Archivbild: Der weltberühmte österreichische Dirigent Herbert von Karajan stellt in der Hansestadt Hamburg seine neue CD vor, aufgenommen 1988. (Quelle: dpa/Fischer)
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Audio: Inforadio | 15.04.2021 | Laf Überland | Bild: dpa/Fischer

Die CD wird 40 - 74 Minuten Nullen und Einsen

"Ein Wunder" nannte Herbert von Karajan die CD, als sie vor 40 Jahren auf den Markt kam. Seitdem hat sich viel geändert: Der digitale Tonträger wurde zur Kopier- und Komprimier-Vorlage - und wird mittlerweile längst von Streaming-Diensten verdrängt. Von Laf Überland

CDs waren der Traum vom opulenten Hörgenuss. Der Berliner Großdirigent Herbert von Karajan ließ es nicht nehmen, höchstpersönlich am 15. April 1981 in seiner Heimatstadt Salzburg der Öffentlichkeit die neue Technik zu präsentieren.

Seit 1974 hatten Sony, Philips und die Plattenfirma Polygram an der Technik rumgefummelt, und als sie 1981 marktreif war, nannte der Klangperfektionist Karajan das Compact Disc Digital Audio System "ein Wunder".

Was er meinte, war vor allem der unglaubliche Dynamik-Umfang dieser neuen Technik. Man konnte ganz leise spielen, weil kein Rauschen und keine Kratzer die digitale Wiedergabe störten. Und man konnte so laut werden, dass bei der Schallplatte die Nadel aus der Rille gesprungen wäre.

Archivbild: Dirigent Herbert von Karajan (M) bekommt von Sony-Direktor Akio Morita (r) am 22.04.1981 in Salzburg eine der ersten Miniplatten von 60 Minuten Spieldauer überreicht. (Quelle: dpa/Philips/Sony)
| Bild: dpa/Philips/Sony

Beethovens Neunte als Vorgabe für die Länge

Bei einem Besuch beim Sony-Chef Akio Morita in Japan hatte Karajan den Prototypen eines CD-Players gehört und geäußert, er wolle Beethovens 9. Sinfonie am Stück hören können – ohne Ablenkung durch das Umdrehen der Langspielplatte. Auch die Frau des Sony-Chefs wollte angeblich Beethovens Neunte ohne Unterbrechung – aber nicht die 66 Minuten schnelle Version von Karajan, sondern die von Wilhelm Furtwängler – stets 74 Minuten lang.

Deshalb, so geht die Legende, sei die Länge dieses neuen Tonträgers auf eben 74 Minuten festgelegt worden. Fachleute allerdings behaupten, man habe vielmehr den CD-Fertigungsvorsprung der beteiligten Philips-Tochter Polygram mit ihren 60-Minuten-Discs blockieren wollen.

Klassik und ABBA

Die ersten CDs, die dann herauskamen - 1982 in Japan und 1983 dann in Deutschland - waren jedenfalls Karajans Einspielung der "Alpensinfonie" von Richard Strauß, Chopin-Klavierstücke von Claudio Arrau und, damit die CD nicht von Anfang an im Klassikmuseum verstaubte - "The Visitor" von ABBA.

Allerdings kosteten CD-Player zu Anfang mehrere Tausend D-Mark, und so bahnte sich dieser neuartige Tonträger erst ganz allmählich seinen Weg auch in die Plattenregale der gewöhnlichen Pop-Fans, die ihre LPs ausmusterten und sie als CDs dann neu kauften - weil die nicht so viel Platz im Zimmer brauchten und vor allem, weil sie angeblich so viel besser klangen als Schallplatten.

Nullen und Einsen im Pixi-Buch-Look

Das mit dem Klang war natürlich Geschmackssache; die aus Nullen und Einsen bei jedem Abspielen elektronisch rekonstruierte Musik klang für viele so leblos und steril wie aus dem Reinraum der Medizinproduktion - zumindest für Fans, die aus dem Bauch heraus Musik hörten. Für sie verschwand mit der CD die Fülle des Wohllauts aus der Tonträgerwelt.

