Der Gitarrenbauer Dominik Sedlmayer spielt an einem Stand auf einem Banjo (Bild: Dominik Sedlmayer)
Dominik Sedlmayer
Audio: Inforadio | 21.04.2021 | Hans Ackermann | Bild: Dominik Sedlmayer

Upcycling im Instrumentenbau - Musikinstrumente aus Müll

"Oilcan Guitars" nennt Dominik Sedlmayr seine Gitarren, die er in einer Werkstatt in Berlin-Moabit aus alten Olivenölkanistern baut: Instrumente aus Müll - mit denen man richtig gute Musik machen kann, findet Hans Ackermann.

Mit virtuosem Fingerstyle spielt der in Berlin lebende amerikanische Gitarrist Jack B. Latimer einen Ragtime-Song auf einer "Oilcan"-Gitarre von Dominik Sedlmayr. Kaum zu glauben, dass hier nicht teures Tonholz schwingt, sondern eine große, eckige Blechdose - die Latimer am Ende des Songs dann noch als Trommel nutzt und das Instrument dabei richtig schön scheppern lässt.

Zeichen setzen

Den ersten Ölkanister für sein Upcycling-Projekt, erzählt Dominik Sedlmayr, habe er vor Jahren aus dem Griechenland-Urlaub mitgebracht. Die fünf Liter Olivenöl seien damals nach und nach "im Salat gelandet", der Kanister aber nicht in der Mülltonne, sondern auf der Werkbank. "Ich finde den Begriff "Musikinstrumente aus Müll" gar nicht so verkehrt. Damit kann ich ein Zeichen setzen, dass Müll nicht immer gleich Müll ist, sondern dass man viele Sachen wiederverwerten kann. Da wir viel zu viel Müll produzieren, finde ich, dass das ein wichtiges Thema ist."

Der Gitarrenbauer Dominik Sedlmayer präsentiert seine selbstgebauten Gitarren (Bild: Dominik Sedlmayer)
Bild: Dominik Sedlmayer

Maker in Moabit

Geboren 1989 in der Gegend "um Rosenheim" ist Dominik Sedlmayr vor fünf Jahren nach Berlin gezogen. Ewa zur gleichen Zeit hat der Oberbayer mit dem Upcycling begonnen. Inspiriert habe ihn "kurz nach dem Abitur" eine Dokumentation über westafrikanische Straßenmusiker. Seine ersten "Do.Se-Instrumente" - ein Wortspiel mit den Initialen seines Namens und dem verwendeten Material - sind noch am heimischen Küchentisch entstanden.

Mittlerweile hat Sedlmayr in Berlin-Moabit einen Arbeitsplatz in einer Gemeinschaft von "Makern" - junge, innovative Kunsthandwerker, unter denen er sich als Musiker und Upcycler sehr wohl fühlt: "Man trifft viele andere Maker, die ebenfalls verrückte Sachen bauen, Skateboards, Instrumente, Drohnen - das ist eine spannende Szene."

Fotos aus der Werkstatt

Im Hauptberuf bei einer Ticket-Agentur fest angestellt, ist Sedlmayr pandemiebedingt seit mehr als einem Jahr in Kurzarbeit. Er habe dadurch immerhin mehr Zeit für sein Upcycling-Projekt. Mindestens ein Mal pro Woche geht er in die Werkstatt, kann dort nach Herzenslust sägen und bohren, an Griffbrettern feilen oder F-Löcher in das Blech alter Ölkanister fräsen. Den Fertigungsprozess dokumentiert Sedlmayr in Hunderten von Fotos und zeigt bei Instagram, wie aus upgecycelten Blechkanistern Gitarren, Ukulelen und Mandolinen entstehen.

"Saiten drauf und man kann spielen"

Auf diesen Fotos sieht man dann unter anderem, dass der alternative Instrumentenbauer die Saiten seine Mandolinen einfach an umgebogenen Gabeln aus dem Besteckkasten aufhängt. "Zwei Gabeln mit jeweils vier Zinken, Saiten drauf und man kann spielen", fasst der Tüftler die findige Lösung zusammen. Und fügt hinzu, dass sich ein "Pfannenwender aus Metall" ebensogut als Saitenhalter eignen würde.

