Theaterkritik | "Move Out Loud" im Theater Thikwa - Wer hört mich?

Move out loud im Theater Thikwa (Quelle: Theater Thikwa/Mary-Ann Schubert)
Bild: Theater Thikwa/Mary-Ann Schubert

Das Theater Thikwa in Kreuzberg gilt als Pionier des inklusiven Theaters. Das neueste Werk ist ein Tanzstück und nennt sich "Move Out Loud". Darin geht es um den eigenen Körper, die Stimme eines jeden Einzelnen und die Frage: Werde ich gehört? Von Hendrik Schröder

Es beginnt mit Briefen, die von scheinbar körperlosen Händen durch verschiedene Rahmen gesteckt werden. Die Rahmen sind kreuzweise nebeneinander aufgebaut und mit verschiedenen durchlässigen Materialen bespannt. Mit Vorhangschnüren, losen Papierbahnen, durchlöchertem Stoff. Diese bespannten Rahmen wirken wie Schaufenster, durch die die Schauspieler*innen hinaus agieren und in die die Zuschauer hineinschauen. Einfach gemacht, aber total wirkungsvoll und auf zig verschiedene Arten zu bespielen. Licht kommt von hinten, schemenhaft werden die Körper zu den Köpfen und Händen sichtbar, Musik wabert. "Meine Form mag ich", sagen die Stimmen der sieben Schauspieler*innen nacheinander. Dann ragt ein Fuß aus einem der Löcher. Das hat Dynamik, nie weiß man, was wo als nächstes rausguckt.

 

"Ein Auseinanderzerren der Körperteile und neues Zusammenwürfeln"

"Das Spannende an dem Stück ist, dass die Körper am Stück eigentlich nie gesehen werden, es entstehen immer Puzzle und es entstehen verschiedene Körper. Mit acht Armen. Es ist immer wieder ein auseinanderzerren der Körperteile und neues zusammenwürfeln", sagt "Move Out Loud"-Choreographin und Regisseurin Modjgan Hashemian. Hautfarbene Anzüge werden die Akteure bei der Premiere am Donnerstag Abend tragen, das sei zwar im Tanztheater etwas oldschool, aber sehr effektiv. Denn so wisse man nie genau, welches Körperteil zu welcher Person gehöre.

Irgendwann stehen die Schauspieler*innen dann hinter Plexiglas, malen gegenseitig ihre Arme und Beine nach, verwuseln sich ineinander und natürlich ist die Szene wie das halbe Stück ein Sinnbild für: Gemeinsam sind wir stark! Aber wer ist eigentlich dieses "Wir"? Dramaturgin Hashemian sagt: "Wer versteht wen? Was wollen wir eigentlich sagen? Müssen wir füreinander sprechen oder können wir auch für uns selbst sprechen. Und diesem: Wie wir es wollen und wie wir sprechen - dem sind wir eben immer näher gekommen."

Abstrakt, aber lustig und berührend

Dabei haben die Schauspieler*innen größtenteils selbst bestimmt, wer wann was sagt, irgendwann habe der ganze Probe- und Entstehungsprozess eine Eigendynamik bekommen, sagt Dramaturgin Modjgan Hashemian. Und das passt ja auch zu der Grundfrage: Wer redet hier? Und warum? Ja, das ist alles ein bisschen abstrakt und wahrscheinlich könnte man "Move Out Loud" auch anschauen und was ganz anderes darin sehen, als die Ideen, die dahinter stecken.

Aber das Stück funktioniert. Auch, weil es so schnell ist und echt witzig zwischendurch und tragisch und versöhnlich, alles zugleich. Wenn sich nichts als ein paar Daumen und Zeigefinger durch Lamellen hindurchquetschen und gestikulieren und miteinander spielen und dazu hochfrequenter Sound durch die Gegend fiept - dann werden es ganze Hände und sie versuchen, sich zu greifen, aber sie erreichen sich nicht. Und dann ändern sie ein kleines bisschen den Winkel, den Zugang und dann klappt es mit dem Händereichen. Wie sinnbildlich. Und stark.

"Move Out Loud!" hat am 08.04. um 20 Uhr Premiere im Stream auf thikwa.de

Sendung: Inforadio, 08.04.2021, 9:55 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

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