Archiv: Das Andromeda Mega Express Orchestra (Quelle: image-images/Holger John)
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Audio: Inforadio | 27.04.2021 | Laf Überland | Bild: imago stock&people

Kosmostage-Festival - Per Anhalter durch irre Galaxien der Musik

Das Berliner Andromeda Mega Express Orchestra spielt auf dem "Kosmostage"-Festivals im Livestream. Ein Labor für musikalische Unwahrscheinlichkeiten, in dem Musiker auf hohem spieltechnischem Niveau unwiderstehliche Genre-Alchemie betreiben, findet Laf Überland.

Keine Genregrenze zu akzeptieren ist ein verbreiteter musikalischer Arbeitsansatz, seit die Postmoderne alles möglich machte. Aber alle Grenzen einfach über den Haufen zu spielen, ist doch schon eine Seltenheit - vor allem, wenn die Musik dann trotzdem Sinn ergibt!

Seit der Münchener Komponist, Arrangeur und Saxophonist David Glatzel es 2006 zusammentrommelte und -blies, ist das Andromega Mega Express Orchestra ein Labor für musikalische Unwahrscheinlichkeiten: zum Beispiel Hiphoptracks im Stile des großen Produzenten J. Dilla mit Bachschem Kontrapunkt zu verschmelzen, scheppernde Exotikbläser mit Minimal-Mustern und Fernsehkrimimusik mit Kindersynthesizern.

Improvisation, Discopunk, Afropunk, Schmusekitsch

Stets auf hohem spieltechnischem Niveau, kombinieren die Musiker Stakkato-Wände wie von der französischen Rockavantgarde der Achtziger, zeitgenössisches E-Musik-Gesirre und freie Improvisation, Discopunk und Afrofunk oder zeitgenössische Dissonanzen mit entschlacktem Fünfziger-Jahre-Schmusekitsch. Manchmal wird all das zu sprunghaften Collagen zusammengeschweißt, manchmal auch zu unwiderstehlichen Amalgamen aus Genre-Alchemie – zwischen intelligent auskomponierten Ekstasen und hochmusikalischem Gebrabbel aus Spielfreude.

Die meisten der achtzehn Musiker spielen mehrere Instrumente, und so kommt ein schillernd wechselhafter Big-Band-Sound zustande, der sich auch mal zu Kammermusik verschlankt oder zu Lounge-Grooves erleichtert: mit Saxophonen, Flöten, Keyboards und Streichern, E-Gitarren, Trommlern, Fummlern und Knöpfchendrehern – sogar Fagotte gibt es, Harfe und Zufallsgenerator, Vocoder und Mundharmonika. Ziemlich irre! Erst recht, wenn sie ein Album mit solch anspruchsvoller Musik – und wilden Weltraumfahrer-Comiczeichnungen auf dem Cover – dann auch mal schlicht "Bum Bum" nennen.

Kostenloser Stream ab 20 Uhr

Wie die Flötistin aus Nancy, die sonst moderne wie auch Alte Musik spielt, sind das allesamt umtriebige Musiker, in unterschiedlichsten Genres und Aktivitäten unterwegs. Wenn sie dann aber gelegentlich im Andromega Mega Express Orchestra zusammenkommen, dann klingt das so, als hätten sie voll Ungeduld darauf gewartet – so voller Energie und schlafwandlerischer Präzision wird dann gespielt!

Da das AMEO bei dieser vierten Ausgabe seines "Kosmostage"-Festivals aber kein Publikum zum Umblasen hat, fällt die Musik etwas zurückgelehnter aus: vorproduziert in acht rund 30-minütigen Videos, mit Unterstützung des Performance-Portals Berta.Berlin; auf dessen Videokanal sowie auf dem des Andromeda Orchesters wie auch dem des ursprünglichen Veranstalters Radialsystem werden die dann ab jeweils 20 Uhr auch kostenlos im Stream zu sehen sein: Am ersten Abend sprudeln die AMEO-typischen bunten Orchesterkompositionen, aber ab Mittwoch schwärmen die Musiker aus und lösen musikalische Aufgaben. Zum Beispiel, spielen sie irgendwie mit algorithmisch angetriggerten Synthesizer-Kolonnen zusammen. Ein eigens für die "Kosmostage IV" gebauter Sonograph – eine Ultraschalluntersuchungsmaschine also – dokumentiert die klanglichen und räumlichen Vorgänge.

Überraschung permanent zu erwarten

In der Rubrik Trance geht es dann weniger kirmesbunt zu, stattdessen kreiseln und kreiseln ein paar Musiker mit sämtlichen Klangmöglichkeiten ihrer Instrumente um einen Punkt, was den Hörer durchaus hypnotisch ins Musizieren hineinzieht. In einem weiteren Konzertstrang namens Pheromone Poetry spielen sie tschechische und alpenländische Folklore mit Freejazz-Stücken von Anthony Braxton und Werken des surrealistischen Komponisten Giacinto Scelsi.

Über sämtlichen Performances steht der Begriff der "Schwarmästhetik" – doch dass das Andromega Mega Express Orchestra jeglichen theoretischen Anspruch nicht allzu ernst nimmt, offenbart sich in der kuriosen Verballhornung des Festivalmottos: "Interstellar Waggle Crush" – wörtlich zu übersetzen gewissermaßen mit interstellarer Wackel-Schwarm“. Wobei dieser "Crush"-Schwarm aber in der modernen Internetkommunikation von "für etwas schwärmen" kommt.

Überraschung ist beim Auftritt des Ensembles permanent zu erwarten. Andromega Mega Express Orchestra: per Anhalter durch die Galaxien der Musik.

Sendung: Inforadio, 27.04.2021, 07.55 Uhr

Beitrag von Laf Überland

2 Kommentare

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  1. 2.

    Davon gehe ich doch schwer aus!
    Ich habe übrigens läuten hören, dass im Vorfeld des Hauptacts Prostetnic Vogon Jeltz einige seiner Gedichte lesen wird.

  2. 1.

    Gibt es da auch "Donnergurgler" ?

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