Schlüsselübergabe Neue Nationalgalerie - Wie ein alter Rolls-Royce in neuem Glanz

Außenansicht: Außenansicht -Neue Nationalgalerie. Kulturforum, Potsdamer Platz, Berlin Tiergarten. (Quelle: Simon Menges/David Chipperfield Architects)
Video: Abendschau | 29.04.2021 | Susanne Bruha | Gespräch mit Joachim Jäger | Bild: Simon Menges/David Chipperfield Architects

Nach mehr als sechs Jahren Bauzeit öffnet die Neue Nationalgalerie im August wieder für die Öffentlichkeit. Am Donnerstag wurde der Schlüssel symbolisch übergeben. Ein Blick hinter die Fassade einer Design-Ikone, die nun modernen Standards entspricht. Von Laurina Schräder

Mies van der Rohe wird gefeiert. Damals, als er 1962 den Auftrag bekam "einen repräsentativen Neubau am neu gegründeten Kulturforum" zu entwerfen – wie auch heute, fast 60 Jahre später. Mit der Neuen Nationalgalerie hat er eine Ikone der Architektur geschaffen. Weltweit bewundert wird insbesondere die verglaste Ausstellungshalle, die gegenüber der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße auf ihrem Podest thront, unter einem Dach, welches – getragen von lediglich acht Stützen – zu schweben scheint. Für ihre Instandsetzung galt daher ein Credo: So viel Mies wie möglich, so wenig Eingriffe wie nötig.

Ausstellungshalle in der Neuen Nationalgalerie @ Simon Menges
Ausstellungshalle in der Neuen Nationalgalerie | Bild: Simon Menges

Wobei sich die Eingriffe vor allem auf das Sichtbare der Neuen Nationalgalerie beziehen. Lässt man den Blick durch die 50 mal 50 Meter große Ausstellungshalle schweifen, sieht man keinen Unterschied im Vergleich zu vor sechs Jahren. Oder doch: Der Blick nach draußen wirkt klarer, die Scheiben irgendwie durchsichtiger. Doch kaum – eigentlich gar nicht – sind beispielsweise die neuen Pfosten der Stahl-Glas-Fassade von den Originalen zu unterscheiden. Dabei ist etwa jeder vierte neu. Der Grund für den Austausch: das Klima. Durch die Temperaturunterschiede zwischen Außen und Innen, dehnt sich das Glas aus oder zieht sich zusammen.

Innenansicht Neue Nationalgalerie während der Baumaßnahmen 2016. Kulturforum, Potsdamer Platz, Berlin Tiergarten. (Quelle: U. Zscharnt/David Chipperfield Architects)
Sanierungsprozess der Neuen Nationalgalerie | Bild: U. Zscharnt/David Chipperfield Architects

Folien hielten Glasfassade zusammen

Ludwig Mies van der Rohe, den die Projektbeteiligten im Übrigen alle nur wie einen guten Freund schlicht als "Mies" bezeichnen, hatte das offenbar nicht ausreichend bedacht. Über die Jahre war es zu Rissen in den Scheiben gekommen. Zuletzt hatten Folien die Glasfassade zusammengehalten und die Sicht getrübt. Eine Feder im Innern der neuen Pfosten lässt dem Glas jetzt entsprechend Platz.

Zudem wurde die Verglasung verbessert: Statt einer einzelnen Scheibe, ist nun doppelt so dickes Sicherheitsglas verbaut worden. Wobei doppelt so dick gerade mal zwei Mal 12 Millimeter – also 24 Millimeter – sind. Gegen dickeres Isolierglas sprachen die "denkmalpflegerischen Argumente", auch wenn das bedeutet, dass sich weiterhin im Winter Kondenswasser bilden wird.

Joachim Jäger, der Leiter der neuen Nationalgalerie, ist sich bewusst, dass er darauf reagieren muss "indem wir Ausstellungen machen, die nicht ganz so viel Feuchte brauchen. Oder man nimmt das Kondensat ein bisschen in Kauf. Es gehört leider zum Gebäude dazu. Mies wusste das auch schon. Es fällt auch nur in wenigen Wochen im Jahr an".

