Fotoprobe Staatsoper Berlin "Le Nozze di Figaro" (Bild: Matthias Baus/ Staatsoper Berlin)
Audio: Inforadio | 02.04.2021 | Maria Ossowski | Bild: Matthias Baus/ Staatsoper Berlin

Premierenkritik | Oper "Le Nozze di Figaro" im Online-Stream - Stille statt Jubel - Mozarts Figaro an der Staatsoper Berlin

Anders als geplant nun doch ohne Publikum im Haus, dafür im Radio und per Stream: Mozarts Hit-Oper "Le Nozze di Figaro" hat an der Berliner Staatsoper eine ungewohnte Premiere gefeiert. Maria Ossowski war dabei zum Lachen und zum Weinen zumute.

Schön und schrecklich, witzig und traurig, fein und böse, Lachen und Weinen – all diese Widersprüche zeigt die Premiere dieser wohl tiefsinnigsten Komödie der Operngeschichte. Schön, unfassbar schön und kraftvoll sind die Stimmen, schön und romantisch mit großen Bögen spielt die Staatskapelle unter Daniel Barenboim. Schrecklich wirkt der leere Saal, diese Stille statt des Jubels, grauenvoll.

"Wo sind sie, die schönen Momente?"

Witzig und traurig, fein und böse ist die Inszenierung. Zum Lachen sind die herrlichen Verwechslungen von Mozarts genialem Librettisten da Ponte, den die Staatsoper besonders feiert. Und zum Weinen ist die Tatsache, dass die Künstler*innen sich umsonst gefreut hatten auf diesen Freitagabend, an dem ein Pilotprojekt umgesetzt werden sollte. Alle Gäste sollten vorab getestet werden, jeder zweite Sessel wäre frei geblieben. Die Vorstellung mit Publikum hatte das Haus Unter den Linden perfekt organisiert. Doch das Experiment fiel der nachgeschärften Berliner Corona-Verordnung zum Opfer.

Wo sind sie, die schönen Momente?, fragt die einzigartige Sopranistin Elsa Dreisig als Gräfin und meint die Liebe ihres Mannes, aber wer denkt da nicht an einen Abend in der Oper statt vor dem Bildschirm?

Aerobic und Muskelshirt - Lust im Loft

Die ganze Verwechslungsstory hat Regisseur Vincent Huguet, ein Schüler des großen Patrice Chéreau, konsequent in die 1980er Jahre verlegt, mit Aerobicworkout, Leopardmänteln, Discokugeln, aufgepolsterten Lederjackets, Petticoatröcken, Cowboystiefeln, viel Lila, Pink und Andy-Warhol-Postern. Ricardo Fassi als Figaro, outstanding brilliant, trägt Schnauzer, Miniplidauerwelle auf dem Oberkopf und Muskelshirt, er ist, wie alle Sängerinnen und Sänger dieser Produktion, nicht nur stimmlich, sondern auch körperlich topfit.

Mozarts Figaro passt in jede Zeit. In der neuen Staatsoperninszenierung wohnen die Bediensteten zweier steinreicher Loftbesitzer in deren Designerküche, der Graf will unbedingt mit Susanna ins Bett und die Gräfin will den Grafen zurück, sie ist aber auch entzückt vom bezaubernden Cherubino, in der Hosenrolle hinreißend Emily d‘Angelo. Nadine Sierra als Susanna mit Suzie Quatro-Frisur hält alle Fäden der Intrigen zusammen.

Kein Pardon für den Loser

Als großer Loser endet wie immer beim Figaro der Graf, hier sehr herrlich gesungen und gespielt vom ungarischen Bariton Gyula Orendt, der sich im nächtlichen Verkleidungsgetümmel aus Versehen in seine eigene Frau verliebt. Normalerweise verzeiht die Gräfin ihm, hier nicht. Sie hat den Kerl satt und wendet sich im Finale ab. Vier Akte, dreieinhalb Stunden Figaro: staunend, aber einsam hat die Rezensentin vor dem Computer gehockt und hätte so gern danach mit dem Publikum gejubelt. Hoffentlich irgendwann, hoffentlich bald, hoffentlich noch in diesem Jahr...

Sendung: Inforadio, 02.04.2021, 12:55 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

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