Aber vor allem hatte die CD - anders als die LP mit ihrer Gebrauchs-Patina einschließlich des identifizierbaren Kratzers, wo die Freundin das Cola-Glas geworfen hatte - einfach keine Aura. Allein schon, wie sie verpackt war: Die Hüllengestaltung von Langspielplatten war manchmal eine Kunst an sich gewesen - jetzt sah sie aus wie ein Pixi-Buch.

Archivbild: Eine CD wird in einen CD-Player eingelegt. (Quelle: dpa/Schoening)

Bald merkte die Musikindustrie, daß sie sich ein Kuckucksei ins Nest gelegt hatte. Denn eine CD ließ sich, weil sie ja eben nur aus einer Folge von Nullen und Einsen bestand, identisch und verlustfrei auf einen beschreibbaren CD-Rohling kopieren – im Gegensatz zu Schallplatten, von denen in der Regel Kopien auf Kassetten überspielt wurden, was zu deutlichen Klangverlusten führte. Also wurden verschiedene Kopierschutzsysteme eingeführt, was den Unternehmen aber allerhand Ärger einhandelte, weil selbst gekaufte Musik-CDs nun manchmal nicht mehr abspielbar waren.

Die Bedrohung aus Erlangen: MP3

Im Grunde aber konnten die Musikunternehmen sich nicht wirklich beklagen, denn gerade im Pop boomte der CD-Verkauf ein paar Jahre lang. Ein echtes Problem bekamen sie, als CD-Rohlinge, die in den frühen Achtzigern noch 50 Mark gekostet hatten, wirklich billig wurden und ausgeliehene, nur einmal gekaufte Alben am heimischen PC darauf gebrannt wurden und bald mehr Rohlinge über den Ladentisch gingen als Musik-CDs.

Aber wirklich dramatisch wurde die Situation für die Musikindustrie, als als das Fraunhofer-Institut in Erlangen 1992 MP3 erfunden hatte: eine Kompressionstechnik, mit der man Musik als kleine Päckchen über Internet verschicken konnte. Oder brennen. Oder speichern.

Audio-Streams dominieren Musikgeschäft

Eine Begleiterscheinung war, dass sich die Ansprüche an die Klangqualität von Musik gehörig reduzierten. Denn jetzt achteten die vor allem jungen Menschen, die das Downloaden von Musik aus dem Internet vorantrieben (gerne auch illegal), nicht mehr darauf, wie gut die komprimierte Musik klang: Hauptsache, es passte möglichst viel auf die Festplatte, den MP3-Player für die Hosentaschen und ab Ende der 2010er Jahre dann aufs Smartphone.

Inzwischen braucht man zum Hören dieser körperlosen Musik nicht mal mehr einen Speicher und man muss die Musik auch nicht mehr selbst besitzen. Für einen eher geringen Obulus kann man Millionen von Stücke auf Spotify und anderen Streaming-Diensten nudeln lassen. Da bekommt Mainstream eine ganz neue Bedeutung, denn 2020 machten die Audio-Streams 65 Prozent des Musikhandels aus und der CD-Verkauf gerade mal 20 Prozent. Das lag sicherlich auch an Corona: Plattenläden zu, alle zu Hause online. Aber die CD verabschiedet sich jedenfalls aus dem Massengeschäft, die meisten aktuellen Computer haben gar kein Disc-Laufwerk mehr.

Kulturpessimisten jedoch seien getröstet: Immerhin werden ja wieder mehr Vinyl-Schallplatten abgesetzt. Naja, ein paar wenigstens.

Sendung: rbbKultur, 15.04.2021, 10 Uhr

7 Kommentare

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  1. 7.