Abwägen zwischen zeitgemäßer Nutzung und Erhalt

Die Balance zu halten – einige der Fehler zu korrigieren, die mit dem Original-Design einhergehen, und es gleichzeitig zu erhalten –, sei die größte Herausforderung des Projektes gewesen, erklärt Architekt David Chipperfield, und fügt hinzu: "Man will Mies ja nicht reparieren, indem man ihn zerstört."

Mit diesem Satz lässt sich in etwa das gesamte Projekt beschreiben. Einfachverglasung oder viel zu dickes Isolierglas? Putzmittelraum oder Besucheraufzug? Teppichboden, ja oder nein? Es sei ein konstantes Abwägen zwischen zeitgemäßer Nutzung und Erhalt einer modernen Ikone gewesen, mit dem das Architekturbüro von Chipperfield 2012 beauftragt wurde. Die Instandsetzung des Gebäudes war zwingend notwendig: Wegen Mängeln wie die gesprungene Glasfassade, aber auch unzureichendem Brandschutz oder Altlasten wie Asbest endete die Betriebsgenehmigung für die Neue Nationalgalerie Ende 2014.

Ausstellungshalle im Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie © Simon MengesSanierte Neue Nationalgalerie, Berlin

Wie auch die Baustelle in den vergangenen Jahren hinter der schwarzen blickdichten Bauabsperrung nur zu erahnen war, ist nun ähnlich versteckt das Zeitgemäße im scheinbar Zeitlosen integriert worden. Neben der Sanierung des Betons im Rohbau ist unter anderem die Decke im Untergeschoss komplett erneuert worden. Statt der ursprünglichen Holzkonstruktion verbirgt sich jetzt hinter den weißen Holzmodulplatten ein neues System aus Metallkassetten. Die Fußbodenheizung in der Ausstellungshalle wurde erneuert und durch eine Kühlung ergänzt. Die Beleuchtung hat nun ein "weißeres Licht", und der Teppich ist zwar dem Original nachgebildet, aber auch er ist neu. Insgesamt wurden bei der Instandsetzung der letzten Jahre mehr als 35.000 Originalbauteile einzeln demontiert, restauriert und wieder eingesetzt.

Innenansicht - Neue Nationalgalerie. Kulturforum, Potsdamer Platz, Berlin Tiergarten. (Quelle: Simon Menges/David Chipperfield Architects)Foyer der Neuen Nationalgalerie

Mehr Platz für Ausstellungsvorbereitungen

Wirklich sichtbar sind auf den ersten Blick nur der neue Fahrstuhl neben einer der Garderoben in der Ausstellungshalle und die Rampe, die außen auf das Podest der Nationalgalerie führt, sodass diese nun auch endlich barrierefrei zu erschließen ist. "Eine reine Konservierung hätte dazu geführt, dass wir die Neue Nationalgalerie quasi als Architekturmuseum erhalten hätten", erklärt Martin Reichert, Partner im Büro von Chipperfield in Berlin. Ausstellungen hätten damit nicht mehr stattfinden können. Reichert vergleicht das Gebäude mit einem Oldtimer, einem Rolls-Royce. Man belässt die Außenhülle wie sie ist, das Design, doch, dafür, und damit der Wagen läuft, braucht es ab und an eben Lack und neue Teile.

Damit die Neue Nationalgalerie als Ausstellungsraum funktionieren kann, brauchten die Staatlichen Museen zu Berlin vor allem mehr Platz: nicht als Ausstellungsflächen, sondern um Ausstellungen besser vorbereiten zu können, und die entsprechenden Objekte zu deponieren. Deswegen wurde ein neues Kunstdepot angebaut – natürlich ohne, dass es Besucher erahnen können. Einzig auf den Plänen des Untergeschosses ist zu sehen, dass Mies van der Rohes quadratischer Grundriss Richtung Osten um mehr als rund 900 Quadratmeter erweitert wurde.

Die beiden bisherigen Kunstdepots im Untergeschoss wurden dagegen umgewidmet: im ehemaligen Gemäldedepot ist nun eine zusätzliche Garderobe untergebracht, im einstigen Skulpturendepot der Museumsshop.

