Symbolbild: Herbert Groenemeyer redet bei der Abschlussveranstaltung der #alarmstuferot, Grossdemo, GER, Berlin, Innenstadt, 09.09.2020 (Quelle: dpa/Marcel Doerdner)
Audio: Inforadio | 12.04.2021 | Hendrik Schröder | Bild: dpa/Marcel Doerdner

Herbert Grönemeyer wird 65 - Knödelnd direkt ins Herz

Der wohl bekannteste und erfolgreichste deutsche Sänger wird am Montag 65 Jahre alt. Hendrik Schröder erinnert sich, wie er Herbert Grönemeyer erst albern fand und ihn schließlich nach einem Konzert in Brandenburg ins Herz schloss.

Meine ganze Kindheit und Jugend lang, ja bis ins Erwachsenenalter, fand ich Herbert Grönemeyer total lächerlich. Dieses Geknödel, das war meiner Ansicht nach Musik für alte Leute, diese mega seltsamen Texte, die Hälfte verstand ich nicht. Dann diese Zuckerei beim Singen und wenn man Interviews mit ihm aus Versehen hörte, dann waren die immer so staatstragend. Lindenberg war cool - aber Grönemeyer? Albern. So dachte ich meine gesamte musikalische Sozialisation über, bis haargenau zum 18. Juni 2004. Danach war alles anders.

Denn an diesem Tag spielte Herbert Grönemeyer ein unglaublich großes Konzert in Brandenburg auf dem Lausitzring. 55.000 Leute kamen - und ich war mittendrin. Der rbb hatte mich als jungen Nachwuchsreporter geschickt. Live-Reportagen sollte ich machen, eine Konzertkritik, das ganze Programm. Da sagt man als Newcomer nicht nein. Aber innerlich dachte ich: "Oh nää, Grönemeyer".

Nach Hause kommen

Also machte ich erst mal Interviews mit den Fans am Eingang, Frage: Was ist so toll an dem? Die Antworten waren schon die erste Überraschung. Wie sehr die Menschen Grönemeyer liebten, verehrten, respektierten, wie sehr seine Songs Begleiter und Teil des Lebens der Leute waren. Sie gingen da nicht hin, um unterhalten zu werden, sie kamen gewissermaßen nach Hause.

Kurz vor Konzertbeginn stand ich ziemlich dicht vor der Bühne und wusste nur: Der spielt lange und ich muss nachts noch nach Berlin. Na danke. Dann kam Grönemeyer original mit dem Hubschrauber eingeflogen, die Menge tobte und streckte die Hände gen Himmel. Kurz darauf stand er auf der Bühne und nach einer Handvoll Songs hing ich strahlend an seinen Lippen.

Klug, demütig, politisch

Was für ein Typ! Diese Kraft, diese Überzeugtheit, diese Wärme, diese Präsenz. Wie er seine Musik mit jeder Pore lebt. Wie er mit drei Sätzen und zwei Gesten 55.000 Leute gleichzeitig umarmen kann. Wie er schwitzend und japsend in seinem komischen Sakko über die Bühne pest, die Worte irgendwie noch ins Mikro bellt und dann in die Menge schaut und voller Rührung den endlosen Applaus entgegennimmt. Überragend. Oder wie Grönemeyer sagen würde: Klasse. Ganz Klasse.

Aber ein letzter Zweifel blieb. Ich habe das schon oft erlebt bei Bands, die man häufiger sieht: Es nutzt sich ab, Gesten verlieren an Kraft, man kennt die Rituale und lässt sich weniger leicht entzünden. Anders bei Herbert. Ich war seit dem Konzert auf dem Lausitzring bei fast jeder seiner Shows in Berlin. Waldbühne, Olympiastadion, Mercedes Benz Arena: Ich war da. Ich habe ihn ein paar Mal direkt erleben dürfen bei Interviews und Podiumsveranstaltungen. Und er war immer gleich. Genau so: Menschlich, warmherzig, klug, demütig, voller Kraft, voller Bock. Und, gerade in diesen Zeiten, immer klar politisch gegen den neurechten Sumpf positioniert. Alles Gute zum 65., Herbert.

Sendung: Inforadio, 12.04.2021, 08:55 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

10 Kommentare

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  1. 10.

    Hallo Heike, ich hab ihn vor über 20 Jahren auch mal in der Waldbühne erlebt. Eigentlich war ich nur meiner Freundin wegen hingegangen und hatte keine Lust. Und wurde dann mit einem tollen Konzert überrscht. Wir waren zwar vom Regen vollkommen durchweicht; es hat uns aber nicht interessiert.

  2. 9.

    Herzlichen Glückwunsch Herbert.
    Du bist und bleibst einer der Größten für mich....Danke für deine tolle Musik und danke für die super tollen Stunden in der Waldbühne.

  3. 8.

