Stream-Kritik | "Filetstücke – wem gehört das Land?" - Technische Leistung ohne dramatischen Kern

"Filetstücke - wem gehört das Land" (Quelle: G2 Baraniak/Vaganten Bühne)
G2 Baraniak/Vaganten Bühne
Audio: Inforadio | 07.04.2021 | Ute Büsing | Bild: G2 Baraniak/Vaganten Bühne

Die Berliner Vaganten-Bühne und das Monsun-Theater Hamburg haben sich etwas Besonderes ausgedacht: eine hybride Simultan-Aufführung auf beiden Bühnen und im Netz. Technisch ist "Filetstücke" eine große Leistung, inhaltlich nicht. Von Ute Büsing

Es ist ein ambitioniertes Vorhaben, ein technisches Spektakel, das als Puzzle daherkommt. Denn, wer über Zoom zugeschaltet ist, kann zeitgleich eigentlich zwei verschiedene Stücke über unterschiedliche Lebensentwürfe verfolgen. Auf der Berliner Vaganten-Bühne geht es unter Ausnutzung aller Mittel klamaukigen Volkstheaters um eine Feriensiedlung für Stadtflüchtige in einem Grenzkaff namens Seelenheil, mitten im Vogelschutzgebiet.

Bauprojekte im Behörden- und Genehmigungsdschungel

Im Hamburger Monsun-Theater ringt derweil eine großstädtische Theaterbesitzerin ohne Subventionen mit der Sanierung ihres Spielorts. Beide Bauprojekte ziehen sich im Behörden- und Genehmigungs-Dschungel über 17 Jahre und kommen nicht zum Abschluss. Welches Vorhaben wohl mehr dem Wohle des Volkes dient, ist hier klar: natürlich das Theater und nicht das Immobilienprojekt. So wird die Fragestellung im Stücktitel "Fileststücke - wem gehört das Land?" beantwortet.

Bei den Berliner Vaganten mühen sich die Schauspieler Andreas Klopp und Felix Theissen nach Kräften, die Talking Heads der potenten Projektplaner, des angestammten Bürgermeister und der widerspenstigen Bevölkerung aufzubieten. Die Behördenkrämerei ist mal ziemlich papieren, dann wieder mit Geräuschemacherei und Klopperei am Tresen krachledern. Vieles mutet altbacken an.

"Wild und unverbaut" soll Seelenheil bleiben, fordert die örtliche Bürgerinitiative und auf dem traditionellen "Kürbisfest" kommen Jagdbläser mit Vogelschützern zusammen. Immer wieder wird auf die Ost-West-Vergangenheit des Grenzorts rekurriert (Konzept, Raum und Regie in Berlin: Johanna Hasse).

Felix Theissen (l.) und Andreas Klopp (r.) während der Vorstellung des Stücks "Filetstücke - wem gehört das Land" in der Vaganten Bühne Berlin (Bild: Vagenten Bühne/Gutwin)Felix Theissen (l.) und Andreas Klopp (r.) während einer Szene in der Vaganten Bühne Berlin.

Bei Monsun in Hamburg spinnt sich Rilana Nitsch in einem frisch weiß gemalerten Zimmer in den Kokon einer Theaterfrau in Corona-Zeiten. Das ist reduzierter und allemal sehenswerter als das Spiel in Berlin, wenn auch ziemlich verblasen. Als "Frau auf der Leiter" sinniert sie über die "Entmaterialisierung" des Theaters in der zwölften Virusphase. "Ich bin die Utopie des Theaters" deklamiert sie. (Konzept, Raum und Regie in Hamburg: Francoise Hüsges).

Der Clou: Interaktion auf der Split Screen

Zu selten kommt der eigentlich Clou des Gemeinschaftsprojekts zum Tragen, dass nämlich auf Split Screens die Männer in Berlin mit der Frau in Hamburg interagieren beziehungsweise sich gegenseitig befeuern - oder ins Handwerk pfuschen. Die Hamburger Theaterbesitzerin vertraut demselben Architekten, der Seelenheil lukrativ zum Freizeitparadies umgestalten will und sie spielt zugleich eine entrückte Schlossfrau, die dort seit der Wende gegen Widerstände ein Kulturzentrum betreibt und das "offene Dorf" propagiert. Ihre Theatergruppe heißt "Da, schau her!". Wenn die zwei parallelen Stücke sich verschränken, gewinnt die schon in der Vorlage von Michael Alexander Müller ziemlich einseitige Angelegenheit seltene Mehrdimensionalität.

Insgesamt wird viel so getan als ob. Was dem Theater eh innewohnt, wird in diesen Corona-Variationen auf Zoom manchmal eben überdeutlich. Deshalb: Technisch ist es bestimmt eine Leistung, was die beiden kleineren Theater gemeinsam gestemmt haben. Inhaltlich überzeugt es aber nicht. Was fehlt, ist der dramatische Kern.

Sendung: Inforadio, 07.04.2021, 6.55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

1 Kommentar

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 1.

    "Darf" Theater Position beziehen, wenn das Mittel zum Zweck, die einträgliche Verwertung bei der Schaffung von Wohn-, Gewerbe- und Freizeitraum zum überbordenden Zweck geworden ist?

    Wo kippt das Verhältnis zwischen Mittel und Zweck um, dass Bauten nur beliebiger und recht willkürlicher Anlass sind, weil es jene "Filetstücke" sind, die Zahlen gemäß eigener Denkhaltung nach oben treiben?

    Der gleiche Architekt bei völlig unterschiedlichen Vorhaben symbolisiert m. E. genau diese Frage, die durch den zugespitzten Titel leider etwas verdeckt wird. Die Freude über Schönheit beim Bauen können die wenigsten heutigen Architekten teilen, außerhalb gängiger aalglatter Formulierungen.

Nächster Artikel