    Zitat: "bleib bei richtigen Tonträgern solange sie angeboten" - Ich auch vor allem Vinyl Das ist kein zeitgeistiges Ex-und Hopp sondern Musikhören at its Best. Gut aufgenommene und perfekt produzierte Alben (Medium fast egal) sind auch Kulturgut und bringen uns unabhängig vom individuellen Musikgeschmack auch gestärkt und mit positiven Emotionen durch die Corona-Pandemie. Nimm Dein Lieblingsorchester oder -band oder -interpretin und Kopfhörer zum Genuß!
    "finde die Auto-Rip Initiative amaz*n bei Kauf von CDs fair, bekomme die CD -UND- obendrauf MP3-Verson zum Download" - Ich finds 'ne absolute Frechheit beim Kauf einer LP diese beschi...nen MP3 aufgedrückt zu bekommen (nutze ich sowieso nie!), denn mal ehrlich, wenn ich etwas mit Fleisch essen will, dann bestelle ick mir ja och keene Curry.
    Nee, im Ernst; korrekt sind als LP-Zugaben eigentlich nur die CDs davon (gibts wirklich, wie z.Bsp. Springsteen, Gregory Porter) oder Downloadgutscheine für WAV oder Highres (megaselten!).

  2. 6.

    Also mir kommen diese neumodischen Silberlinge nicht ins Haus, God save the vinyl! ;-)

  3. 5.

    Die digitale CD ist der überflüssige Anfang vom Ende gewesen, weil man dummerweise die CD-Laufwerke in den Computer bringen "musste". Raub-kopieren und verteilen wurde zum Hobby.
    Anschließend scheuchte ein Reissue das andere (Remastered = Loudness War), da aktuelle Musik lauter produziert wird, und die ersten CDs zu leise waren. Heutige CD haben fast alle Clipping.
    MP3 ist teilweise qualitativer Mist trotz 320kbp/s gerade bei Live-Mitschnitten und Tracks die in einander über gehen sind futsch.
    Streaming ist Geiz der Jugend von heute und ein fauler Kompromiss die Künstler zu entlohnen. Außerdem muss man sich mit Playlists rumplagen, die man ständig erneuern muss.
    Ich bleib bei richtigen Tonträgern solange sie angeboten werden.
    Ich finde z.B. die Auto-Rip Initiative bei amaz*n bei Kauf von CDs fair, ich bekomme die CD -UND- obendrauf MP3-Verson zum Download beim Kauf.

  4. 4.

    Ich habe ganz viele und kaufe sie heute noch...... Danke den Erfindern.

  5. 3.

    Zitat:
    Ein echtes Problem bekamen sie, als CD-Rohlinge, die in den frühen Achtzigern noch 50 Mark gekostet hatten, wirklich billig wurden und ausgeliehene, nur einmal gekaufte Alben am heimischen PC darauf gebrannt wurden und bald mehr Rohlinge über den Ladentisch gingen als Musik-CDs.

    Nee, nicht Anfang der Achtziger, Anfang der 1990er Jahre gab es die ersten CD-Recorder zu kaufen. Zunächst nur im professionellen Bereich als "Stand-Alone"-Gerät für Musikstudios. Diese Geräte wurden wie Kassettendecks/Bandmaschinen angeschlossen. Erst ab Mitte der 1990er gab es entsprechende Brenner für den PC zu kaufen. Und da lag der Preis um 50 DM.

  6. 2.

    Schön, wie jemand vom RBB Kulturradio auf der Tastertur Zitat: "herumgefummelt" hat, um hier einen ziemlich oberflächlichen Jubiläumsartikel im Jugendjargon zusammen zu basteln, wie mein Vorredner Gerd schon treffend bemerkte. Unterschlagen werden hierbei unter anderem auch die Verbesserungen der CD durch HDCD, SACD und (am Rande auch) DVD-Audio. Im Streaming- und Downloadbereich sind auch die Hinweise auf stark frequentierte High-Res- Portale (= high resolution audio, eben mehr als CD mit 16 Bit / 44,1 kHz) im In- und Ausland unter den Tisch gefallen, obwohl diese zum CD-Preis oder weniger eine deutlich (!) bessere Auflösung bieten, dann erst schließt sich der Kreis doch wieder thematisch zum Klangperfektionisten v. Karajan.

  7. 1.

    Dazu passt folgender Text, den ich vorgestern auf der Musiker-Plattform "AMAZONA" gefunden habe: "Die CD ist ein komplexes Gebilde" (https://www.amazona.de/amazing-readers-music-manfred-miersch-subharchord-favourites/).

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