Alvin Baltrop“The Piers (man sitting on windowsill)”, n.d. (1975-1986)silver gelatin print (Quelle:
Bild: Alvin Baltrop/Galerie Buchholz

Ausstellungskritik | 17. Berliner Gallery Weekend - Die Entschlackung der Kunstbetrachtung

Auch dieses Jahr lässt sich das Berliner Gallery Weekend nicht kleinkriegen: In mehr als 40 Ausstellungen, die in den nächsten Tagen eröffnen, kann der vom inneren Lockdown ausgelaugte Kunstbetrachter neue Kraft schöpfen. Von Wilhelm Klotzek

"Es war bis zuletzt unklar, in welcher Form die diesjährige Veranstaltung stattfinden wird, wir wollten aber den Termin auf jeden Fall halten", sagt Maike Cruse, Direktorin des Berliner Gallery Weekends in der ersten digitalen Pressekonferenz in der siebzehnjährigen Geschichte des Galerienrundgangs.

49 Galerien eröffnen an diesem Wochenende ihre Ausstellungen. Altgediente Teilnehmer wie die Galerie Max Hetzler sind wieder dabei, es gibt aber auch einige junge vielversprechende Galerien wie Schiefe Zähne oder Noah Klink, die erstmals ihren Weg zur Plattform des Berliner Gallery Weekend gefunden haben.

Ausstellungsansicht: Sofia Hultén in der Galerie Daniel Marzona (Quelle: Galerie Daniel Marzona/Sofia Hultén)
Bild: Ausstellungsansicht: Sofia Hultén in der Galerie Daniel Marzona

Kunst doch eigentlich am besten live

Das digitale Begleitprogramm wurde in den letzten Monaten extrem ausgedehnt. Man findet auf der Webseite einen guten Einblick in die Berliner Galerienszene. Prominente Kunstkritiker wie Kito Nedo beschreiben zum Beispiel die Geschichte der Berliner Galerie Guido Baudach, an welcher sich auch die Geschichte und Entwicklung der Berliner Kunstszene nachzeichnen lässt. Sammler*innen geben Einblicke in ihre Sammlungen und erläutern in kurzen Interviews ihre Beweggründe.

Und während man sich in seiner Freizeit durchs mannigfaltige Angebot klickt und streamt und langsam aber sicher eins wird mit dem Bürostuhl, den man sich ins Home-Office geschleppt hat, sollte nicht vergessen werden, dass sich die Kunst doch eigentlich am besten live erleben lässt. Der aktuelle Inzidenzwert erlaubt es, durch das Click-and-Meet-Verfahren und einen negativen Schnelltest sich in die Gefilde der Kunst zu begeben.

Jeanshosen tanzen an Berliner Straßenpollern

In den Räumen eines umgebauten Hinterhauses in der Marienstraße zeigt die Galerie Daniel Marzona sehenswerte Skulpturen der in Brimingham aufgewachsenen Künstlerin Sofia Hultén. Durch Luft aufgetriebene, fast schon tanzende Batik-Jeanshosen zappeln befestigt an Berliner Strassenpollern. Die Künstlerin bringt hier ihre widersprüchlichen Erlebnisse der Skinhead-Jugendkultur im England der 1980er-Jahre auf humoristische Weise mit dem Upskirt-Phänomen zusammen.

Doch spätestens seit der Publikation zur "Pollerforschung" wissen wir, dass dieses Straßenmöbel für Reglementierung und Hinderung im öffentlichen Raum steht. So bietet die neue Serie von kinetischen Skulpturen unter dem Titel "Manly Rainy Moany" auch Raum für weitere Interpretationen bezüglich der aktuellen Ausgangssperre, unter der nicht zuletzt auch die Jugend ihre Bürde zu tragen hat.

Im Innenhof des Ausstellungsraums zeigt die Künstlerin entkleidete Dixi-Baustellenklos. "Offenlegung von Strukturen und Transparenz davon wird ja gerade viel geredet", sagt die Künstlerin. Sie selbst verarbeitet damit ihre familiären traumatische Erlebnisse der letzten Monate. Beim Betrachten der entstellten Baustellentoiletten kann man sich selbst an die Nase fassen, denn die offengelegten Strukturen könnten auch gut und gerne die eigenen blank liegenden Nerven sein.

Ausstellungsansicht: Mariela ScafatiSe aleja y se acerca (It moves away and it gets closer), 2021 (Quelle: PSM/Mariela Scafati)Ausstellungsansicht: Mariela Scafati in der Galerie PSM

Eintauchen ins kollektive Blau

Ihres Bausstellenkleids entledigt und ihre Strukturen offengelegt zeigt sich auch die Neue Nationalgalerie, die man aus den Fenstern durch die aufblühenden Baumwipfel im zweiten Stock der Ausstellungsräume der Galerie PSM am Tempelhofer Ufer erkennen kann. Die Galerie PSM richtet die erste Einzelausstellung der argentinischen Künstlerin Mariela Scafati in Europa aus. Die queere Künstlerin und Aktivistin der LGBTQI-Bewegung präsentiert unter anderem eine wunderbare kollektive Hängung monochromer Leinwände, welche mittels Flaschenzügen an der Decke des Ausstellungsraumes befestigt sind. Beim genauen Betrachten der monochromen Flächen im Gegenlicht offenbart sich dem Besucher der minutiös behutsame Farbauftrag und entfaltet eine tiefe Sogwirkung, so dass man in die kräftigen Blautöne nach oben hin eintauchen möchte.

