Auf zum Pfefferberg – Eingang; © Armin Stapel
Armin Stapel
Audio: Inforadio | 15.04.2021 | Hendrik Schröder | Bild: Armin Stapel

Streamkritik | "Handiclapped"-Konzert in Berlin - "Die Befreiten" machen ihren Bandnamen zum Programm

Der Verein "Handiclapped" organisiert seit über zehn Jahren Konzerte von Menschen mit und ohne Behinderung - für Menschen mit und ohne Behinderung. Auch im Lockdown. Am Mittwoch gab es einen Stream aus dem Berliner Pfefferberg Haus 13. Von Hendrik Schröder

Der Spaß ist allen ins Gesicht geschrieben an diesem Abend. Der Saal ist leer, klar, bis auf die jeweils gerade nicht spielenden Bands und einige Betreuer. Aber die, die da sind, rufen und juchzen, als würde es bei "Rock am Ring" auf der Mainstage gleich losgehen. Keine Pandemiemüdigkeit, kein "Ach ist ja nur ein Stream". Alle sind frisch getestet. Alle haben total Lust.

Auch der Stream selbst ist gut gemacht. Eine schön ausgeleuchtete Bühne, die Kamera geht auch mal näher ran. Nicht aufdringlich, nicht effektheischend, aber so, dass man von den Musikern und Musikerinnen auch was sieht. Höhepunkt des Abends sind "Die Befreiten" mit drei neuen bzw. neu eingespielten Songs. Die Band hatte sich zwischenzeitlich aufgelöst, in der Pandemie wieder zusammengefunden und geprobt, so gut es Corona zuließ.

"Wir leben den Moment, mitten drin im Leben"

Und schon stampft der Schlagzeug-Beat los, schön simpel und geradeaus. Einer der Sänger fängt mit der ersten Note an, wild fuchtelnd Luftgitarre zu spielen. Die Sängerin tanzt auch mit. Wie gerne würde man da jetzt vor der Bühne stehen und anfeuern.

Eine Geige ist auch dabei. Und ein super Text: "Wir leben den Moment, mitten drin im Leben, alles geben, uns hält nichts mehr zurück", singen "Die Befreiten" sinngemäß. Und dies so überzeugend, dass die Welt sich gleich ein kleines bisschen besser anfühlt. Ja, da passt nicht jeder Ton, nicht jeder Einsatz, immerhin stehen da Leute auf der Bühne, die individuell für sich ihre ganz eigenen Herausforderungen haben, vielleicht wegen ihrer Behinderung nicht 100 Prozent tonsicher oder notenfest sind, aber das ist total egal. Das ist so mitreißend und echt und im besten Sinne unverstellte Freude an der Musik, das ist richtig rührend. Und das ist überhaupt nicht gemeint im gönnerhaften Sinne: "Oh guck mal, wie toll die Behinderten da Musik machen". Nein, die sind wirklich richtig toll.

"Handiclapped"-Konzert im Januar 2021 im Berliner Pfefferberg Haus 13

Mehr als die Summe der einzelnen Teile

So wie die Musiker*innen alle abgehen, da braucht mancher Rockstar vorher drei Bier, um so zu performen. "Die Befreiten" nicht, zumindest wird auf der Bühne Wasser und Saft getrunken. Wie passend der Bandname plötzlich wirkt. Wie man merkt, wie die Musik verbindet. Jeder steuert bei, was er oder sie kann und zusammen wird mehr daraus, als die Summe der einzelnen Teile.

Vielleicht sorgt manches Handicap für ein geringeres Schamgefühl, das weiß ich nicht genau. Aber in dem Fall wäre das eher Vorteil als Einschränkung. Bitte weiterproben und das nächste Mal ein paar mehr Songs mitbringen, diese Power können wir alle gut gebrauchen.

Sendung: Inforadio, 15.04.2021, 9 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

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