Trio Catch (Quelle: Presse/Lennard Rühle)
Audio: Inforadio | 20.04.2021 | Jakob Bauer | Bild: Lennard Rühle

Streamkritik | "Ohrknacker“ aus dem Berliner Radialsystem - Eine Millionen Pop-Songs in einer Komposition

Die Ohren öffnen für neue Klänge – das ist die Idee der Konzertreihe "Ohrknacker". Das Trio Catch spielt ein zeitgenössisches Musikstück gleich zwei Mal und erzählt dazwischen darüber. Bei der Ausgabe "sugarcoating #2" von Sara Glojnarić war Jakob Bauer hin- und hergerissen.

 

Zweimal hören – das ist bei Musik eigentlich immer eine gute Idee. Häufig spricht man ja auch von "Growern", also Kompositionen, die erst mit der Zeit wachsen. Das bietet sich auch an bei zeitgenössischer Musik. Die kann zwar vor allem auch live eine unmittelbare Wirkung entfalten, aber oft passiert hier so viel in so kurzer Zeit, dass das Nochmal-Hören sich wirklich lohnt. So auch bei "sugarcoating #2" von der 1990 geborenen Komponistin Sara Glojnarić.

Gespielt wird "sugarcoating #2" vom Trio Catch. Klavier, Cello und Klarinette machen von Anfang an keine Gefangenen. Es knallt im Sekundentakt. Nur wenige unterschiedliche Töne sind zu hören, dafür umso mehr gemeinsames Aufbäumen der Instrumente und ihrer Spielerinnen, die sehr schnell und mit sehr viel Luft- und Handeinsatz mal zu furchtbar schnellen Tonläufen ansetzen, die dann gerne mit Vollgas in perkussives, rhythmisches Trommelfeuer kippen.

Popmusik der letzten 60 Jahre: Immer lauter, immer komprimierter, immer redundanter

Das, was hier zu hören ist - auch wenn es vielleicht erstmal nicht daran erinnert - ist inspiriert von den Entwicklungen der Popmusik der letzten 60 Jahre. Sara Glojnarić hat dazu eine Studie ausgewertet, die über eine Milllion Popsongs untersucht hat. Es gäbe da drei Haupt-Tendenzen, erklärt die Cellistin Eva Boesch, nachdem das Trio Catch "sugarcoating #2" das erste Mal gespielt hat: Die Popmusik werde zunehmend lauter, sie sei immer stärker komprimiert und es wird zunehmend mit Wiederholungen gearbeitet. "Und Sara hat sich dann die Frage gestellt: Wie kann ich diese Tendenzen auf meine Musik übertragen?"

Die Grundlage der Musik von Glojnarić sind diese aus dem Pop heraus abgeleiteten Strukturen: Extreme Dynamikschwankungen hin zum immer Lauteren, fette Flächen und rhythmisches Pochen auf dem präparierten Klavier der Pianistin Sun-Young Nam und viele, viele Wiederholungen. Wenn man so will, treibt Glojnarić diese Entwicklungen der Popmusik auf die Spitze, packt das Struktur-, Harmonie und Melodie-Kondensat aus diesen Millionen-Songs in eine Komposition.

Das Konzept ist schlüssig - die Verwandtschaft zur Popmusik bleibt aber auf einer Meta-Ebene und überträgt sich wenig akustisch-ästhetisch erfahrbar. Die Mittel verlieren mit der Zeit an Wirkung, auch wenn die Idee interessant bleibt.

Blaue Flecken an den Händen

Sehr niederschwellig hingegen sind die Erklärungen der drei Musikerinnen, ihre Herangehensweise an das Stück. Die Pianistin Sun-Young Nam erzählt zum Beispiel davon, wie sie in tagelanger Kleinstarbeit auf ihrem Handy ein Metronom eingestellt hat, weil das Stück in zehn Takten sieben Mal das Tempo wechselt und wie ihre Hände nach dem teils gewaltsam anmutendem Gehämmere aufs Klavier blau werden. Die Faszination für die Musik und die extreme körperlicher Arbeit, die "sugarcoating #2" einem abverlangt, vermitteln alle drei Musikerinnen auf mitreißende Art.

Ein bisschen auf der Strecke bleibt allerdings das Gespräch über das wirkliche Stück – denn die Komponistin ist an diesem Teil des Abends noch nicht zu hören. Erst später, nach dem Ende des aufgezeichneten Videos, treffen sich Zuschauer, Komponistin und Ensemble nochmal im Zoom-Chat. Aber das Gespräch kommt - die Bürde des Videochats - nur schwer in die Gänge.

Als Gesamtpaket nimmt man aber in 90 Minuten viele Eindrücke mit. Von einer jungen Komponistin mit interessanten Konzepten, die sich aber noch nicht zu hundertprozentig ins Klangliche übertragen. Und von einem tollen Trio Catch und seiner Konzertreihe "Ohrknacker", die hoffentlich bald dann auch wieder live Musik zum Wachsen bringt.

 

Beitrag von Jakob Bauer

1 Kommentar

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  1. 1.

    Naja am Ende ist ziemlich einfach einen Nummer-eins-Hit zu schreiben, schwieger ist es halt den dann unter die Leute zu kriegen.
    Da braucht man viel Glück und geschicktes Marketing und manchmal auch eine Menge Kohle.

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