    Also ich hab ihn mögen gelernt, als ich ihn in der Drogerie Haltestelle Krumme Lanke traf, ich holte Fotos ab, er kaufte was Duftendes ;-) da steht er also, und ich denke "shit, der Typ da, der hat doch mit dir Abi gemacht... wie hieß der noch? Oder war es Konfi? Maaann.... " und dann, als ich draußen war und er auch, kam ich drauf - Herbert! Wo ich als Pöttler doch den Pulsschlag aus Stahl quasi sofort erkennen müsste ;-) aber er ist so... unauffällig gewesen :-)

    Danach war ich mal Waldbühne - toll - und mal Arena dingens (heißt jetzt anders) - ging so. Aber es war immer "der Weg" dahin, der schon spannend war: es liefen Leute zusammen, Himmel und Menschen, alle in so einer unglaublichen Stimmung, wie Weihnachten driving home for Christmas! Hach! Es war, als kenne man jeden persönlich, der neben einem ging, vorbeihuschte, stand. Es war... fast wie im Ruhrpott, dammals :-) ein Stück Heimat, in Berlin! *seufz*

    Herzlichen Glückwunsch, Herbert!

  4. 7.

    Herzlichen Glückwunsch Herbie, war sind dat für dolle Konzerte mit dir.

    Ich meine mich an ein Interview zu erinnern. In seinen Anfängen als Musiker sollte in einer Kneipe aufgetreten werden. Der Manager wollte es absagen, weil lediglich 10 Leute gekommen waren. Dies hat er kategorisch abgelehnt. Sinngemäß hat er wohl gesagt, dass sie selbst für nur einen Gast auftreten, denn dieser Gast ist gekommen, hat bezahlt und möchte sie sehen und hören. Auch ich gehöre zu den Menschen, die bei "Bochum" etwas falsch verstanden haben, wie viele verstand ich "Afrika", tatsächlich aber singt er "Glück auf".
    Manch einer mag seinen Musikwandel als Anpassung sehen, es soll aber auch Menschen geben, die im Laufe ihres Lebens Erfahrungen machen, daran wachsen und andere daran teilhaben lassen. Musiker setzen so etwas nunmal in ihren Texten um.

  5. 6.

    Wenn einer nach wie vor unangepasst ist, dann Herbert.
    Sein Gewissen ist sein Maßstab....

  6. 5.

    Letztendlich nur ein moralistischer Scheinheiligen, der für jeweiligen Positionen stimmt, wenn seinem Plattenverkauf hilft.
    Schade, Herbert, wie haste dir anjepasst.

  7. 4.

    @Falk
    dem stimme ich Ihnen zu. Damals war's und damals war sicherlich nicht immer alles besser. Damals konnten Künstler noch von den Tantiemen ihrer verkauften LP und CD reich werden. Und die Konzert Preise empfand man bei 100 DM schon als gesalzen und gepfeffert. Dann kam mp3 und die jüngere Generation pfiff auf Qualität und guten Ton. Ähnlich erging es dem Film. Alles umsonst haben wollen und gleichzeitig die besten Storys und Schauspieler.

    All diese ganze Musik und ihre Sänger/innen aus vergangenen Zeiten wird es so nie mehr geben.
    Grönemeyer war nie mein Fall, aber dies ist völlig unwichtig er gehört zu den vielen anderen die ganze Generationen geprägt haben mit ihrer Musik.
    Meinen Glückwunsch zum Jubiläum 65.

  8. 3.

    Alles schlägt um ab einer bestimmten Größe. Bei Heinz-Rudolf Kunze, den ich gleichauf mit Herbert Grönemeyer sehe und auch bei allen anderen.

    Mir geht es wie Ihnen: Live ist gut, doch ist das ab einem bestimmten Punkt, ab einer bestimmten Größe entbehrlich.

  9. 2.

    Dem kann ich mich nur anschließen. Die Eissporthalle( halb voll beim Super Konzert mit Bob Marley). Das alte Metropol( Talking Heads) Noch älter, das Quartier Latin. Und Jazz in The Garden in der Neuen Nationalgalerie. Alles noch zu vernünftigen Eintrittspreisen.

  10. 1.

    Schade, dass der Autor noch nicht sein "Ö" Konzert in der Waldbühne erleben konnte. Es war sensationell. 3 Stunden volle Möhre! Das war damals glaube ich ein zusätzliches Konzert zur erfolgreichen Tour. Selbst das "Luxus" Konzert in der Deutschlandhalle war noch der Knaller. Ich bin dann Konzerttechnisch ausgestiegen, als es in die Arenen und Stadien ging. Das gilt für alle Künstler. Das berührt mich nicht mehr. Was waren das auch für Zeiten bei Heinz Rudolf Kunze im alten Tempodrom. Auch hier 3 Stunden ehrliche Arbeit von Sänger und Band. Und das für um die 20 Mark. Und wir ganz vorne mitten im Pulk. Gut, dass man das alles noch mitgemacht hat. Heute würde man mich noch nichtmal gegen Bezahlung in so eine Menschenmenge quetschen können. Unabhängig von Corona.

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