ist und bleibt wichtig. Gerade jetzt.

Sendung: Inforadio, 16.04.2021, 07:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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