Eine aus einem Ölkanister gebaute Gitarre von Dominik Sedlmayer (Bild: Dominik Sedlmayer)
Zwei Gabeln dienen bei der selbstgebauten Gitarre als Saitenhalter. Bild: Dominik Sedlmayer

Doch nicht alle Teile lassen sich per Upcycling gewinnen: Die komplizierten Mechaniken zum Stimmen der Instrumente etwa kauft Sedlmayr im Laden. Ansonsten aber wird verbaut, was sich aus Müllcontainern und Flohmarktbeständen wiederverwerten lässt. "Beim Olivenölkanister war es natürlich witzig, auch tatsächlich Olivenholz zu verwenden. Zum Beispiel ein altes Schneidebrett, das ich zersägt habe, um den Hals und das Griffbrett daraus zu bauen. Insgesamt ist das natürlich eine Menge Arbeit. Für so eine Ukulele brauche ich insgesamt etwa 35 Arbeitsstunden."

Sein Wissen würde er gern weitergeben, sagt Sedlmayr; er werde auch immer wieder gefragt, ob er nicht Tagesworkshops für Jugendliche anbieten könne. Doch ein Oilcan-Instrument zu bauen, erfordere eben viel Zeit und Ausdauer. "Deshalb muss ich solche Anfragen immer ablehnen, weil das einfach nicht an zwei Tagen machbar ist."

Eine aus einem Ölkanister gebaute Gitarre von Dominik Sedlmayer (Bild: Dominik Sedlmayer)
Ein Pfannenwender tut es aber auch. Bild: Dominik Sedlmayer

In der Nische

Zusätzlich zu den Arbeitsstunden entstehen bei jedem Instrument rund 150 Euro Materialkosten, erzählt Sedlymayr. Danach könne er seine "Oilcan“-Instrumente verkaufen, nimmt dafür aus Überzeugung aber nur einem kleinen Aufschlag und gibt die originellen Gitarren, Mandolinen und Ukulelen aus Blech am Ende beinahe zum Selbstkostenpreis weiter. "Ich mache das nicht, um Geld zu verdienen, sondern weil es mir Spaß macht. Damit könnte man auch gar kein Geld verdienen, dafür ist das viel zu nischig."

Heraus aus der Nische, ein Gewerbe anmelden, kommerziellen Erfolg anstreben - auch weil er erst kürzlich Vater geworden sei und sich um seinen wenige Monate alten Sohn kümmern möchte, will der Instrumentenbauer im Moment keine riskanten Schritte gehen.

Beulen mit Charakter

Er werde aber weiterhin Blechkanister in Gitarren verwandeln, versichert Sedlmayr, Instrumente, die ihren eigenen Klang haben und vor allem ungewöhnlich aussehen, mit gelb-grünen Oliven auf dem Korpus oder dem leuchtend roten "Vorsicht Feuergefahr"-Zeichen. In solchen Kanistern wurde kein Olivenöl, sondern Nitro-Verdünnung aufbewahrt. Gründlich ausgewaschen, versichert Sedlmayr, könnte sogar solcher "Sondermüll" gefahrlos zum Klingen gebracht werden. Der äußere Zustand der Instrumente erzähle sowieso immer eine eigene Geschichte. "Das sind Ölkanister aus dem Müll, da gehören die Beulen zum Charakter. Oft genug haben die Dosen auch schon Beulen wenn ich sie bekomme. Beulen sind gar nicht schlimm."

Sendung: Inforadio, 21.04.2021, Hans Ackermann

Beitrag von Hans Ackermann

2 Kommentare

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  1. 2.

    Kanister aus Blech sind einfach und einwandfrei zu recyceln. Was der macht ist interessant,aber wird die Welt nicht retten. Plastik, Misch- und Elektronik Schrott sind das Problem.

  2. 1.

    Schöne Idee. Ich wünsche viel Erfolg!

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