In einem weiteren Raum befinden sich drei Selbstportraits, bestehend aus monochromen Leinwänden in verschiedenen Größen, die zu skulpturalen Figuren zusammengefügt sind. Von der Decke gehängt und mit Bondageseilen verschnürt, mit einem Halswürger an der Galeriewand befestigt oder schlicht mit einem blauen Pullover auf dem Boden sitzend, zeigt sich Mariela Scafati überzeugend selbstbewusst in ihrer Ausstellung mit dem Titel "19 cm closer".

Ausstellungsansicht Susan Philipsz in der Galerie Konrad Fischer (Quelle: Susan Philipsz/Galerie Konrad Fischer)Ausstellungsansicht: Susan Philipsz in der Galerie Konrad Fischer

Die klagenden Sirenen vom Umspannwerk

Im Gewand eines ehemaligen Umspannwerkes kommt der Klangkörper daher, den die schottische Künstlerin und Turnerpreisträgerin Susan Philipz geschaffen hat. Kunstbetrachter*innen mit Hang zu meditativen Choral-Gesängen werden hier entlohnt, sich in die umliegende Einöde von Berlins neuer Mitte begeben zu haben. Fast schon einem Konzert gleich, bespielt die Künstlerin den historischen Klinkerbau der Galerie Konrad Fischer mit ihrer Ausstellung unter dem Titel: "Slow Fresh Fount". Gespannt auf dem Boden sitzend kann man sich den abstrakten Gesängen hingeben, in denen Echo den Tod von Narziss beklagt. Das Gedicht "Slow Fresh Fount" des englischen Dichters Ben Jonson aus der Zeit der Renaissance erzählt diese Geschichte und dient Philipz als Ausgangspunkt für ihre Arbeit.

Die abwechselnd aus blechernen Silos oder in leere Blechfässer hinein abgespielten Tonspuren hallen wohl arrangiert durch das gesamte Gebäude. Man glaubt sich in den Fängen der klagenden Sirenen des ehemaligen Umspannwerkes zu befinden, so anziehend wirken die Gesänge, die Philipz für die Ausstellung konzipiert hat.

Hier offenbaren sich einem die wenigen positiven Seiten der Pandemie. Denn wo man sonst von klirrenden Champagnergläsern und unsensibel laut plappernden älteren Herrschaften in abgesteppten Jacken argwöhnisch beäugt wird, kann man sich fast allein der Kunst hingeben.

Alvin Baltrop“The Piers (exterior with four figures)”, n.d. (1975-1986)silver gelatin print (Quelle: Alvin Baltrop/Galerie Buchholz)Alvin Baltrop:“The Piers (exterior with four figures)”, n.d. (1975-1986)

Großartige Kompositionen aus Licht, Architektur und Körpern

Ein weiteres großartiges Konzert, jedoch im optischen Sinne, sind die Fotografien des 2004 verstorbenen Afroamerikaners Alvin Baltrop. Erstmalig werden über 80 der kleinformartigen Kompositionen aus Licht, morbider Architektur und Körpern gebannt auf Barytpapier in Berlin ausgestellt. Die fotografischen Einblicke belichten Szenerien, die der Fotograf in den brachliegenden New Yorker Piers der 1970er Jahre beobachtete. Durch diesen Ort des Verfalls streifte Baltrop als fotografischer Voyer und schuf behutsame Portraits von sich entkleidenen Männern die dort auf der Suche nach Sex waren, oder auch einfach nur zum Sonnenbaden sich in die abgewrackten Blecharchitekturen begaben.

Würde man nur von den Titeln der Fotografien ausgehen, man dächte an plastische Arbeiten von Bildhauern wie Marcks oder Kolbe. "The Piers (man leaning)" oder "The Piers (man sitting on windowsill)" stehen in Präzision und Empathie ihrer Beobachtung den Bildhauern in nichts nach.

Baltrop zeigt die Körper inmitten von zerschundenen Gebäuden, die kurz vor dem Abriss stehen. Die abgelichteten Architekturen sind aber auch Zeugnisse der verschwundenen industriellen Stadtlandschaft New Yorks, und es fällt nicht schwer zu verstehen, warum Sie gerade in Berlin gezeigt ihren Reiz ausmachen.

Zumindest als Kunstbetrachter*in hat man das Gefühl, dass das diesjährige Gallery Weekend eigentlich ganz gut auskommt ohne das ganze Tam Tam. Der Fokus rückt durch die Pandemie bedingte Entschlackung ganz auf die Kunst.

Mehr Informationen zum Gallery Weekend und zum Click-and-Meet-Verfahren finden Sie hier.

Beitrag von Wilhelm Klotzek

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