Blick auf die Neue Nationalgalerie in Berlin, die am 15.09.1968 eröffnet wurde. Im Hintergrund die Matthäikirche. (Aufnahme vom 05.08.1969) (Quelle: dpa/Konrad Giehr)Blick auf die Neue Nationalgalerie, die 1968 eröffnet wurde

Neue Nationalgalerie und ihre zeitgeschichtliche Bedeutung

Die Neue Nationalgalerie ist das einzige Projekt in Europa, welches Mies van der Rohe nach seiner Emigration in die USA realisiert hat. Es ist nicht nur in seiner Konstruktion relevant, sondern in Hinblick auf seine zeitgeschichtliche Bedeutung für Westberlin. Der Brite David Chipperfield betont, dass "die Neue Nationalgalerie, gemeinsam mit Philharmonie, Staatsbibliothek – Kulturforum, hatte die Aufgabe, zu suggerieren, das Leben in Westberlin ist normal. Dass Westberlin ein realer Ort ist". Die Idee hinter den Gebäuden lag damals darin, ein kulturelles Zentrum am Rande des Tiergartens zu bauen, das in der Vision eines Gesamtberlins, Teil eines in Ost-West-Richtung verlaufenden Kulturbandes sein sollte. Die Neue Nationalgalerie ist gewissermaßen eine Utopie: puristisch und modern; klassische Ausstellungen wie sie bis dato gemacht wurden, ließ diese nicht mehr zu. Dafür stand sie für etwas Neues, Aufbruch und Zeitlosigkeit.

Doch mit den Jahren hat sich gezeigt, dass auch eine Utopie in Form eines scheinbar zeitlosen Gebäudes altern kann. "Ich finde das Untergeschoss hatte etwas Muffiges, etwas Altmodisches", erklärt Joachim Jäger ohne nachzudenken. Durch die Instandsetzung hätten die Räume nun etwas "Strahlenderes, mehr Kraft. Man fühlt sich dort wohler als ich das in Erinnerung hatte". Ob sich auch die Besucher wohler fühlen, zeigt sich ab August. Dann öffnet die Neue Nationalgalerie wieder offiziell für Besucher - mit einer Einzelausstellung von Alexander Calder, einer Filminstallation von Rosa Barba und der Sammlung mit dem Titel „Die Kunst der Gesellschaft“.

 

Sendung: radioeins, 29. April 2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Laurina Schräder

7 Kommentare

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  1. 7.

    Sanieren und Restaurieren im Bestand ist oftmals sehr viel teurer als Abreißen und Neubauen. Für zeugnisgebende Bauten - wie es die Neue Nationalgalerie zweifellos ist - lohnt es allerdings, weil es enorme kulturhistorische Bedeutung hat.

  2. 6.

    Ich kann mich Kommentar Nr. 1 nur anschließen. Ich freue mich auf die Eröffnung. Wirklich Großartig.....

  3. 5.

    100 MilionenGrab. Was war an dem Glaskasten denn so teuer ? Bei solchen Projektenüberschlagen sich offenbar immer die Kosten.

  4. 4.

    Wo sind die schönen Stühle?

  5. 3.

    Nur 6 Jahre für die Instandsetzung! Toll.

  6. 2.

    Ein maßstabgebendes, transparentes Bauwerk, was hervorragend wiederhergestellt worden ist. Wobei ich mir aber immer wieder die Frage stelle, ist, warum Architekten die Umgebung so unrealistisch darstellen, als hätte ihr Bauwerk die Kraft, alles andere in diesem Sinne mitzugestalten und mitzuformen: bspw. breite Fahrbahnen und nur vier Kfzs. drauf.

    Selbstverständlich fährt nicht nur ein einziges Rad auf der überbreit belassenen Potsdamer Straße, die wie eine Schneise das besagte Kulturforum seit jeher fast hermetisch zerteilt. Die Kollegen von de Meuron beim Nachbarbau waren da schon realistischer, wenngleich sie die Potsdamer Straße auf ihren Visualisierungen schon zur Autobahn adelten, übersteigert, um so ihrem Bau scheinbar Weltgeltung zu verleihen.

    Ich freu mich auf die Eröffnung.

  7. 1.

    Was für eine Ästhetik! Wunderschön! Danke

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