Junges DT: "Selbstvergessen vom Anfangen und Aufhören" Eine Stückentwicklung von Gernot Grünewald und dem Ensemble. (Quelle: DT/Arno Declair)
Audio: Inforadio | 19.04.2021 | Ute Büsing | Bild: DT/Arno Declair

Theaterkritik | Junges DT Berlin - Poetisches Puzzle der Erinnerung

"Selbstvergessen – Vom Anfangen und Aufhören" heißt die neue Stückentwicklung des Jungen Deutschen Theaters Berlin. Sechs junge Menschen, deren Großeltern an Demenz erkrankt sind, begen sich darin auf die Suche nach Lebenserinnerungen. Von Ute Büsing

Besuche bei den in die mentale Dämmerung entgleitenden Großeltern werden nachempfunden, mit ihnen noch einmal im Fotoalbum geblättert, für sie charakteristische Erzählungen und Tätigkeiten wiederbelebt. Aus vielen kleinen Facetten entsteht ein poetisches Puzzle der Erinnerung. Die Zeitebenen des verrinnenden Lebens der Alten und des aufblühenden der Jungen werden im Strom des Erinnerns und der Zukunftsprojektion verschachtelt.

Ungeschönte Momentaufnahmen

Sechs junge DT-Spieler zwischen 10 und 19 Jahren haben sich bei ihren Großeltern auf Spurensuche begeben. Was sie im Familienarchiv gefunden haben, zeigen sie jetzt einander und dem Publikum, stolz und traurig zugleich. Behutsam nähern sie sich der Krankheit Demenz und was sie für die Betroffenen selbst und für nahe Angehörige bedeutet. Nichts wird beschönigt in der einstündigen Inszenierung. Nein, Demenz ist nicht nur eine Phase. Am Ende steht unweigerlich das Entgleiten in den Tod. Zwei junge Ensemblemitglieder haben ihre Großeltern bereits verloren.

Aber dem kaum noch wiedererkennbaren geliebten Opa, der verehrten Oma, im Pflegheim steht ihr gelebtes Leben entgegen. Eine Spielerin rollt Teig für Pite, wie die Großmutter es sie gelehrt hat. Großvaters großer Paradiesgarten wird noch einmal durchschritten – und wirkt auf den zweiten Blick so viel kleiner als in der frühen Kindheitserinnerung. Gelegentlich kommen die Großeltern in verstörenden Tonaufnahmen selbst zu Wort. An ihren eigenen Namen und den des Ehepartners können sie sich erinnern, an die Namen ihrer Kinder schon nicht mehr. Ein Spieler holt die noch recht fitte Oma, die zum Plausch bei der Nachbarin sitzt, live ans Handy. Ihr geht es gut.

Erinnerungsraum über das Private hinaus

Gespielt wird in einem multipel nutzbaren Plexiglas-Container. Dessen Wände werden bemalt, darauf erscheinen Projektionen von Fotos und Familienfilmen. In Szenen, die traurig machen, stülpen sich die Jugendlichen Masken ihrer Großeltern über, versuchen so, als Alte verkleidet, die Annäherung an das schwer Denkbare. In der Stückentwicklung von Gernot Grünewald tastet sich das Ensemble einfühlsam und manchmal altklug an die Grundfragen von Leben und Tod heran.

Dabei geht auch um die Angst vor dem Tod und die eigenen Zukunftspläne der Jungen, darum, wie sie als Alte einmal leben möchten. So verschmilzt das Selbstvergessen mit den Träumen und Utopien der Enkel. Der Erinnerungsraum weitet sich über das Private hinaus und das Publikum wird Teil davon. Sensibel fängt der Live-Stream einen einmaligen Bühnenmoment ein. Auf ein Neues dann am 21. April mit anschließender Diskussion.

Sendung: Inforadio, 19.04.2021, 06:55

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